Microsoft-Präsident Brad Smith : "Es entstehen Jobs, die man sich heute gar nicht vorstellen kann"

Die Nummer Zwei bei Microsoft erklärt, wie Künstliche Intelligenz unseren Alltag und die Arbeit verändern wird.

Microsoft-President Brad Smith in Berlin
Microsoft-President Brad Smith in BerlinFoto: Promo

Als der Jurist 1986 seinen ersten Anwaltsjob annahm, bestand Brad Smith (59) darauf, einen Computer zu bekommen. 1993 wechselte er zu Microsoft, ist dort heute Chefjustiziar und die Nummer Zwei hinter Konzernchef Satya Nadella. Am Montag stellte Smith in Berlin sein neues Buch über Künstliche Intelligenz (KI) vor. Er beschreibt darin, wie es künftig spezielle Gesetze brauche und wie Algorithmen die Arbeitswelt verändern werden. „KI wird alle Bereiche der Wirtschaft umkrempeln“, sagte auch Andreas Goerdeler, Leiter der Abteilung Digitale Agenda im Bundeswirtschaftsministerium bei der Vorstellung. Deutschland dürfe diesen Zug nicht verpassen. Er räumte aber ein, „dass andere Länder die Nase vorn haben“. Neben den USA zunehmend China. So seien von Investitionen in KI-Start-ups 62 Prozent in die USA geflossen, 17 Prozent nach China und nur 3,3 Prozent nach Deutschland. Da KI mit großen Datenmengen arbeite, forderte Goerdeler „Fair-Use-Regeln“ zur Nutzung von Daten. Auch Smith warnt vor der Konzentration von Daten in den Händen weniger Unternehmen. Zudem dürfe KI nicht nur von Männern entwickelt werden, „sonst benehmen sich die Computer auch wie eine Gruppe Männer“.

Herr Smith, wie wird Künstliche Intelligenz (KI) unseren Alltag verändern?

Ganz fundamental, das fängt schon an, wenn wir morgens aufwachen. Früher hat man dann das Radio oder den Fernseher angeschaltet und die Zeitung aufgeschlagen. Heute greifen viele zuerst zum Telefon. Und in 20 Jahren werden wir digitale Assistenten haben, die mit uns sprechen, wenn wir uns rasieren oder Make-up auflegen. Der sagt uns, wie der Verkehr und das Wetter werden, allerdings individuell für die eigene Route und die Orte, die an dem Tag im Kalender stehen.

Auch die Medizin wird viel personalisierter sein, so dass wir nicht mehr so oft persönlich zum Arzt gehen müssen. Geräte können die Gesundheitsdaten messen und übertragen, bei Bedarf sprechen wir per Video mit dem Arzt und wenn der uns Medikamente verschreibt, werden sie von einer Drohne geliefert.

Das klingt faszinierend, doch viele Menschen fürchten, dabei ihre Arbeit an Computer und Roboter zu verlieren.

Natürlich werden Jobs verschwinden, doch es werden auch ganz neue entstehen, die man sich heute gar nicht vorstellen kann. Das war beim Übergang der Wirtschaft vom Pferd zum Auto genauso. Da war klar, dass sich weniger Leute um Pferde kümmern und dafür andere ausgebildet werden, um Autos zu fahren oder zu reparieren. Doch dafür sind beispielsweise neue Jobs in der Werbung und Finanzindustrie entstanden.

Wieso das?

Die Menschen sind plötzlich mit viel höherer Geschwindigkeit gereist. Dadurch mussten die Werbetafeln ganz anders gestaltet werden, so dass man auch im Vorbeifahren noch etwas erkennt. So wurden Unternehmenslogos geboren, die brauchte man davor nicht. 

Zudem waren Autos teurer als Kutschen und die Menschen mussten sich Geld dafür leihen. So sind die Kundenkredite entstanden, die wir heute auch für selbstverständlich nehmen.

Solche indirekten Effekte werden auch bei KI wichtiger werden, als die Vorhersehbaren. Allerdings auch bei möglichen Jobverlusten.

Die Taxi- oder LKW-Fahrer, die von selbstfahrenden Autos ersetzt werden sind noch nicht einmal ihre größte Sorge?  

Das ist genauso schwer zu sagen. Aber auch hier lohnt der Rückblick: Zwischen 20 und 25 Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurde zum Füttern von Pferden genutzt. Als die dann weniger wurden, stellten die Bauern von Heu auf Weizen um, es gab eine weltweite Überproduktion und die Preise brachen ein. Das hatte einen signifikanten Anteil an der Wirtschaftskrise in den Dreißigerjahren.   

Es braucht daher Wendigkeit und Belastbarkeit der Regierungen, um auf solche Dynamiken zu reagieren. Das macht mir mehr Sorge, da in vielen Ländern die Regierungen ohnehin schon unter Druck stehen und künftig noch mehr leisten müssen.

