Netze gerüstet für Verkehrswende : Energiebranche bereit für Millionen E-Autos

Reicht der Strom in Deutschland, wenn viel mehr Pkw elektrisch fahren? Die Energiebranche gibt sich zuversichtlich und widerspricht anderslautenden Berichten.

Jens Tartler
Elektrisch in Schönefeld: BMW i3 beim Laden.
Elektrisch in Schönefeld: BMW i3 beim Laden.Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild

Unmittelbar vor der Sitzung des Klimakabinetts an diesem Mittwoch hat sich die deutsche Energiewirtschaft vehement für die Elektromobilität eingesetzt. Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), sagte am Dienstag in Berlin, die Umstellung auf Elektrofahrzeuge bringe viel für den Klimaschutz – und das zu wesentlich geringeren Kosten als beispielsweise der Kohleausstieg.

Kapferer wandte sich auch gegen den „Mythos“, Deutschland habe nicht genug Strom, um die E-Autos zu laden. Selbst bei zehn Millionen elektrischen Fahrzeugen würde der Bruttostromverbrauch nur vier bis fünf Prozent höher liegen als zurzeit. Zu berücksichtigen sei auch, dass der Eigenstromverbrauch der Kraftwerke durch die Umstellung von Kohle auf erneuerbare Energien sinke.

Betreiber von Ladesäulen nutzen Ökostrom

Im ersten Quartal 2019 hätten die Erneuerbaren einen Anteil von mehr als 40 Prozent an der Stromerzeugung in Deutschland gehabt. Die allermeisten Betreiber von Ladesäulen würden ohnehin 100 Prozent Ökostrom nutzen, sagte Kapferer. Der frühere FDP-Staatssekretär kritisierte auch die Berechnungen des Ex-Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, nach denen E-Autos klimaschädlicher sein sollen als solche mit Verbrennungsmotor.

„Der Versuch, Elektroautos durch irgendwelche Rechenbeispiele auf eine Stufe mit Verbrennern zu stellen, ist rückwärtsgewandt“, sagte Kapferer. „Das ist eine ideologische Debatte von gestern.“ Immer mehr Prosumer – also Produzenten und zugleich Konsumenten – würden den Strom für ihre E-Autos mit Photovoltaik-Anlagen auf dem eigenen Dach produzieren.

Der Ausbau der Offshore-Windenergie auf See schreite voran. „Ob wir im Jahr 2030 einen Erneuerbaren-Anteil von 62 oder 65 Prozent haben, ist dann nicht mehr entscheidend. Das E-Auto ist in jedem Fall sinnvoll.“

Diese Position vertraten auf der BDEW-Veranstaltung auch Martin Konermann, technischer Geschäftsführer von Netze BW aus Baden-Württemberg, und Thomas Schäfer, Chef von Stromnetz Berlin. Sie sehen auch die Infrastruktur gut gerüstet für den Hochlauf der E-Mobilität. Schäfer sagte, das Verteilnetz in der Hauptstadt sei schon heute für rund 250.000 E-Autos ausgelegt.

Punktuell seien Verstärkungen notwendig, etwa auf dem Euref-Campus in Schöneberg, wo 100 Tiefgaragenstellplätze mit Ladestationen ausgerüstet worden seien. Bei der BVG sei ein Busbahnhof für 30 E-Busse umgebaut worden.

Feldversuch bei Stuttgart läuft gut

Konermann sagte, Netze BW installiere an allen Stellen des Stromnetzes, die Probleme verursachen könnten, Sensoren. Beim Feldversuch seines Unternehmens in Ostfildern bei Stuttgart habe intelligentes Lademanagement dazu geführt, dass alle E-Autos am nächsten Morgen wieder fahrbereit seien. „Die Fahrzeuge stehen nachts drei Mal so lange, wie es braucht, um geladen zu werden.“

Außerdem habe bei den Teilnehmern in dem Wohngebiet die Reichweitenangst stark nachgelassen: „Am Anfang hatten wir vier Ladevorgänge pro Auto und Woche, jetzt nur noch gut einen.“ Selbst ohne Lademanagement hätten nie mehr als die Hälfte der Bewohner ihre Wagen gleichzeitig ans Netz gehängt.

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Alle drei Vertreter der Energiebranche wünschten sich eine Änderung des Miet- und Wohneigentumsrechts: Ein einzelner Bewohner soll nicht mehr verhindern können, dass Nachbarn auf eigene Kosten einen Ladepunkt installieren lassen. „Es ist ein Treppenwitz, dass eine Bundesregierung, die sich die Verkehrswende auf die Fahnen geschrieben hat, das nicht hinkriegt“, sagte Kapferer.

Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe komme seit mehr als einem Jahr zu keinem Ergebnis. Schäfer forderte, dass Stromversorger ihre E-Auto-Kunden darüber informieren, dass die Netzentgelte reduziert werden, wenn man dem Netzbetreiber erlaubt, den Ladevorgang so zu steuern, dass die Infrastruktur nicht überlastet wird. Dieser Kostenvorteil müsse an die Kunden weitergereicht werden.

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