Wirtschaft : Markus Jungbauer

(Geb. 1956)||Die Musik ist eben keine Droge. Sie ist ein Geschenk des Himmels.

Dora Winkelmann

Die Musik ist eben keine Droge. Sie ist ein Geschenk des Himmels. Als Markus Jungbauer 15 Jahre alt ist, nimmt er zum ersten Mal LSD. Lucy in the sky with diamonds heißt es in einem Lied von den Beatles. Tangerine trees and marmelade skies, a girl with kaleidoscope eyes. Nichts von alldem. Markus Jungbauer sitzt in der Küche seiner Eltern in Oberaden und kann nicht mehr aufhören über seine Mutter zu lachen. Er weiß nicht, was genau an ihr komisch ist, aber lachen muss er trotzdem, er kann ihr das nicht erklären. Später wird er sagen, in diesem Moment sei er absolut alleine gewesen.

Alleine ist er auch, wenn er Gitarre spielt, aber das ist ganz anders. Without going out of my door, I can know all things on earth, without looking out of my window I can see the ways of heaven.

Markus Jungbauer ist ein Zechenkind. Sein Vater ist Steiger, die Familie lebt zu fünft auf kleinstem Raum, seine Mutter spielt manchmal Akkordeon. Markus wünscht sich ein Klavier, bekommt eine Gitarre und ein Jahr lang Unterricht, dann ist er besser als sein Lehrer, und es ist auch kein Geld mehr da. Also macht er alleine weiter. Hören. Und spielen. Der engen Welt abhanden kommen. Mit vierzehn folgt er dem Vater ins Bergwerk. Er lernt Starkstromelektriker unter Tage, er lernt auch das Trinken unter Tage, im Bergwerk trinken sie alle. Müßig, darüber nachzudenken, was hätte anders sein können.

Mit neunzehn geht er weg aus Oberaden. Nach Lünen, Raum Dortmund. Er studiert die Beatles bis er mit geschlossenen Augen alles spielen kann, ganz bei sich. Er gründet die Silverbeatles, und jetzt bekommt er sie zum ersten Mal zurück, seine Liebe zur Musik und zum Rest der Welt letztendlich, das Publikum liebt die Silverbeatles. Sie geben ein Konzert nach dem anderen. Und die Stühle fliegen. Mädchen kreischen. Es ist alles so wie es sein soll, all you need is love love is all you need, und am Ende kommen dann die Drogen dazu. Alkohol, Marihuana, Heroin. Markus verliebt sich in ein Junkiemädchen, er wird angefixt, die Gitarren landen im Pfandhaus, die Verstärker auf dem Trödel. Sie bekommen ein Kind und Markus darf sich nicht kümmern, das Kind wird zu den Großeltern gegeben, die Mutter stirbt, die Silverbeatles lösen sich auf, es ist nichts mehr zu retten. Vorbei.

Daytop heißt das Therapiezentrum in Berlin, in das Markus sich einweisen lässt, weil er weiß, dass die Musik sonst ganz aus sein wird. Ganz schnell.

Bei Daytop bleibt er anderthalb Jahre. Immerzu um den Wannsee laufen, immerzu putzen, immerzu in die Gruppentherapie. Die Frage im Entlassungsformular „Glauben Sie, dass Sie ein Leben ohne Drogen führen werden?“, beantwortet er mit „Nein“. Die Musik ist eben keine Droge. Sie ist ein Himmelsgeschenk, aber der ganze Rest erscheint ihm schwer, lang und mühsam, zu wenig Raum für zu viel Gefühl.

Er bleibt in Berlin, studiert Zappa, Stevie Wonder und Prince, er hört, spielt, musiziert mit geschlossenen Augen. Er hat überhaupt kein Geld. Brot mit Tomatenmark, Weißwein von Aldi, er sieht aus wie ein Penner, seine Fingernägel sind dreckig, seine Hosen fleckig, Brandlöcher in den Pullovern, weil er raucht und dann einschläft, er ist verwahrlost, kaputt, naiv, genialisch. Und immer noch am Leben.

Anfang der neunziger Jahre hat er eine Band, die Headless heißt. Einen Probenkeller in Kreuzberg. Er braucht einen Keyborder und hat eigentlich nichts mit dieser Frau zu tun, die acht Jahre älter ist als er, wie ein Mädchen aussieht und zudem eine staatlich geprüfte Klavierlehrerin ist. Sie hat eine Visitenkarte. Sie ist sehr fleißig, versteht sofort und genau, was er hören will, sie kann vom Blatt spielen, und sie kann spielen wie McCoyTyner. Das ist Eva. Jetzt ist sie da.

Markus sagt über Eva, dass sie so ruhig sei und ausgeglichen. Ein Mensch mit Mitte und Schwerpunkt, genau richtig für ihn, neben Eva kann er schlafen, endlich. Eva sagt, Markus habe nach den Sternen gegriffen. Ehrlichkeit, Liebe und Zuneigung – genau das habe er mit seiner Musik in die Welt tragen wollen. Sie sagt, Markus habe eine Mission gehabt. „Wenn er gespielt hat, dann hat man ihn verstanden“. All you need is love love is all you need, und das sei sein Scheitern und sein Glück gewesen.

Fünfzehn Jahre leben sie zusammen. Proben und Touren mit Headless, sie komponieren gemeinsam und arrangieren Herbie Hancock, Pat Metheney, Wayne Shorter. Sucht nach Musik und Sucht nach den Drogen, sie trinken und nehmen Heroin und gehen auf Entzug, Eva schafft das, Markus schafft das nicht. Aber sie haben einander. Sie haben die Wohnung in Kreuzberg. Ein wenig Geld. Und die Musik.

Ende der neunziger Jahre wird Markus krank. HIV, er ist lange positiv gewesen, jetzt bricht das Virus aus. Und dann ist alles wieder wie am Anfang, wenn die Welt eng ist, aber weit wird mit der Musik. Markus Jungbauer ist in seinem Zimmer, zwischen Computer und Effektgeräten, Schnapsflaschen und Fernseher, Tabletten und Methadon, er ist mit den Beatles, mit Hancock und Strawinski, und Eva sagt, am Ende sei er immer mehr in sich selbst hineingegangen. Erschöpft, müde, ohne Angst.

Er zeichnete kleine Schaltkreise, ornamentale Verbindungen aus Noten, medizinischen Fachbegriffen, mathematischen Gleichungen. Vor dem Leben, sagte er, habe er sich nicht gespürt und nach dem Leben werde er ganz einfach zu nanokleinen Teilchen zerfallen, mehr sei nicht. Materie, verbunden mit den Elementen. Alles ist in Bewegung.

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