Update

Not im Handwerk : Bundesregierung beschließt Meisterpflicht für zwölf Berufe

In zwölf Handwerksberufen wird der Meisterbrief wieder zum Muss. Eine Übersicht über die auserwählten Gewerke - und wie sie für sich geworben haben.

In der kommenden Woche könnte sich das Kabinett mit einem Gesetzentwurf befassen, der vorsieht, die Meisterpflicht in zwölf Berufen wieder einzuführen.
In der kommenden Woche könnte sich das Kabinett mit einem Gesetzentwurf befassen, der vorsieht, die Meisterpflicht in zwölf...Foto: dpa

Die Bundesregierung hat sich auf die Wiedereinführung der Meisterpflicht für zwölf Berufe geeinigt. Das Kabinett stimmte am Mittwoch einem entsprechenden Gesetzesentwurf von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu. „Das Handwerk ist innovativ, regional verankert und erschließt durch seine leistungsfähigen Unternehmen neue Märkte“, sagte der Minister. „Dies muss durch einen sachgerechten Ordnungsrahmen begleitet und zukunftsfest gemacht werden.“

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) bezeichnete den Gesetzentwurf als „richtigen und notwendigen Akzent für mehr Qualität und Qualifizierung im Handwerk“. Auch der Zentralverband Deutsches Baugewerbe begrüßte den Beschluss. „Damit ist der Weg frei, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu korrigieren“, sagte Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa.

Vor 15 Jahren hat die Bundesregierung die Meisterpflicht in 53 von 94 Handwerksberufen abgeschafft. Mit der Reform wollte die Regierung damals, in Jahren hoher Arbeitslosigkeit, Anreize zur Selbstständigkeit setzen. Damit konnten jedoch auch Pfuscher einen Betrieb gründen, was die Qualität der Arbeiten gemindert hätte. Außerdem soll mit dem Schritt zurück das Nachwuchsproblem im Handwerk gelöst werden. Mehr Meister würden wieder mehr junge Menschen ausbilden.

Skeptische Stimmen meinen allerdings: Der Rückgang bei den Azubis sei auch der demografischen Entwicklung und dem Trend zum Abitur und Studium zuzuschreiben. Immerhin haben auch jene Betriebe ein Problem, die ihren Meistertitel nicht abgeben mussten – wie Bäcker, Klempner, Friseure. Der Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden fürchtet, die Meisterpflicht behindere die Integration. Viele Ausländer, die als gelernte Handwerker kommen, könnten sich in Deutschland nicht mehr in den ausgewählten Gewerken selbstständig machen. Außerdem ist es für etliche Verbraucher wegen des Fachkräftemangels schon jetzt schwierig, einen Handwerker zu bekommen. Auch das könnte durch den Entschluss noch problematischer werden.

Für die Auswahl der Gewerke gab es schließlich zwei Kriterien. Handelt es sich um einen Beruf, dessen unsachgemäße Ausübung eine „Gefahr für Leben und Gesundheit“ bedeutet? Zweitens sollte jenes Handwerkskönnen berücksichtigt werden, das als „immaterielles Kulturgut“ anzusehen ist. Und so teilten etliche Branchen dem Ministerium mit, warum sie die Richtige ist. Ein Überblick.

Fliesen-, Platten- und Mosaikleger

Sie verkleiden Wände, Böden und Fassaden mit Fliesen aus Keramik oder Platten aus Naturstein. Besteht dabei eine Gefahr für Leib und Leben? Die Branche findet schon. Die Beschäftigten selbst seien während ihres Schaffens Gefahrstoffen wie Asbest und Epoxidharzen ausgesetzt. Fehler könnten in Operationssälen, Schwimmbädern oder Seniorenunterkünften wiederum schlimme Konsequenzen für andere Menschen nach sich ziehen. Jemand könnte auf dem Boden ausrutschen. Lockere Kacheln an einer Wand könnten herunterfallen und wen verletzen.

Die Reform der Handwerksordnung im Jahr 2004 habe zu einem erheblichen Qualitätsverlust in der Branche geführt, heißt es außerdem. So blieben Bauherren häufig auf den Kosten der Beseitigung von Schäden sitzen, die durch eine mangelhafte Verlegung von Fliesen entstünden. Verbraucher könnten bei Mängeln oft nichts weiter tun, weil nichtmeistergeführte Betriebe schneller wieder vom Markt verschwinden würden.

