Milliarden-Übernahme : Mailänder Modehaus Versace wird amerikanisch

Versace zählt zu den schillerndsten Modemarken weltweit. Jetzt wechselt das Edel-Label mit dem Medusakopf-Logo an Michael Kors, doch eine Hauptfigur bleibt.

Gerhard Bläske
Besucher gehen vor einem Versace-Shop in einem Luxus-Einkaufszentrum in Macao in China.
Besucher gehen vor einem Versace-Shop in einem Luxus-Einkaufszentrum in Macao in China.Foto: Alex Hofford/ dpa

Mit dem Verkauf des Modekonzerns Versace an den amerikanischen Luxuskonzern Michael Kors ist eine weitere Ikone des italienischen Lebensstils in ausländische Hände übergegangen. Die Transaktion, die am Rande der Mailänder Fashion Week bekannt wurde und inzwischen bestätigt ist, hat ein Volumen von 1,83 Milliarden Euro. Die Familie Versace bleibt im Unternehmen und behält eine kleine Beteiligung.

Seit dem Tod von Gianni Versace, der das Unternehmen 1978 mit seinem Bruder Santo gegründet hatte, hielt Giannis Schwester Donatella 20 Prozent der Anteile an der Holding, die 80 Prozent des Kapitals kontrolliert. Weitere 30 Prozent liegen bei ihrem Bruder Santo, 50 Prozent bei Donatellas Tochter Allegra Versace Beck (50%). Der US-Fonds Blackstone, der direkt 20 Prozent an Versace hält, wird aussteigen.

Interesse hatten offenbar auch die beiden größten Luxusgüterkonzerne LVMH und Kering (Pinault). Ihnen soll der Preis zu hoch gewesen sein. Versace war nach einer Umstrukturierung und Verlusten erst 2017 in die Gewinnzone zurückgekehrt und hatte einen Nettogewinn von 15 Millionen Euro verbucht. Der letzt bekannte Umsatz wurde für 2016 mit 686 Millionen Euro angegeben.

Versace war einer der letzten unabhängigen Luxusgüterkonzerne des Landes. Unter den großen Namen, die noch unabhängig sind, verbleiben vor allem Armani, der an der Hongkonger Börse notierte Prada-Konzern sowie die ebenfalls börsennotierten Tod`s (Schuhe), Moncler (Daunenjacken) sowie Brunello Cucinelli (Kaschmirpullover). Vor dem Verkauf an den Fonds Quattro R stehen soll Trussardi. Nach einer Untersuchung von KPMG hat es in der Luxus- und Modeindustrie zwischen Januar 2016 und März 2018 weltweit 652 Übernahmen gegeben. Davon entfielen 104 auf Italien.

Der Großteil der italienischen Unternehmen der Branche sind kleine Familienunternehmen mit wenig Kapital. Viele stehen vor einem Generationswechsel und haben keinen Nachfolger. Die Ausbildung von Fachkräften, hohe Lohnkosten, der teure Aufbau eigener Flaggship-Stores in Top-Lagen großer Städte und immer aufwändiger werdende Präsentationen sowie Investitionen in die Digitalisierung und social-media-Aktivitäten verschlingen Unsummen. Die größten italienischen Unternehmen der Branche, Armani oder Prada, kommen auf Jahresumsätze von zwei bis vier Milliarden Euro und sind im Vergleich zur französischen LVMH (42,6 Milliarden Euro), Kering (15,5 Milliarden Euro) oder dem Schweizer Richemont-Konzern (10,6 Milliarden Euro) Winzlinge.

Die größten italienischen Unternehmen der Branche, Armani oder Prada, kommen auf Jahresumsätze von zwei bis vier Milliarden Euro.
Die größten italienischen Unternehmen der Branche, Armani oder Prada, kommen auf Jahresumsätze von zwei bis vier Milliarden Euro.Foto: REUTERS/ Cathal McNaughton

Die für hochwertige Wollstoffe bekannte Loro Piano, der Edeljuwelier Bulgari und Fendi gehören schon seit einiger Zeit zu LVMH. Der Lederwarenproduzent Bottega Veneta, Pomellato, ein 42%-Anteil an dem Florentiner Haus Gucci sowie der Luxus-Modewarenausstatter Brioni wurden von Kering übernommen. Der Fonds der Herrscherfamilie von Katar kaufte das edle Mailänder Modehaus Valentino. Der Filzhuthersteller Borsalino wurde vom Schweizer Fonds Haeres Equita geschluckt. Cerrutti ist ebenso wie Krizia chinesisch, die Mandarina-Duck-Taschen sind koreanisch, der Dessous-Produzent La Perla niederländisch. Der Brillenhersteller Luxottica, größter italienischer Luxusgüterkonzern, fusioniert gerade mit der französischen Essilor und soll künftig nur noch in Paris börsennotiert sein.

