Orwo und Photo Dose : Wenn die Ost-Firma die West-Firma schluckt

Die in Norddeutschland sehr bekannte Kette Photo Dose verkauft ihren letzten Geschäftsbereich an Orwo - den DDR-Monopolisten auf die Filmherstellung.

Eckhard Stengel
Ostberlin 1970: Der Monopolist "Original Wolfen (ORWO) wirbt am Bahnhof Friedrichstraße. Nach der Wende musste das Unternehmen zwei mal Insolvenz anmelden, steht heute aber wieder gut da.
Ostberlin 1970: Der Monopolist "Original Wolfen (ORWO) wirbt am Bahnhof Friedrichstraße. Nach der Wende musste das Unternehmen...Foto: imago/Gerhard Leber

Wessi schluckt Ossi: Solche Firmenübernahmen kennen Ostdeutsche seit der Wende zur Genüge. In Bremen läuft es jetzt mal andersherum: Das 120 Jahre alte Unternehmen Photo Dose hat jüngst seinen letzten noch verbliebenen Geschäftsbereich, sein Onlineportal, an die ebenfalls traditionsreiche Firma Orwo aus Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) verkauft. Die Photo-Dose-Gesellschaft existiert zwar formell weiter, ist aber nicht mehr operativ tätig, wie Geschäftsführer Nick Dose am Montag auf Anfrage unserer Zeitung erläuterte.

Es ist das faktische Ende eines rasant gewachsenen und anschließend heftig geschrumpften Familienbetriebs. Jeder Fotoamateur in Norddeutschland konnte sich in den 1970er oder 1980er Jahren glücklich schätzen, wenn in seiner Nähe eine Photo-Dose-Filiale eröffnet wurde. Endlich musste man Filme und Kameras nicht mehr in der kleinen Fotoabteilung altbackener Drogerien kaufen, sondern konnte ein modernes Fachgeschäft aufsuchen, mit kompetenter Beratung und beeindruckendem Sortiment zu günstigen Preisen. Während Firmengründer Willy Dose sein „Echtlicht-Atelier“ 1898 zunächst als Ein-Mann-Betrieb führte, machten seine Nachfahren daraus eine Filialkette mit vielen hundert Beschäftigten und 120 Niederlassungen im ganzen Norden, sei es in Flensburg, Hannover oder Osnabrück und nach der Wende auch in Rostock und Schwerin. Bis zur Jahrtausendwende waren die Bremer „einfach an jeder Milchkanne“ vertreten, sagte mal Nick Dose dem Weser-Kurier. Photo Dose war eine Institution. Sogar bis Berlin reichte ihr Expansionsdrang.

Aber dann kam die Digitalisierung. Die Kunden brauchten keine Filme mehr, und um Abzüge zu bestellen oder neue Kameras zu kaufen, gingen sie lieber ins Internet statt ins Fachgeschäft. Nach der Jahrtausendwende verlagerte das Unternehmen sein Geschäft deshalb zunehmend auf Online-Bestellungen, die in einem neu errichteten Bremer Großlabor ausgeführt wurden, seien es Kaffeetassen mit Familienfotos oder individuell gestaltete Fotobücher. Parallel dazu schrumpfte nach und nach die Zahl der Filialen.

Die letzte Filiale soll in Familienbesitz bleiben

Im Frühjahr waren es nur noch ein Dutzend. Sie nahmen gerade mal zwei Prozent der Fotoaufträge entgegen. Da zog die Geschäftsführung die Reißleine: Im März verkündete sie die Schließung von fünf Filialen und den Verkauf von sechs weiteren an die Kölner Foto-Gregor-Gruppe, die auch das Personal übernahm. „Ich glaube nicht mehr an den stationären Handel“, so Nick Dose zu unserer Zeitung. Eine letzte Filiale in Bremen-Horn sollte aber noch im Familienbesitz bleiben, und auch das Bremer Großlabor arbeitete bisher weiter.

Doch inzwischen stehen auch diese Überreste des Unternehmens vor dem Aus: Die letzte Filiale wird nun doch verkauft, diesmal an den Hamburger Unternehmer Patrick Dasse. Immerhin soll sie weiterhin den traditionsreichen Namen tragen, wie Firmenchef Dose sagt. Das Großlabor erledigt in den nächsten Wochen noch die letzten Aufträge und wird dann geschlossen. Spätestens zum Jahresende müssen die 25 Beschäftigten gehen. „Ganz viele sind schon in neuen Jobs untergekommen“, sagt Dose. „Das ist relativ sozialverträglich gelaufen.“

Das Onlineportal photodose.de samt sechsstelligem Kundenstamm ist zum 1. Oktober zu Orwo gewechselt. Was bisher in Bremen produziert wurde, erledigt künftig das Werk in Bitterfeld. Laut Firmenchef Dose, dem Urenkel des Gründers, erhält seine Gesellschaft noch sieben Jahre lang eine Umsatzbeteiligung; danach geht auch der Markenname an Orwo über.

Orwo - Auferstehung nach zweimaliger Pleite

Der ostdeutsche Konzern betreibt eines der führenden Fotogroßlabore Europas und hat bereits Erfahrungen mit Firmenkäufen: Schon 2009 hatte er Foto Quelle übernommen.

Orwo selbst geht auch auf eine große Marke zurück: auf die einstige „Aktiengesellschaft für Anilin-Fabrikation“, besser bekannt als Agfa. Wie auf der Orwo-Internetseite nachzulesen ist, beschloss der Agfa-Konzern 1909, also elf Jahre nach der Photo-Dose-Geburt, die Gründung einer Filmfabrik im damals noch selbstständigen Wolfen bei Bitterfeld.

Photo Dose Filiale in Hannover. Das Traditionsunternehmen aus Bremen war vor allem im Norden Deutschlands stark vertreten.
Photo Dose Filiale in Hannover. Das Traditionsunternehmen aus Bremen war vor allem im Norden Deutschlands stark vertreten.Foto: imago stock&people

1910 durfte sie den Betrieb aufnehmen. Das Hauptprodukt: der sogenannte Kine-Positivfilm. 1936 präsentierte Agfa Wolfen den ersten praxisgeeigneten Mehrschichtenfarbfilm der Welt. 1964 entschied die DDR-Führung, die Agfa-Markenrechte an die westdeutsche Namensschwester Agfa Leverkusen zu verkaufen. Seitdem firmierte das Wolfener Werk nur noch als Orwo - die Kurzfassung von „Original Wolfen“.

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14.500 Beschäftigte, 200 verschiedene Filmsorten: So groß war die Fabrik, als 1989 die Wende begann. Nur fünf Jahre später schien alles vorbei: Die staatliche Treuhandanstalt beschloss die Liquidation. Zwei Versuche, Orwo wieder an den Markt zu bringen, endeten 1997 und 2002 in der Insolvenz. Doch der dritte Anlauf hatte Erfolg: Seit 2003 ist das Unternehmen wieder präsent, zuletzt mit den Onlineportalen orwonet.de, fotoquelle.de, myfoto.de und pixelnet.de. Und neuerdings auch mit photodose.de.

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