Messerbauer in der Coronakrise : "Der Branche hat es komplett die Füße weggezogen"

Unter den abgesagten Messen leiden vor allem die Messebauer. Ihre Aufträge brechen um bis zu 100 Prozent ein. Wie gehen die Firmen damit um?

Beate Wild
Messebauer tritt der Coronavirus besonders hart.
Messebauer tritt der Coronavirus besonders hart.Foto: © Thilo RŸckeis TSP

Eine Notsituation in diesem Ausmaß hat die deutsche Messebranche noch nicht erlebt. Wegen des Coronavirus wird derzeit in Deutschland eine Großausstellung nach der anderen abgesagt: von der ITB in Berlin über die Leipziger Buchmesse bis hin zur Hannover Messe. Neben Caterern und technischen Dienstleistern stecken vor allem die Messebauer plötzlich einer einer schweren Existenzkrise.

"Der Branche hat es komplett die Füße weggezogen", sagt Claus Holtmann, Geschäftsführer der Firma Holtmann in Langenhagen, Niedersachsen. 170 Mitarbeiter hat er, die sich um Planung, Ausführung und Aufbau von Messeständen kümmern - normalerweise. Im Moment liegt der ganze Betrieb so gut wie lahm. "Wir haben eine Stornierungsquote von 70 bis 100 Prozent für die Monate April und Mai", sagt Holtmann. Die gesamte Frühjahrssaison falle aus, und damit 60 Prozent vom Jahresumsatz.

Rechnungen werden hin- und hergeschoben

Auch Frank Türke, Chef des Atelier Türke im baden-württembergischen Balingen, berichtet von großen Umsatzeinbrüchen. “Es trifft uns sehr, sehr hart”, sagt er. “Teilweise kamen die Absagen, wenn die Messestände schon aufgebaut waren, etwa auf der Eisenwarenmesse”, erzählt er. Die Ausfälle muss er mit jedem Kunden einzeln verhandeln, denn eigentlich muss ja Leistung, die schon erbracht wurde, bezahlt werden.

Eigentlich. Im Moment würden sich Veranstalter, Aussteller, Messebauer und Subunternehmer aber gegenseitig die offenen Rechnungen hin- und herschieben, berichtet auch sein Mitbewerber Holtmann. "Zahl du, nein, zahl du, nein, zahl du", erzählt er. Wenn eine Messe nicht wegen höherer Gewalt abgesagt werde, hätten die Messebauer einen Anspruch auf Bezahlung, doch im Moment ist vieles noch unklar.

Die deutschen Messebauer sind von der Corona-Krise besonders betroffen, da Deutschland der weltweit führende Standort für internationale Leitmessen ist, wie der AUMA, der Verband der deutschen Messewirtschaft, mitteilt. 30 Prozent der Messebesucher kämen aus dem Ausland. Was sonst die Wirtschaftskraft des Standorts Deutschland repräsentiert, ist nun die Achillesferse der Branche.

150.000 Arbeitsplätze gefährdet

Der bisherige Gesamtschaden für die 5000 deutschen Messebauer beläuft sich auf zwei Milliarden Euro, rechnet das Research Institute for Exhibition and Live-Communication (RIFEL) vor. Insgesamt seien 150.000 Arbeitsplätze gefährdet.

"Seit Januar bekommen wir schon keine Aufträge mehr, im April und Mai werden überhaupt keine Messen stattfinden, das ist schwer zu überleben", sagt auch Simon Damböck, vom Atelier Damböck bei München. "Wir brauchen Lösungsstrategien, damit, wenn der Spuk vorbei ist, überhaupt noch eine Messeindustrie da ist, die in der Lage ist, eine Nachfrage zu bedienen", analysiert er.

Dass große Teile des Messegeschäfts langfristig in den virtuellen Raum verlegt werde, glaubt in der Branche niemand.
Dass große Teile des Messegeschäfts langfristig in den virtuellen Raum verlegt werde, glaubt in der Branche niemand.Foto: obs

 

Der Gesetzesentwurf für Kurzarbeitergeld von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), den das Kabinett am Dienstag noch vor der regulären Sitzung beschlossen hat, ist ein erster wichtiger Schritt, um die prekäre Lage für die Messebauer abzufedern. Die Bundesagentur für Arbeit übernimmt demnach 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns und auch die vollen Sozialbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden - zuvor waren es nur 50 Prozent. 

"Das ist eine große Hilfe und ich möchte mich bei der Politik ausdrücklich bedanken, dass sie so schnell reagiert hat", sagt Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer der Branchenverbandes der Messebauer FAMAB e.V.. Es sei ein richtiges Signal an die Branche, werde aber viele Unternehmen trotzdem nicht retten. 

Im Herbst eine doppelte Saison?

Auch ein Verschieben der Messen auf Herbst hält er für keine praktikable Lösung. “Eine doppelte Saison wäre nicht zu schaffen”, findet Kalbfleisch. Und Messebauer Holtmann sagt: “Bis zum Herbst muss man erst einmal überleben, vor allem die kleinen Dienstleister.”

Gerade kleine Subunternehmer oder Freiberufler, die sich etwa um Transport oder Aufbau kümmern, seien am schlimmsten betroffen von den Messeabsagen. Ihnen breche zum Teil die gesamte Existenzgrundlage weg und das beschlossene Hilfspaket würde bei ihnen oft nicht greifen.

Niemand glaub an eine virtuelle Zukunft

“Ich sage zu unseren Mitgliedern: Tut, was ihr könnt, um zu Überleben”, erzählt Verbandschef Kalbfleisch. “Sprecht mit euren Vermietern zur Stundung der Miete, mit euren Banken zur Stundung der Kredite und so weiter.” 

Manche denken auch bereits über neue Geschäftsfelder nach. Messebauer Tücke etwa versucht, sich stärker auf virtuelle Messen zu verlagern. Er habe Programmierer im Team und wolle nun den Online-Bereich stärken, erzählt er. Zudem habe er eine kleine Veranstaltungshalle angemietet, die für kleine Hausmessen genutzt werden kann. “Die Kunden können in kleinen Gruppen eingeladen werden und wir übertragen Sachen im Netz”, sagt er.

Doch dass das Messegeschäft über kurz oder lang komplett virtuell wird, glaubt in der Branche niemand. Zum einen ist ein Umstellen nicht von heute auf morgen möglich. “Und außerdem sagen wir immer: You can not email a handshake”, sagt Damböck. Einen Handschlag kann man nicht per Email verschicken. Und Türke fügt hinzu: “Das Persönliche, das Live-Erlebnis, die Gespräche mit Menschen kann man nicht ersetzen.” Nur so mache man schließlich Geschäfte.

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