Was sollte die Politik denn tun?

In den vergangenen 200 Jahren kamen einige der größten Fortschritte im Bildungssystem weltweit aus Deutschland. Eines der ersten Worte, die wir in den USA lernen ist das deutsche „Kindergarten“. Die große Chance ist es, auf diesen Stärken aufzubauen und die weiterzuentwickeln.

Entscheidend sind Investitionen, damit Menschen neue Fertigkeiten lernen. Derzeit gibt es nicht genug Programmierunterricht an Schulen und Universitäten, dabei ist das eine der wichtigsten Disziplinen der Zukunft. Um gut ausgebildet zu sein, sollte jeder Hochschulabsolvent mindestens einen Programmierkurs absolviert haben.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht, für alle Leute, die nicht Informatik studiert haben: Wenn die Computer ein bisschen mehr wie Menschen denken sollen, brauchen wir auch viele Sozialwissenschaftler, die ihren Beitrag leisten können. Programmierer müssen sich mehr mit Geisteswissenschaften beschäftigen und Geisteswissenschaftler mehr mit Informatik.

Aber auch bei den Arbeitsgesetzen und sozialen Sicherungssystemen müssen wir ganz neu denken.

Und ein allgemeines Grundeinkommen einführen?

Es ist nicht unsere Aufgabe, dass zu beantworten. Ich tendiere aber dazu, dass Förderprogramme generell besser funktionieren, wenn sie damit verknüpft sind, dass Menschen arbeiten und nicht anders herum. Zudem gehen Befürworter eines Grundeinkommens meist davon aus, dass wir künftig weniger Jobs haben. Das sehe ich nicht zwingend so, die Arbeit wird sich nur ändern und dafür müssen wir die Menschen trainieren.

Stephen Hawking warnt, dass KI außer Kontrolle geraten könnte. Wie groß ist diese Gefahr?

Eigentlich sind sich alle Experten einig, dass solch apokalyptische Visionen in denen Computer die Kontrolle über die Welt übernehmen noch Jahrzehnte entfernt sind. Wir haben also genug Zeit, die grundlegenden ethischen Fragen zu klären. Meine Sorge ist eher, dass die Menschen jetzt durch eine Periode der Nervosität gehen, dann aber merken, wie lange es dauert, bis KI solche Fähigkeiten entwickelt und sich daher keine Gedanken mehr über ethische Prinzipien machen. Doch die müssen wir jetzt entwickeln.

US-Unternehmen machen bei KI große Fortschritte, auch China investiert. Hat Deutschland da eine Chance?

Ja, aber Europa muss sich schnell bewegen. Keine Regierung tut so viel, um Investitionen in KI zu fördern wie China. Und die dortigen Technologieunternehmen schließen schnell zur Weltspitze auf.

Doch wenn die deutsche Wirtschaft die traditionellen Stärken mit KI kombiniert, hat sie viele Möglichkeiten. Man muss diese Gelegenheit aber auch Ergreifen. Es wäre ein Fehler, wenn Deutschland zulassen würde, dass andere Länder schneller KI ins Auto bringen.

Deswegen ist Deutschland auch für Microsoft so wichtig. Denn wir versuchen nicht eine große KI-Black-Box zu bauen, die wir dann Watson, Einstein oder wie auch immer nennen. Stattdessen bieten wir viele Bausteine, wie Bild-, oder Spracherkennung, aus denen unsere Kunden eigene KI-Lösungen entwickeln können.

Mit Cortana bieten Sie einen eigenen digitalen Assistenten, doch Amazons Alexa ist bekannter. Ist die Fokussierung auf den PC ein Fehler? 

Nein. Ende 2017 haben wir mit Harman Kardon ja auch den ersten Lautsprecher herausgebracht, auf dem Cortana läuft. Zudem bauen wir auf unsere Stärken im Bereich der Produktivität auf. Wer schreibt oder Zahlen analysiert nutzt oft Microsoft und Cortana macht die Arbeit noch einfacher.    

Reicht das, damit die Menschen künftig nicht Amazons Alexa oder den Google Assistenten nutzen?

Es wäre ein Fehler anzunehmen, dass in 20 Jahren jeder nur einen digitalen Assistenten nutzt. Wir fragen am Tag auch viele Menschen nach vielen Dingen, weil sie unterschiedliches Wissen haben. Wenn ich wissen will, mit wem ich mein nächstes Meeting habe frage ich Cortana. Wenn ich neues Waschmittel bestellen will, frage ich vielleicht Alexa. Nur auf einen Assistenten nutzen und dem alle Daten anzuvertrauen, wäre nicht so ratsam. Heute verlassen wir uns ja auch nicht auf nur einen Menschen, wenn wir Fragen haben.

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