Moderne Arbeitszeit : „Teilzeit ist für Frauen oft eine Sackgasse“

Steffen Lehndorff vom Institut für Arbeit und Qualifikation verteidigt die IG Metall.

Ungerecht verteilt: Frauen wollen häufiger länger und Männer kürzer arbeiten, sagt Arbeitszeitexperte Steffen Lehndorff.
Ungerecht verteilt: Frauen wollen häufiger länger und Männer kürzer arbeiten, sagt Arbeitszeitexperte Steffen Lehndorff.Foto: imago stock&people

Herr Lehndorff, Sie bezeichnen Gewerkschaften als „Modernisierungsmotor“, wenn es um moderne Arbeitszeiten geht. Wie kommen Sie darauf?

Weil es die Gewerkschaften sind, die das Thema angehen, nicht die Regierung und nicht die Arbeitgeberverbände. Es geht ja um die Interessen der Beschäftigten, die für sich die Flexibilität fordern, die die Arbeitgeber bereits haben.

Inwiefern?
Die Arbeitszeitorganisation in der deutschen Industrie ist so flexibel wie sonst nirgendwo in Europa, wozu vor allem Arbeitszeitkonten beigetragen haben. Im Ergebnis hat das zur Wettbewerbsfähigkeit der Firmen beigetragen – aber eben auch zu mehr Leistungsdruck und zeitlicher Verfügbarkeit der Beschäftigten. In vielen Berufen lässt sich so das Rentenalter nicht gesund erreichen.

Um diese Frage gibt es jetzt einen Konflikt in der Metallindustrie. Ist es das wert?
Wir haben immer noch eine chinesische Mauer zwischen Teilzeit und länger gewordener Vollzeit, und die muss abgetragen werden. Dazu würde ein genereller Anspruch auf Phasen mit kürzerer Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte beitragen. Im Schnitt wollen Männer eher kürzer und Frauen länger arbeiten. Letztlich geht es darum, mit eingefahrenen Mustern im Betrieb, aber auch in den Haushalten zu brechen und zu zeigen, dass es auch anders geht. Von Work-Life-Balance wird bislang vor allem viel geredet. Aber praktische Gehversuche können offenbar nur im Konflikt ermöglicht werden.

Was bedeutet kurze Vollzeit?
Arbeitszeiten so grob zwischen 28 und 32 Wochenstunden. Teilzeit ist für viele Frauen eine berufliche und finanzielle Sackgasse. „Kurze Vollzeit“ dagegen signalisiert, dass phasenweise oder Arbeitszeiten um die 30 Stunden herum mit vollen beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten einhergehen können. Es geht um eine Arbeitszeit, die je nach Lebensphase und Belastungssituation variierbar ist. So wird es auch für Männer attraktiver, die gleiche Verantwortung wie Frauen für Kinder und Haushalt zu übernehmen. Und für Frauen wird es leichter, länger zu arbeiten. Aber die Tarifparteien alleine bekommen das nicht hin, es muss auch von der Politik viel energischer unterstützt werden.

Wie denn?
Mit massiven Investitionen in die Bildung. Die Schulen müssen in die Lage versetzt werden, eine bessere Basis liefern zu können für eine erfolgreiche Berufsbildung. Und eine deutlich ausgeweitete und besser ausgestattete Kinderbetreuung macht es für Frauen leichter, aus der Teilzeitfalle rauszukommen. Das Gesetz zum Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit ist ohnehin überfällig.

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