Markus Faulhaber, Chef der Allianz Lebensversicherung : „Wir kaufen mehr Aktien und Immobilien“

Markus Faulhaber, Chef der Allianz Lebensversicherung, spricht im Interview über rentierliche Kapitalanlagen, die Verzinsung der Verträge und den Ausverkauf bei der Konkurrenz.

Die Allianz investiert in Autobahnen in Frankreich und Italien. „Wir ziehen uns zunehmend aus Zinstiteln zurück“, sagt Faulhaber.
Die Allianz investiert in Autobahnen in Frankreich und Italien. „Wir ziehen uns zunehmend aus Zinstiteln zurück“, sagt Faulhaber.Foto: Verena Müller/promo

Herr Faulhaber, Ihr Konkurrent Generali will seine Lebensversicherungskunden loswerden. Was ist mit der Allianz?

Wir denken nicht daran, Kunden und ihre Verträge an Abwicklungsplattformen weiterzugeben. Wir stehen zu unseren Kunden. Unsere Strategie ist eindeutig: Wir wollen neue Kunden gewinnen und nicht Kunden loswerden.

Haben Sie darüber nachgedacht, die Verträge der Konkurrenz zu übernehmen?

Nein. Wir sind keine Abwicklungsplattform. Bei denen geht es um die Übernahme von Versicherungsbeständen auf eine IT-Umgebung und die technische Abwicklung. Wir wollen neue Produkte entwickeln und neues Geschäft machen, das ist etwas ganz anderes. Deshalb haben wir uns auch nicht um eine Übernahme beworben.

Lebensversicherungen gelten als Inbegriff von Solidität und Langfristigkeit. Wie groß ist der Imageverlust, wenn jetzt Millionen Verträge auf der Resterampe landen?

Wenn die Übernehmer ihren Job vernünftig machen, haben die Kunden durch den Verkauf keinen Nachteil. Im Gegenteil. Sie könnten finanziell sogar besser dastehen, als wenn die Verträge bei den alten Gesellschaften bleiben würden. Wenn die nämlich kein Neugeschäft mehr betreiben, steigen die Kosten deutlich an. Das reduziert die Überschussbeteiligung der Kunden. Eine gute Abwicklungsplattform kann eine Alternative sein. Hinzu kommt: Das deutsche Aufsichtsrecht gilt weiter. Das gilt auch für die Regularien, die den Anteil der Kunden an den Kapitalerträgen, dem Risikoergebnis und der Kostenersparnis festlegen. Deshalb ist es an der Zeit, die Diskussion zu versachlichen. Ein Imageschaden entsteht nur dann, wenn die Debatte verkürzt wird und nicht alle Fakten auf den Tisch gelegt werden.

Werden weitere Versicherer ihre Bestände verkaufen?

Das weiß die Finanzaufsicht Bafin. Ich wage keine Prognose.

Nach einer neuen Studie des Lebensversicherungsaufkäufers Policen Direkt verdient ein Drittel der Versicherer mit den Kapitalerträgen nicht genug Geld, um die Garantien und Reserven zu decken. Wie ist das bei Ihnen?

Wir haben keinerlei Probleme, die Garantien zu finanzieren, auch nicht die unserer Bestandsverträge. Die sind schon durch unsere Rücklagen komplett durchfinanziert. Und wir haben auch keine Mühe, zusätzlich zu den Garantien auch noch eine attraktive Überschussbeteiligung zu zahlen.

Die Allianz hält die Überschussbeteiligung für 2018 stabil, andere nicht.

Ja, wir halten die gesamte Verzinsung in der Lebensversicherung auf einem unverändert hohen Niveau, also zum Beispiel 3,7 Prozent für das Vorsorgekonzept „Perspektive“, und das ist eine gute Botschaft für über neun Millionen Allianz-Kunden in der Altersvorsorge. Das hängt an verschiedenen Faktoren, zum Beispiel an unserer Finanzstärke. Der entscheidende Faktor ist aber die Qualität unserer breit diversifizierten, sehr effizienten und nachhaltig ausgerichteten Kapitalanlage.

Wie hoch ist die Rendite Ihrer Kapitalanlagen?

Für das laufende Jahr stehen die Zahlen noch nicht fest. Im Jahr 2016 waren es netto 4,44 Prozent.

Wie schaffen Sie das? Mit Bundeswertpapieren wohl nicht.

Wir haben schon sehr früh geahnt, dass die niedrigen Zinsen kein vorübergehendes Phänomen sind, sondern uns lange Zeit erhalten bleiben. Wir haben deshalb unsere Anlagestrategie angepasst und beispielsweise sehr frühzeitig langlaufende Wertpapiere eingekauft. Wir haben Zinspapiere mit Laufzeiten von 30 Jahren und mit hohen Zinsen. Deshalb haben wir noch sehr lange hohe Erträge aus diesen Kapitalanlagen. Hinzu kommt, dass wir durch die neuen Versicherungsprodukte sehr viel freier in der Kapitalanlage geworden sind.

Wie nutzen Sie diese Anlagefreiheit in der Kapitalanlage?

