Wirtschaft : Margarete Müller

(Geb. 1909)||Sie war oft die einzige Frau. Auch beim Jahrestreffen der Apotheker.

Rebekka Kricheldorf

Sie war oft die einzige Frau. Auch beim Jahrestreffen der Apotheker. Sie hatte die Jungs im Griff, jeden Tag musste ihr ein anderer die Schultasche nach Hause tragen. Vielleicht sollte man besser sagen: Er hatte die Ehre.

Im thüringischen Eisenberg war sie das erste Mädchen, das Abitur machen wollte. Ihr Vater, ein Lehrer, erbat beim Direktor die Zulassung. Der Direktor entgegnete, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer mache, und deshalb überredete Margarete zwei Freundinnen, die höhere Schule mit ihr gemeinsam zu besuchen. Zu dritt durften sie. Und die Jungs in der Schule waren nun nicht mehr unter sich.

In Jena studierte Margarete dann Pharmazie – als einzige Frau. Emanzipation? Solche grundsätzlichen Überlegungen waren ihr fremd. Sie wollte etwas werden, also wurde sie es. Und Verehrer hatte sie genug. 1937 heiratete sie Hans, das hat manch anderem Verehrer das Herz gebrochen. „Margarete, wie konntest du mir das antun“, schrieb ihr einer, der die Hochzeitseinladung erhalten hatte. Das hat sie amüsiert, auch wenn Hans meinte, dass man über so etwas nicht lachen dürfe.

Die frisch approbierte Apothekerin schickte einen Brief zur Adler-Apotheke nach Berlin-Zehlendorf. Auf dem Bewerbungsfoto trug sie keine Brille. Prompt kam eine Einladung. Und jetzt? Sich mit oder ohne Brille vorstellen? Die Mutter riet: „Mädchen, nimm bloß die Brille ab, auch wenn du stolperst.“

So fing das an mit der Adler-Apotheke. Und mit der Freundschaft zur Apothekerfamilie Plack. Placks Schwiegersohn, ein Ingenieur, musste auf Pharmazie umsatteln, und so kam es, dass Margarete ihren zukünftigen Chef anlernte. Natürlich hätte sie gern ihre eigene Apotheke gehabt. Das aber sollte nicht sein.

Hans, ihr Mann, kam aus dem Krieg nicht mehr zurück, die Wohnung wurde zerstört, und Margarete zog mit ihren Kindern in eine Ruine, der eine Außenwand fehlte. Wenn sie im Winter Wasser holen ging und es aus dem Eimer an ihre Waden schwappte, fror es dort fest. Die Apotheke hatte den Krieg überstanden.

Viele Zehlendorfer sahen sie als Chefin an, doch sie blieb Angestellte – und schmiss den Laden. Weil ihr Chef keine Zeit hatte, fuhr sie zum Jahrestreffen des Apothekervereins. Als einzige Frau, wieder mal. Und als einziger Teilnehmer ohne eigene Apotheke. Abends, in weinseliger Stimmung ließen die Herren die Sammelbüchse kreisen als symbolische Grundlage für ihre Selbstständigkeit.

In den Sechzigern ging ihr Traum in Erfüllung. Der Chef legte sich eine zweite Apotheke in der Machnower Straße zu, durfte aber laut Gesetz nur eine führen. Deshalb wurde Margarete die Chefin der zweiten. Lange hatte sie daran allerdings keine Freude. Die Augen wurden schlecht, mit sechzig musste sie in Rente gehen. Erst 1987 bekam sie durch eine Lasertherapie ihre Sehkraft wieder. Ein Wunder! Auf dem Rückweg von der Klinik las sie ihrer Enkelin begeistert wie ein Schulmädchen jeden Schriftzug, jede Reklame vor. Sie engagierte sich jetzt voll Elan in der evangelischen Gemeinde „Zur Heimat“, sie empfing den neuen Pfarrer mit einem Präsentkorb.

Umso härter war es, als ihre Kräfte nachließen und sie in ein Heim musste. Sie war immer Herrin der Lage gewesen, hatte zwei Tage vor jeder Reise alle Koffer für die Familie gepackt. Jetzt sollte sie sich den Gesetzen anderer unterordnen. Im Pflegeheim wurde sie melancholisch, düster zuweilen: „Warum leb ich so lang?“ Bei einem seiner letzten Besuche, im Winter 2006, fand sie ihr Enkel im Aufenthaltsraum sitzen: „Zwischen lauter autistischen Verwirrten war die Stimmung wie im Film ,Einer flog über das Kuckucksnest.‘ “ Die Großmutter habe auch schon so einen stieren Blick gehabt. Aber sie erkannte ihn schnell und sagte: „Ich hab gehört, der Bush hat keine Mehrheit mehr. Das ist aber auch ein dummer Mensch, das sieht man ja sofort.“ Und dann sagte sie noch, sie wolle den Tagesspiegel wieder abonnieren, damit sie auf dem Laufenden sei. Dazu kam es nicht mehr.

Aber beim Bestattungssinstitut hatte sie sich noch um alles gekümmert: Sarg, Blumenschmuck, die Texte aus der Bibel. In die Traueranzeige musste nur noch ihr Sterbedatum eingetragen werden. Als Musik für die Trauerfeier hatte sie sich die Toccata in D-Dur von Johann Pachelbel gewünscht und das Lied: „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“.

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