Nordic Game : Die wollen nicht nur spielen

Berlins Computerspieleentwickler suchen auf der Konferenz „Nordic Game“ in Südschweden erfahrene Fachkräfte und Investoren.

Schauplatz der "Nordic Game" ist das Slagthuset in Malmö.
Schauplatz der "Nordic Game" ist das Slagthuset in Malmö.Foto: Sebastian Bularca / Nordic Game

Fotos huschen in schneller Folge über die Leinwand: Alexanderplatz, idyllische Kreuzberg-Momente. Dann auch: Menschenmassen, die sich bei einer Wohnungsbesichtigung drängeln. Diese Bilder sind die Einstimmung für eine Podiumsdiskussion „Boom Berlin“, eine von zahlreichen Veranstaltungen auf der „Nordic Game Conference“, die vergangene Woche die internationale Computerspielentwicklerszene ins südschwedischen Malmö gelockt hat. Auf der Bühne sitzen die Leiter von Berliner Computerspielfirmen und berichten von ihren Erfahrungen in der deutschen Hauptstadt – schwierige Wohnungssuche inklusive.

Seit 2004 fand die Konferenz alljährlich in Malmö statt. Tausende Branchenvertreter strömen dann ins Slagthuset, einen zum Veranstaltungszentrum umgebauten Schlachthof in der Nähe des Hauptbahnhofs. In Vorträgen und Workshops informierten sich die Teilnehmer über die Entwicklungen der Games-Branche – von E-Sports über Blockchain-Gaming bis hin zur Eroberung des riesigen chinesischen Marktes. Die dreitägige Konferenz ist eine Mischung aus Wissensvermittlung, Spielepräsentation, Preisverleihungen und Party: groß genug, um wichtige Aussteller anzuziehen – und immer noch klein genug, um eine schon fast familiäre Atmosphäre zu erzeugen.

In diesem Jahr war Berlin erstmals mit einem eigenen Stand auf der Nordic Game vertreten. Den Auftritt organisierte BerlinBalticNordic.net, eine Initiative des Firmennetzwerks media:net. Die Berliner Spielefirmen suchen bekanntlich Arbeitskräfte und hoffen, sie bei Veranstaltungen wie der Nordic Game zu rekrutieren. „Unsere Unternehmen sind auch hier, um Finanzierungen zu finden“, sagt die media:net-Vorsitzende Andrea Peters. „Entweder über Investoren oder über Spiele-Publisher.“

Erfahrung gesucht

Die Zahl der Games-Firmen in Berlin wächst beständig. Laut einer Studie der Hamburg Media School gibt es in der Hauptstadt inzwischen 138 Unternehmen, die entweder selbst digitale Spiele entwickeln oder passende Dienstleistungen anbieten, zum Beispiel Übersetzungen. Damit liegt Berlin noch vor Flächenstaaten wie NRW und Bayern. Berlin suche vor allen Dingen Arbeitskräfte mit Erfahrung, so Peters. „Ich höre häufig, dass Nachwuchs gar nicht unbedingt das Problem ist, weil es in Deutschland eine gute Game-Design-Ausbildung gibt. Mangel herrscht aber an erfahrenen Kräften, die diese Nachwuchskräfte anlernen und führen.“

Einer der Aussteller am Berliner Stand ist Invr.space. Das Studio vom Kreuzberger Leuschnerdamm wurde 2016 gegründet und hat 15 Mitarbeiter. Invr.space produziert Virtual-Reality-Erfahrungen, berät Firmen, betreibt Forschung und verleiht Equipment. 2017 arbeitete das Studio an mehr als 200 Projekten, darunter Spots für die Automobilindustrie und VR-Dokus aus Flüchtlingslagern für Unicef. Eines der jüngsten Projekte von Invr.space ist „DNA Danse“, ein Multiplayer-Spiel, bei dem Hunderte Tanzschritte in Virtual Reality aufgezeichnet und archiviert werden.

Studios stellen auf der "Nordic Game" neue Projekte vor.
Studios stellen auf der "Nordic Game" neue Projekte vor.Foto: Sebastian Bularca / Nordic Game

„In Berlin herrscht Fachkräftemangel", bestätigt Firmengründer Sönke Kirchhof. „Natürlich gibt es Freiberufler – die sind aber teurer, weil sie einen höheren Tagessatz haben als Festangestellte. Außerdem sind sie nicht immer verfügbar.“ Kirchhof arbeitet auch deshalb lieber mit Festangestellten, weil er das entstehende Know-how im Unternehmen behalten möchte: „Wir sind auch ein Ausbildungsbetrieb.“ Im Lauf der Konferenz spricht Kirchhof mit zahlreichen Interessenten – und kann sein Team womöglich bald um internationale Fachkräfte erweitern.

Lebendige Start-up-Szene

Die Aussteller am Berliner Gemeinschaftsstand präsentieren eine enorm große Bandbreite an Technologien. Altagram befasst sich mit Lokalisierungen, Paymentwall mit Bezahldienstleistungen, BoomByte Games mit Spielen für mobile Geräte, das französische Weltunternehmen Ubisoft produziert in Berlin Spiele-Blockbuster für PC und Konsole. BoomByte sitzt in der Prenzlauer Pappelallee und ist eine Neugründung der Ingame Group aus Istanbul. „Wir haben uns nach westlichen Standorten für neue Studios umgeschaut“, erklärt Firmengründer Ozgur Soner. „Nach dem Vergleich mehrerer Möglichkeiten haben wir uns für Berlin entschieden.“ So biete der Produktionsstandort Kanada zwar Steuererleichterungen, sei aber zu weit von Istanbul entfernt. Der Standort Großbritannien indes sei schlichtweg zu teuer. „Berlin ist günstiger und auch nur zweieinhalb Flugstunden von Istanbul entfernt“, sagt Soner. „Die Start-up-Szene ist sehr lebendig, außerdem ist die Stadt für Unternehmer und junge Arbeitskräfte gleichermaßen attraktiv.“ Standortvorteile also, die BoomByte Games für die Rekrutierung nutzen möchte.

Für deutsche Spieleentwickler ist die Nordic Game noch aus einem anderen Grund interessant. Vor Ort sind zahlreiche skandinavische Firmen – und die zählen zu den erfolgreichsten Europas. Allein in Malmö sitzen mehrere bekannte Unternehmen, darunter Massive Entertainment („Tom Clancy's The Division“), King Digital Entertainment („Candy Crush Saga“) und die Tarsier Studios („LittleBigPlanet“). Die Ubisoft-Tochter Massive beispielsweise beschäftigt in ihrer Malmöer Zentrale mehrere Hundert Mitarbeiter und gehört damit zu den größten Arbeitgebern der 300 000-Einwohner-Stadt. Jenseits des Öresund – nur wenige Kilometer entfernt – liegt Kopenhagen, ebenfalls eine Hochburg der Spieleindustrie. „Wir können vom skandinavischen Markt noch eine Menge lernen“, sagt media:net-Chefin Peters. Wohlhabende Firmenchefs reinvestierten ihr Geld dort häufig in Start-ups – und sorgten damit für eine florierende Games-Landschaft. Bezahlung und Work-Life-Balance seien häufig ebenfalls besser als in Deutschland, meint Peters. Das mache es Berliner Unternehmen nicht leicht, skandinavische Arbeitskräfte anzuwerben.

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