• Leiterin des Deutschen Forschungszentrums für KI: "Ich sehe keinen großen Unterschied zum Silicon Valley"

Leiterin des Deutschen Forschungszentrums für KI : "Ich sehe keinen großen Unterschied zum Silicon Valley"

Die neue Leiterin des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, Jana Koehler spricht über die Konkurrenz im Silicon Valley – und Segeln.

Der Roboter Miki kann auf der Basis von Lernerdaten ein persönliches Beratungsgespräch mit Studierenden führen.
Der Roboter Miki kann auf der Basis von Lernerdaten ein persönliches Beratungsgespräch mit Studierenden führen.Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Frau Koehler, Sie sind eine der renommiertesten Forscherinnen zur Künstlichen Intelligenz (KI) und Seglerin. Was kann man bei dem Sport über KI lernen?

Tatsächlich sehr viel, denn beim Segeln lernt man sehr viel über sich selbst, über seine Stärken und Schwächen und das hilft auch beim Umgang mit Technologie. Vor allem ist es für mich aber auch ein schönes Hobby, das den Beruf ergänzt.

Sie leiten seit Februar eine der wichtigsten deutschen KI-Forschungsinstitutionen, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Heute übernehmen Sie das Amt offiziell. Was wollen sie anders machen als Ihr Vorgänger Wolfgang Wahlster?
Wir gehen auf eine veränderte KI-Forschungslandschaft zu, mit ganz anderen und mehr Playern, auch von privatwirtschaftlicher Seite wie beispielsweise mit Google, Amazon und Facebook.

Was bedeutet das für Sie?
Wir werden unsere strategischen Partnerschaften ausbauen und weiter auf operative Exzellenz setzen, dazu werden wir den Bereich Innovationstransfer ausbauen und neue Arten von Kooperationsformen entwickeln.

Beispielsweise welche?
In Kaiserslautern haben wir das Deep-Learning-Kompetenzzentrum, das zunehmend ein Magnet für die Finanzbranche ist. Im Rahmen unserer „Living Labs“ machen wir KI-Technologie erlebbar, spielen mit den Partnern konkret Szenarien durch, was der nächste Schritt für ein Unternehmen in einer Branche sein könnte. So konnten wir kürzlich die Münchner Rück und die Deutsche Börse als neue Gesellschafter gewinnen.

Die Regierung hat vor rund 100 Tagen ihre KI-Strategie verabschiedet, dazu gehört auch, „mindestens 100 KI-Professuren“ einrichten zu wollen. Eine gute Idee?
Es ist weniger wichtig, wie viele Professuren es sind, sondern vielmehr, dass es gute Leute sind, die wir auch aus dem Ausland nach Deutschland holen. Für die Grundlagenforschung, aber auch für die Fachhochschulen, wo die Professorinnen und Professoren an der Seite des Mittelstands stehen und den Unternehmen helfen können, Technologien in innovative Produkte zu überführen.

Wie aber kann der „Brain Gain“ aus dem Ausland gelingen, so dass KI-Experten aus der Privatwirtschaft oder von renommierten US-Universitäten freiwillig wechseln?
Ich bin mit meinem Wechsel vom Zürichsee, wo ich privat gewohnt habe, nach Saarbrücken, ja selbst ein Beispiel dafür, wie attraktiv Deutschland als Standort für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist. Wir sollten auch nicht nur auf das Silicon Valley schauen, sondern auch an Europa denken, wo der internationale Austausch ebenfalls sehr sinnvoll ist. Sicher können wir hier in Deutschland Dinge für ausländische Fachkräfte noch vereinfachen, so dass es leichter ist, sich hier zu integrieren und erfolgreich zu wirken. Aber wir sollten nicht unterschätzen, welche vielfältigen und schönen Möglichkeiten Deutschland bietet, um hier zu arbeiten und zu wohnen.

Und die Schönheit des Landes wiegt mehr, als der Gehaltscheck der Techgiganten?
Wir haben ja auch die Möglichkeiten, ausländische Spitzenkräfte sehr gut zu bezahlen. Dazu bietet Deutschland ein stabiles Sozialsystem, die Gesellschaft funktioniert und Menschen, die von Außen kommen, werden gut integriert und willkommen geheißen. Auch die Arbeitsbedingungen an den Universitäten sind sehr gut. Ich seh’ gar keinen großen Unterschied zum Silicon Valley. Wenn ich mir Stanford anschaue, dann ist das hier durchaus vergleichbar.

Ziel der Regierung ist, Deutschland mit der KI-Strategie zum Weltmarktführer für die Marke „KI Made in Germany“ zu machen. Ist das realistisch?
Natürlich muss das unser Ziel sein, die Marke Made in Germany auch auf modernste Technologien hin weiterzuentwickeln. Wir können auch nur über Qualität konkurrieren, weniger über die Menge oder den Preis.