Estrichleger

Der Job ist körperlich anstrengend und gemessen am Kriterium der Erwerbsunfähigkeitsrente einer der riskantesten. Die Fachkräfte, die den ebenen Untergrund für einen Fußboden verlegen, müssen Brandschutz und Standfestigkeit gewährleisten, die Bildung von Schimmel verhindern und ebenfalls mit Gefahrstoffen wie Asbest umgehen. In den letzten Jahren hätten auch in diesem Bereich Schäden zugenommen, heißt es, weswegen eine Meisterpflicht vonnöten sei. Außer Acht gelassen wird der derzeitige Bauboom in Deutschland: Handwerker mussten 2018 so viele Aufträge aus Kapazitätsgründen ablehnen wie nie zuvor – auch Estrichleger.

Behälter- & Apparatebauer

Als Behälter- und Apparatebauer – früher Kupferschmied genannt – fertigt jemand riesige Kessel oder Behälter für Anlagen aus Kupfer oder Edelstahl an. Die Branche spricht sich für eine erneute Reform aus, weil die Mitarbeiter eine hohe Verantwortung tragen würden: Kessel für die Lebensmittelindustrie müssten extrem sauber sein – sonst sammeln sich Bakterien an. Behälter für die Chemie- und Pharmaindustrie haben rein und absolut dicht zu sein. Rohrleitungen in Industrieanlagen sollten extreme Hitze und Kälte aushalten – und bei Druckbehältern tragen Fachkräfte auch noch Sorge dafür, dass später kein Explosionsrisiko besteht.

Parkettleger

Parkettleger erschaffen Tanzflächen, Sporthallen, Theater- und Konzertsäle. Aus Sicht der Branche sei handwerkliche Expertise dafür dringend notwendig. Wer schluderig sei, könne Rutsch- und Stolperunfälle verursachen. Der Einsatz von Produkten zur Oberflächenbehandlung und vor allem das Verkleben der Böden habe in den letzten Jahren zudem stark zugenommen. Diese unsachgemäße Verklebungsarbeit könnte jedoch zu erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Ausdünstungen schädlicher Stoffe führen. Wichtig sei außerdem, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genügend Ahnung von Brand- und Schallschutz hätten.

Betonstein- und Terrazzobauer

Betonstein- und Terrazzobauer fertigen aus Mischungen von Sand, Kies, Zement und Wasser unter anderem Böden und Treppenstufen an. Eine Wiedereinführung des Meisters sei sinnvoll, weil die Nachfrage nach schweren Fassadenelementen von bis zu 20 Tonnen Gewicht oder freitragenden Treppen – wie man sie von Berliner U-Bahnhöfen wie Kottbusser Tor und Eberswalder Straße kennt – in den letzten 15 Jahren mehr geworden sei. Solche Tätigkeiten würden eine fachlich qualifizierte Ausübung voraussetzen, um Gefahren für andere zu vermeiden. Außerdem bestünde aus Sicht der Hersteller eine enorm große fachliche Nähe zum Steinmetzhandwerk, an dessen Meisterpflicht 2004 nicht gerüttelt worden ist.

Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker

Der Handwerksberuf des Rollladen- und Sonnenschutzmechatronikers ist älter, als allgemein angenommen wird: Als Vollhandwerk gibt es ihn seit 1936, doch inzwischen sei der Job aus Branchensicht sehr viel komplexer geworden. Die Kunden wollten sicher vor Einbrüchen geschützt werden – und nachhaltiger Energie sparen. Der Präsident des Bundesverbandes Rollladen und Sonnenschutz, Heinrich Abletshauser, meint sogar, „dass die ehrgeizigen Ziele zur CO2-Reduzierung in Europa und Deutschland ohne eine mit Nachdruck vorangetriebene energetische Sanierung des Gebäudebestandes nicht erreichbar seien“. Gerade seine Branche könnte „zur solaren Wärmegewinnung im Winter wie auch mit Sonnen- und Überhitzungsschutz im Sommer“ einen erheblichen Beitrag leisten.

Ein drittes großes Thema sei zur Zeit der Trend zum Smart Home. Darin können Licht, Heizung und eben auch Jalousien per Smartphone und Tablet gesteuert werden. Oder Rollläden werden von einem digitalen Manager bewegt, der eingespeichert hat, zu welchen Zeiten die Rollläden automatisch hoch- und wann wieder heruntergefahren werden sollen.

Raumausstatter

Raumausstatter gestalten Zimmer mit Vorhängen und Gardinen, Bodenbelägen und Polstermöbeln. Eine „Gefahrgeneigtheit“ ergäbe sich bei ihnen aus dem Umgang mit Lösemitteln und Wasserstoffperoxid. Falsche Materialien könnten zu Schimmelbildung führen. Die Entsorgung asbesthaltiger Bodenbeläge und Untergründe, aber auch Montagearbeiten an Wänden, Decken und Fassaden mit hinterfütterten Asbestdämmstoffen erfordere eine gute fachliche Ausbildung. Mit Blick auf den Kulturgutschutz wird aus Sicht der Branche insbesondere auf die Restaurierung und Erhaltung historischer Inneneinrichtungen und das dafür zwingend notwendige Expertenwissen hingewiesen, das derzeit als gefährdet angesehen wird.

