Immer wieder Schlagzeilen wegen der Bezahlung

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Onlinehandel : Das System Amazon

Zum Investitionsvolumen schweigt Amazon. Ansonsten aber ist der Konzern mit Sitz in Seattle, im US-Bundesstaat Washington, um Transparenz bemüht. Seit eine Fernsehreportage zu Beginn des Jahres teils skandalöse Wohn- und Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern zeigte, kämpft das Unternehmen in Deutschland gegen das Ausbeuter-Image. Als erste Konsequenz kündigte es einer Zeitarbeits- und einer Sicherheitsfirma, die für Unterbringung und Bewachung der Arbeitskräfte zuständig waren. „Wir haben gelernt“, beteuert ein Sprecher. „Inzwischen rekrutieren wir Mitarbeiter aus der jeweiligen Region für das saisonale Geschäft selbst.“ Will heißen, man will auf das Ankarren und Unterbringen von Arbeitern nach Möglichkeit ebenso verzichten wie auf Zeitarbeitsfirmen. Vor allem vor Weihnachten braucht das Unternehmen viele zusätzliche Helfer – und alle sollen bei gleicher Arbeit gleich bezahlt werden.

Amazon erzielte 2012 weltweit einen Umsatz von 61 Milliarden Dollar.
Amazon erzielte 2012 weltweit einen Umsatz von 61 Milliarden Dollar.Foto: Reuters

Die Bezahlung ist der zweite Punkt, mit dem Amazon seit einigen Monaten immer wieder in die Schlagzeilen gerät. Das Unternehmen liegt mit einem Einstiegsgehalt von 9,55 Euro in der Stunde nach eigenen Angaben am oberen Ende dessen, was in der Logistikbranche üblich ist. Nur: Ist das Unternehmen ein Logistiker oder ein Händler? Die Gewerkschaft Verdi will einen Tarif erreichen, der sich am Einzel- und Versandhandel orientiert, der Weihnachts- und Urlaubsgeld beinhaltet sowie Nachtzuschläge bereits ab 20 Uhr. In Brieselang liegt der Stundenlohn beispielsweise knapp einen Euro unter dem in Brandenburg gültigen Tarif im Versandhandel. Doch Verhandlungen mit Verdi sind das letzte, worauf sich Amazon einlassen will. „Unsere Ansprechpartner sind unsere Mitarbeiter, nicht die Gewerkschaften“, betet Standortleiter Müller die offizielle Konzernlinie nach. Mit einem Betriebsrat muss er sich nicht auseinandersetzen. Hier gibt es nur ein vom Unternehmen initiiertes Mitarbeiterforum. Man betrachte das als Vorstufe zum Betriebsrat, sagt ein Konzernsprecher. Die Mitarbeiter müssten erst lernen, wie ein Betriebsrat funktioniert, bevor sie einen gründen.

Immer wieder kommt es zu Streiks

Thomas Schneider bringt das in Rage. „Natürlich haben die Mitarbeiter Erfahrung mit Betriebsräten“, sagt der für das Versandzentrum in Leipzig zuständige Verdi-Sekretär. Dort wie in den beiden Zentren im hessischen Bad Hersfeld tritt ein großer Teil der Mitarbeiter seit Monaten immer mal wieder in Streik, um für den Tarifvertrag zu demonstrieren. Der Organisationsgrad von Verdi ist an beiden Standorten mit rund einem Drittel der Arbeitnehmer verhältnismäßig hoch.

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"Bei Amazon sollen Menschen wie Roboter funktionieren"

Bundesweit liegt die Tarifbindung im Einzelhandel und Versandhandel bei 45 Prozent, im Osten deutlich darunter. Damit der Tarifvertrag allgemeingültig würde, müsste Verdi mindestens 50 Prozent erreichen. Das sei aber keineswegs der Grund, warum man sich so intensiv mit dem US-Konzern beschäftige, beteuert Schneider. „Bei Amazon sollen die Menschen wie Roboter funktionieren und nach Möglichkeit alles unterlassen, was nicht dem Wohl des Unternehmens dient“, sagt Schneider. Zum Beispiel einen Betriebsrat gründen und sich gewerkschaftlich organisieren.

Dem würde Thorsten Bergmann widersprechen. Er gehört zu den 170 Menschen, die seit dem ersten Tag in Brieselang dabei sind. Als Vorarbeiter in der Packerei ist er einer der wenigen mit einem höheren Gehalt. Zuvor hat er zwei Jahre nebenan gearbeitet – beim Mode-Versender Zalando, der nur einen Steinwurf entfernt sein Lager hat. „Amazon zahlt besser, es gibt mehr Urlaub, die Stimmung unter den Kollegen ist gut“, sagt der 46-jährige gelernte Nachrichtentechniker. In seinem Beruf findet er hier in der Gegend schon lange keinen Job mehr. Und auch zu Amazon fährt er aus Rathenow jeden Tag 70 Kilometer. Aber das ist in Ordnung, sagt er.

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