Derzeit sieht es so aus, als verlieren wir den Anschluss gegen China und die USA.
Nein, wir haben eine sehr vielversprechende Basis, wie wir neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln können. Zum Beispiel im Gesundheitsbereich, wo die Medizintechnik aus Europa kommt, auch die Produktions- und Werkzeugmaschinen kommen aus Deutschland. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir das weiterentwickeln können und dabei auch mutige Entscheidungen treffen.

Jana Koehler ist die neue Chefin des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).
Jana Koehler ist die neue Chefin des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).Foto: dpa

Wie könnte das aussehen?
Es geht nicht nur um KI im Sinne von moderner Informatiktechnologie, sondern auch um Entwicklungen in der Chemie, in der Physik, in der Biologie. Den Unterschied wird machen, wie wir die Informatik mit diesen anderen Disziplinen verbinden, beispielsweise in Form eines KI optimierten 3D-Druckverfahrens mit organischen Materialien. Wir sind unglaublich gut darin, Disziplinen stärker zu verbinden, sicherlich mindestens so stark wie andere Länder. Wenn das alles zusammenkommt, dann gibt es die Innovationen für das 21. Jahrhundert, die wir brauchen.

Zu den Besonderheiten der „KI made in Germany“ gehört auch, dass der „Mensch im Mittelpunkt“ stehen soll. Konzentrieren wir uns zu sehr auf die ethischen Fragen?
Nein, ethische Fragen gehören unbedingt dazu. Wir müssen uns beispielsweise überlegen, ob wir Modelle wollen, bei denen Kunden individuell bepreist werden. In bestimmten Bereichen akzeptieren wir das momentan, aber wenn der eine Kunde für ein Medikament mehr bezahlen muss als der andere, dann stellen sich ethische Fragen.

Aber auch die klügsten Antworten nutzen nichts, wenn es keine Geschäftsmodelle gibt, die sich durchsetzen können.
Der Mensch ist die Quelle der Wertschöpfung. Es kommt in der KI nicht darauf an, den Menschen zu ersetzen. Wir alle machen heute viele unnütze Sachen. Wenn man in der Digitalisierung erfolgreich ist, bringen wir die Menschen gut an die Arbeit, sie haben Spaß daran und dann steigt auch die Wertschöpfung.

Wie steht es um das Zentrum zu gesellschaftlichen Fragen der KI, das Sie in Berlin mit Unternehmen wie Telekom, Google und SAP gründen wollen?
Das DFKI Berlin ist ein toller Motor, um Universität und Industrie zusammen zu bringen und zwar in beide Richtungen. Hier arbeiten wir vor allem an Themen, die für die großen Städte der Zukunft ganz wichtig sind, wie Mobilität, Gesundheit oder Bildung. Wir wollen in diese Pläne nun einen neuen Schwung reinbringen, daran haben auch unsere Partner weiter ein Interesse.

Für gute KI-Forschung- und Anwendung sind viele und gute Daten notwendig. Mit ihrem „Daten für Alle“-Gesetz will die SPD große Techkonzerne zwingen, ihre Daten zu teilen. Ist das ein guter Ansatz?
Es macht Sinn, dass Daten, die ursprünglich von Menschen kommen, auch diesen Menschen gehören. Das sind Daten, die aus der Gesellschaft extrahiert worden sind und die sollten auch der Gesellschaft wieder zugute kommen.

Sie haben in Luzern untersucht, wie mehr Frauen für die Informatik gewonnen werden können. Was sind Ihre Empfehlungen?
Das muss schon in der Schule angegangen werden. Beispielsweise, in dem ein auf den ersten Blick trockenes Gebiet wie Mathematik spannender und erlebbarer gestaltet wird. Durch veränderte didaktische Herangehensweise wie 3D-Visualisierung und Mensch-Maschine-Schnittstellen. Wichtig ist auch, dass Mädchen und junge Frauen andere Frauen in solchen Technikpositionen sehen und mitbekommen, dass sie dort erfolgreich und mit Spaß unterwegs sind.

Das wird auch Ihre Aufgabe in Saarbrücken sein, wo es nicht so einen schönen See wie in der Schweiz gibt. Wo werden Sie künftig segeln gehen – oder haben Sie ihr Boot in Zürich gelassen?
Ich habe gar kein eigenes Boot, sondern setze auf die Sharing Economy. Außerdem bin ich auch Trainerin für Stand-up-Paddling. Das kann ich sehr gut auf der Saar machen.

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