Schilder- und Lichtreklamehersteller

Ausführlich wird auch in diesem Metier auf die vielen möglichen Risiken hingewiesen. Diese ergäben sich insbesondere beim Umgang mit Elektrik bis zu 10 000 Volt in öffentlichen Räumen oder an Verkehrswegen. Bei unsachgemäßer Anbringung der Reklame könnten schwere Unfälle geschehen. Mitarbeiter könnten vom Gerüst stürzen, wenn sie nicht auf sich achtgeben. Spätestens bei diesem Punkt äußerten die Gebäudereiniger ihren Ärger über die Auswahl der zwölf Gewerke. Dieser Gefahr seien sie doch wohl genauso ausgesetzt! Doch das Bundeswirtschaftsministerium entschied sich bei ihnen gegen eine Rückkehr zur Meisterpflicht.

Glasveredler

Die Fachkräfte fertigen riesige Fensterornamente an oder verzieren Vasen. Aus Sicht der Branche gebe es dabei einen hohen Anteil an gefährlichen Tätigkeiten – wie etwa bei der Überkopfverglasung oder Fassadenverglasung. Seit dem Jahr 2004 seien zudem neue Techniken hinzugekommen, die das Handwerk deutlich komplexer machen würden. Und: Das Gewerk weise zu 70 Prozent deckungsgleiche Tätigkeiten mit dem Glaser auf, dessen Meisterzwang nie infrage gestellt worden ist.

Die Politik nahm 2004 jedoch keine Rücksicht auf all diese Argumente, bemängelt der Bundesinnungsverband des Glaserhandwerks. Der Glasveredler werde häufig „aus Unwissenheit und zu Unrecht“ mit einem künstlerischen Glasberuf gleichgesetzt. Nun hat sich das Wirtschaftsministerium der Kritik angenommen und wird wohl wieder einen Meister in dem Gewerk einführen. Anders sieht es beim Glas- und Porzellanmaler aus, beim Graveur, Vergolder und Keramiker. In diesen Branchen sollen Menschen auch weiterhin ohne den Titel einen Betrieb eröffnen können.

Drechsler

Drechsler und Holzspielzeugmacher würden ähnlich riskant arbeiten wie die meisterpflichtigen Tischler und Schreiner – sei es beim Bau von Treppen, Säulen oder Bauteilen. Der Hauptunterschied läge aus Sicht des Handwerks nur darin, dass sich das Werkstück selbst drehe. Dabei bestünde jedoch eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Beschäftigten, wenn Holzteile herumflögen, und für die Kunden, wenn ein Treppengeländer fehlerhaft angefertigt werde. Das Drechsler- und Holzspielzeugmacherhandwerk wurde 2018 außerdem in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen. Dies solle in besonderem Maße vom Ministerium berücksichtigt werden.

Böttcher

Böttcher schaffen das richtige Gefäß, um Lebensmittel, Öle, Wein und Whiskey zu lagern. Da das Holz unmittelbar mit dem Inhalt in Berührung kommt, sei eine gute Ausübung des Handwerks unerlässlich, um das Wohlergehen anderer nicht zu gefährden. Die Wiedereinführung des Meisters sei außerdem wichtig, um eine 2000-jährige Tradition zu bewahren, die für die Entstehung des (Fern-)Handels eine zwingende Voraussetzung war und somit eine „überragende historische Bedeutung“ habe, wie die Branche in ihrer Stellungnahme schreibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch rund 10 000 Betriebe in Deutschland. Inzwischen sind es lediglich 59 Unternehmen.

Orgel- und Harmoniumbauer

Orgelbau und Orgelmusik sind 2017 in die internationale Unesco-Liste des immateriellen Kulturguts aufgenommen worden. Dies wird als erstes Argument der Branche angeführt. Auch die denkmalgerechte Restaurierung, der Schutz und die Pflege teils jahrhundertealter Orgeln sei kulturell von immenser Bedeutung. Die Bedrohlichkeit für die Beschäftigten wie auch für die Öffentlichkeit wird wiederum mit der Planung und dem Bau teils tonnenschwerer und haushoher Instrumente inklusive schwerer Pfeifen begründet. Hinzu käme noch der Umgang mit chemischen Mitteln gegen Holzschädlinge und Schimmelbefall sowie mit heißen Bleilegierungen im Metallpfeifenbau.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!