Verkaufsgerüchte haben zuletzt auch den Aktienkurs des Schuhproduzenten Salvatore Ferragamo Schub gegeben. Die Familie dementiert aber, mit einem Private-Equity-Fonds zu verhandeln. Auch um Roberto Cavalli gibt es Gerüchte. An Missoni beteiligte sich kürzlich der Staatsfonds FSI. Mit Valentino und dem Lederwarenhersteller Furla sowie möglicherweise Ermenegildo Zegna stehen außerdem Kandidaten für einen Börsengang bereit

Umgekehrt gibt es nur wenige Beispiele für Übernahmen durch italienische Unternehmen. Der Lederwarenproduzent Piquadra übernahm gerade den französischen Taschenhersteller Lancel und, ganz frisch: das piomentesische Modehaus Zegna hat für einen vermutlich dreistelligen Millionenbetrag den amerikanischen Modehersteller Thom Browne gekauft.

Ausländische Aufkäufer lassen italienischen Marken in der Regel relativ viel Freiheit. Denn sie wissen um den guten Ruf des Made in Italy und auch um das handwerkliche Können und die Kreativität im Land. Brunello Cucinelli, der größte Hersteller von Luxus-Kaschmirmode in Italien, produziert ausschließlich in seiner Heimatregion Umbrien, in der Toskana und in den Marken. In seinem Heimatort Solomeo bei Perugia hat er eine Berufsschule gegründet, an der Handwerker wie Schneider, Maurer oder Näher ausgebildet werden.

Cucinelli ist ein Beispiel für ein erfolgreiches italienisches Unternehmen, das unabhängig ist. Der Umsatz steigt zweistellig. Der Nettogewinn wuchs im ersten Halbjahr 2018 um 20 Prozent. Damit war Cucinelli neben dem ebenfalls börsennotierten Luxus-Daunenjackenproduzenten Moncler das erfolgreichste Modeunternehmen des Landes. Der Börsenkurs hat sich binnen eines Jahres nahezu verdoppelt. 85 Prozent der Produktion werden im Ausland abgesetzt.

Italien ist der wichtigste Modeproduzent weltweit

Die italienische Mode-Branche (Textilien, Schmuck, Brillen) zählt 67 000 Unternehmen mit 600 000 Mitarbeitern. Bei einem Umsatz von rund 90 Milliarden Euro liegt der Exportanteil bei deutlich über 80 Prozent. Damit ist Italien der wichtigste Modeproduzent weltweit, verfügt aber, anders etwa als die Franzosen, über keinen multinationalen Konzern. Bemühungen, einen solchen Konzern zu bilden, sind immer wieder gescheitert.

Die Unternehmen profitierten zuletzt vor allem von dem wachsenden chinesischen Markt, der laut McKinsey etwa ein Drittel des weltweiten Luxusgütermarktes repräsentiert. Dabei sind die vielen chinesischen Käufer, die in Europa einkaufen, noch gar nicht berücksichtigt. Es sind nun vor allem die kaufkräftigen Millenials, die die Nachfrage treiben. Die Unternehmensberatung Bain prognostiziert für den globalen Luxusmarkt bis 2020 jährlich Wachstumsraten von etwa fünf Prozent auf dann 295 bis 305 Milliarden Euro.

Die Wachstumsperspektiven sind mit ein Grund dafür, warum Italiens Luxusgüterunternehmen bei internationalen Investoren so beliebt sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Übernahme ansteht. Zumindest Armani hat sich dagegen abgesichert: Mit einer Stiftungslösung will der 84-jährige Unternehmenschef und Gründer, der keine Kinder hat, verhindern, dass sein Vermächtnis Übernahmeopfer wird.

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