Wie Nokia wieder Tritt fassen will

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Nokia-Vorstand Halbherr : "Nichts ist umsonst"

Wie viel verkaufen Sie?

Schauen Sie sich unser Jahresergebnis an. Wir haben 2011 eine Milliarden Euro mit Karten umgesetzt. Die Mehrheit des Geschäfts machen wir nicht mit Nokia.

Was ist so schwierig an dem Geschäft?

Karten sind nicht gleich Karten. Es ist ein Unterschied, ob Sie darstellen, wo das nächste Restaurant ist, oder ob Sie für eine Autonavigation bis zu 200 Attribute pro Straßensegment anzeigen. Unser Fahrassistenzsystem zeigt mit extrem hoher Genauigkeit an, wie steil eine Straße nach oben geht und wie eng die Kurve ist. Daraus berechnen wir, wie schnell Sie fahren können.

Das klingt nach Rallyefahren.

Nein, das klingt nach Sicherheit. Sie bekommen automatisch ein Warnsignal, wenn Sie zu schnell sind. Wir haben tausende Server laufen, damit sie überall auf der Welt innerhalb von 200 Millisekunden eine Antwort bekommen. Das kostet extrem viel Geld. Wir sind das einzige Unternehmen weltweit, das die komplette Wertschöpfungskette abbildet: Sie können Rohdaten bei uns kaufen, unsere Plattform nutzen oder sich Anwendungen von uns entwickeln lassen.

Wie macht es Apple?

Apple hat aus verschiedenen Quellen die Daten zusammengekauft. Das Ergebnis sehen Sie: Man kann nicht einfach Daten zusammenmischen, über die man keine Kontrolle hat.

Wenn Sie Karten und Navigation so gut können, ist das vielleicht die Rettung für Nokia?

Wir sind ein Teil von Nokia, ein extrem wichtiger Teil. Wir bauen gerade eine Einheit auf, die ein eigenes Geschäft ist. Viele unserer Kunden sind Konkurrenten von Nokia. Wer weiß, vielleicht sind wir einmal mehr wert als andere Geschäftseinheiten von Nokia. Firmen müssen sich wandeln. Wenn wir bei ortsbezogenen Diensten Weltmarktführer sein wollen, müssen wir überall sein – eben nicht nur auf Nokia-Geräten.

Wie wollen Sie Ihre Position verteidigen?

Unsere Strategie ist klar: Wir bauen mobile Geräte, die die Umwelt verstehen. Ein Beispiel: Mein Handy weiß von meinem Kalender, wann ich zum Flughafen muss. Und wenn der Wetterdienst sagt, dass es regnet, dauert die Fahrt dahin meist 20 Minuten länger. Also sollte es mich besser ein bisschen früher wecken. An solchen Anwendungen arbeiten wir.

Woran noch?

Wir bauen weitere Partnerschaften auf, um neue Geschäftsmodelle zu integrieren. Zum Beispiel mit dem Schnäppchenportal Groupon: Wir können Groupon mitteilen, dass jemand in 14 Minuten am Nordbahnhof ankommen wird. Groupon weiß heute vielleicht, wo ein Kunde ist. Wir wissen aber, wohin er geht. Das ist viel interessanter. Dann kann Groupon vorab schon Werbung schicken.

Aber niemand möchte Werbung auf seinem Handy.

Nur wenn der Kunde keinen Nutzen darin sieht. Aber wenn ich von Berlin nach München fahre und das Navigationssystem weiß, wo ich zwischen 13 und 14 Uhr sein werde und dass ich Kinder habe, dann kann es mit eine Raststätte mit Spielplatz empfehlen.

Sie sehen da keine Probleme mit dem Datenschutz?

Es interessiert uns nicht, wohin und wie schnell Sie fahren, es interessiert uns, wie schnell alle im Durchschnitt auf einer Straße fahren. Das beschreibt Verkehr. Aber wenn Sie sich als Nutzer anmelden und wir wissen, dass Sie gern schnell fahren, werden wir eine Route für Sie finden, die Sie schneller auf die Autobahn bringt. Wie gesagt, wichtig ist, dass wir Ihre Daten nicht zweckentfremden.

Egal wie gut Ihr Dienst ist, Nokia gilt nicht als innovativ.

In Deutschland stimmt das vielleicht ein bisschen. Nokia, das ist das Handy vom Papa. Leute, die jung und cool sind, haben ein iPhone. Also müssen wir ein Gerät bauen, das cool ist. Und das tun wir jetzt. Wir müssen schneller, besser, innovativer sein – und das sind wir geworden. Wir haben die beste Displaytechnologie, mit Abstand die beste Kamera, die besten Karten und Navigation und vieles mehr. Wer sich die neuen Modelle anschaut, ist schnell überzeugt.

Sie haben das Imageproblem auch wegen der Schließung des Werks in Bochum.

Die Politik hat daraus ein Riesenthema gemacht. In Wahrheit ist es doch so, dass die meisten Hersteller nie ein Werk in Deutschland hatten. Und wir haben hier Arbeitsplätze aufgebaut – gerade in Berlin. Das sind keine Fabrikjobs, aber High-tech-Arbeitsplätze.

Wie sicher sind diese Arbeitsplätze?

Es liegt an uns, hier erfolgreich zu sein. Nokia hat in Berlin wesentlich dazu beigetragen, dass es weitere Ansiedlungen im Technologiebereich gibt. Kleine Firmen kommen und gehen, da ist nicht jedes erfolgreich. Das heißt, wenn Berlin erfolgreich sein will, brauchen wir mehr Firmen wie Nokia.

Werden Sie Berlin weiter ausbauen?

Wir wachsen, wenn wir Wachstum rechtfertigen können. Wo wir investieren hängt auch von der Qualität der Leute ab, die wir bekommen. Darum ist es so wichtig, dass sich weitere Technologiefirmen in Berlin ansiedeln.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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