Wir gehen in neue Anlageklassen. Wir ziehen uns zunehmend aus Zinstiteln zurück und investieren in Sachwerte wie Aktien, Immobilien und in alternative Kapitalanlagen.

Kaufen Sie verstärkt Aktien?

Wir haben unsere Aktienquote hochgefahren. Wir liegen vier- bis fünfmal höher als andere Versicherer und werden die Aktienquote inklusive alternativer Anlagen noch weiter ausbauen.

Wie hoch ist sie derzeit?

Sie liegt bei handelbaren Aktien bei knapp zehn Prozent. Wenn man die Unternehmensbeteiligungen und alternativen Anlagen wie etwa die Beteiligung am Ausbau der Londoner Kanalisation oder an Gasnetzen nimmt, sind es über 13 Prozent. Rechnet man dann noch die Immobilien hinzu, kommen wir auf 18 Prozent. Alle diese Segmente bauen wir weiter aus. Wir haben die nötige Finanzstärke und die Freiheitsgrade in unserer Kapitalanlage, um uns das leisten zu können.

Wie hoch ist Ihr Anlagekapital?

Das sind rund 240 Milliarden Euro.

Die deutschen Versicherer, auch Sie, hatten ja mal die Hoffnung, in deutsche Infrastrukturprojekte wie Autobahnen zu investieren. Daraus ist aber so gut wie nichts geworden, oder?

Wir suchen im Interesse unserer Kunden nach langfristigen Anlagemöglichkeiten, die zur Altersvorsorge passen. Aber es gab einige Hürden, die nie so recht beseitigt worden sind, auch wenn eine private Finanzierung für die öffentliche Hand vorteilhaft sein kann. Wenn ich die politische Landschaft richtig sehe, gibt es auch keinen Konsens, Infrastrukturinvestitionen für Dritte zu öffnen. Das trifft aber kleinere Versicherer mehr als uns. Wir sind als Allianz gerade in der Kapitalanlage international tätig, und als großer Investor können wir direkt investieren. So können wir uns verstärkt im Ausland engagieren, wie beispielsweise Frankreich und Italien. Dort haben wir zum Beispiel auch in Autobahnen investiert.

Eine gute Geldanlage waren in den vergangenen Monaten Allianz-Aktien, die wegen Ihrer Aktienrückkaufprogramme kräftig gestiegen sind. Haben Sie Allianz-Aktien auch für Ihre Versicherten gekauft?

Nein, das dürfen wir nicht. Da gibt es regulatorische Grenzen. Aber natürlich steht es unseren Kunden frei, privat Allianz-Aktien zu kaufen.

Verkaufen Sie eigentlich noch die alten klassischen Garantieprodukte?

Sie sind noch im Angebot, aber die Nachfrage wird immer geringer. Im Privatgeschäft schließen mehr als 90 Prozent der Kunden zeitgemäße und chancenorientierte Altersvorsorgeverträge und biometrische Absicherungen ab. Auch im Firmengeschäft haben sehr viele Arbeitgeber die Gruppenverträge bereits auf die neuen Angebote umgestellt. Die Entgeltumwandlung läuft jetzt schon überwiegend über die neuen Verträge.

Die große Koalition hat in diesem Jahr ein Gesetz auf den Weg gebracht, um die Betriebsrenten zu stärken. Wie wirkt sich diese Reform aus? Verkaufen Sie jetzt mehr Policen?

Das neue Gesetz sieht Verbesserungen für Bezieher kleiner Einkommen und Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen vor und eröffnet die Möglichkeit, dass Arbeitnehmer ab dem nächsten Jahr steuerfrei höhere Beträge einzahlen können. Hier stellen wir jetzt schon eine Belebung fest. Außerdem sieht das Gesetz eine neue Zusageform vor, die in den Händen der Tarifparteien liegt.

Wollen Sie mit den Tarifpartnern ins Geschäft kommen und die neuen Verträge managen?

Ja, wir arbeiten bereits heute intensiv mit den Tarifpartnern zusammen, zum Beispiel im Rahmen der MetallRente oder des Presseversorgungswerkes. Und natürlich stehen wir auch bereit, neue Angebote für die neue Zusageform zu entwickeln. Hier gibt es aber noch keine Bewegung.

Wie viele Lebensversicherungen haben Sie selbst?

So um die zehn, unter anderem vier Verträge in der betrieblichen Altersversorgung mit Gehaltsumwandlung.

Markus Faulhaber (64) ist seit 36 Jahren bei der Allianz und seit 2012 Vorstandsvorsitzender bei der Allianz Leben in Stuttgart. Damit ist der Schwabe, der auch im Vorstand der Allianz Deutschland sitzt, wohl der erfahrenste Topmanager des Versicherungskonzerns. Der gebürtige Göppinger hat Mathematik und Physik studiert und ist nach seiner Promotion zur Allianz gegangen. Seit 1981 arbeitet er ohne Unterbrechung für die Allianz Leben, mit rund zehn Millionen Lebensversicherungsverträgen Marktführer in Deutschland.

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