Wirtschaft : Pfahlhäuser und Skihallen

Die Reisekunden reagieren flexibel – auch die Veranstalter müssen es werden

Yasmin El-Sharif Juliane Schäuble

Spaniens Südküste wird zur Wüste, den Alpen fehlt Schnee, und die Kanarischen Inseln suchen Hurrikane heim – dieses Horrorszenario beten Klimaexperten derzeit rauf und runter. Die Botschaft: Wenn ihr jetzt nicht handelt, kommt euch das teuer zu stehen. Immerhin ist das inzwischen bei den Verantwortlichen angekommen. Dazu gehört die Tourismusbranche, die sich kommende Woche wieder auf ihrer weltgrößten Messe in Berlin trifft. Ihr ist wichtig, dass Reisen auch künftig liebstes Hobby der Deutschen bleibt.

Doch Experten warnen, dass die aktuelle Klimadebatte nur kurzfristig geführt wird und sich langfristig wenig ändert. „Der Reisemarkt könnte in Turbulenzen geraten, wenn die Anbieter auf die falschen Ziele setzen“, sagt Manfred Stock vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Wenn man in einigen Jahren den Urlaub in Spanien nur noch im klimatisierten Hotelzimmer verbringen kann, werden wahrscheinlich nördlichere Reiseländer den Mittelmeerraum als wichtigste Urlaubsgebiete ablösen.“ Veranstalter müssten gut überlegen, wo sie künftig Hotels bauten, um nicht falsch zu investieren.

„Werden die Alpen durch die Klimaerwärmung im Winter unattraktiv, sind sie vielleicht in heißen Sommern eine angenehme Alternative“, sagt Karin Frick, Trendforscherin beim Züricher Gottlieb- Duttweiler-Institut. Schon jetzt hätten auch Fernreisen im Winter zugenommen. „Die Destinationen verschieben sich.“

Reiseveranstalter Tui versucht, das Bewusstsein in den Partnerländern zu verändern. So sollten etwa auf den von Überschwemmungen bedrohten Malediven Gebäude auf Pfählen errichtet werden, erklärt Wolf Michael Iwand, der bei Tui für Umweltmanagement verantwortlich ist.

Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel glaubt, Temperaturanstiege und unvorhersehbare Naturkatastrophen könnten die Konzerne in ernste Schwierigkeiten bringen. „Die Kunden sind flexibel. Das müssen auch die Konzerne sein“, sagt Lohmann, „etwa durch breite Produktpaletten und finanzielle Puffer, die ihnen in Notsituationen helfen.“ Die Branche trage auch Verantwortung, dass Klimaschäden, die durch CO2-Emissionen beim Fliegen entstünden, abgemildert beziehungsweise vermieden würden. „Wer den Dreck macht, muss auch dafür sorgen, dass er wegkommt“, fordert Lohmann.

Auch die Branche hat verstanden, dass etwas getan werden muss. Aber: „Das Flugzeug ist nicht zu ersetzen“, sagt Iwand. Da man nicht mit dem „Fahrrad nach Mallorca fahren“ könne, investiere Tui in die technische Entwicklung und Energieeffizienz von Flugzeugen.

Die derzeitigen Pläne der EU-Kommission, die Fluggesellschaften in den Handel mit CO2-Zertifikaten einzubinden, lehnt die Branche dagegen ab. „Davon können nicht nur europäische Fluglinien betroffen sein“, sagt Mathias Brandes, Sprecher des Reisekonzerns Thomas Cook. „CO2-Emissionen sind ein globales Problem.“ Setzt die Kommission ihre Pläne um, bekommt jede Fluglinie ein Kontingent an CO2-Zertifikaten zugewiesen. Wer mehr Emissionen verursacht, als er Zertifikate hat, muss neue erwerben. Bei geringerer CO2-Produktion können überschüssige Zertifikate verkauft werden.

Sinnvoller ist laut Iwand ein einheitlicher Luftraum, um Warteschleifen zu vermeiden. „So könnten wir auf einen Schlag zwischen zehn und 14 Prozent aller Emissionen einsparen.“ Aber statt dieses Problem zu lösen, belaste die Politik die Privatwirtschaft mit den Kosten.

„Die deutsche Politik hat diese Herausforderung bereits angenommen und unterstützt von Beginn an die europäischen Maßnahmen zur Errichtung eines einheitlichen europäischen Luftraums“, kontert der Regierungsbeauftragte für Tourismus, Ernst Hinsken (CSU). „Ich gehe davon aus, dass hier in Kürze konkrete Ergebnisse zu erwarten sind.“

Für Lohmann geht diese Debatte in die falsche Richtung: „Das hört sich nach den Wünschen eines großen Automobilclubs an, der siebenspurige Autobahnen fordert.“ Sinnvoller seien freiwillige Klimaschutzabgaben der Reisenden, die in Umweltprojekte investiert würden. Aber ob Emissionshandel, freiwillige Abgaben oder verstärkte Forschung zur Energieeffizienz – am besten betätigten sich die großen Veranstalter gleich auf mehreren Ebenen. Dadurch könne Reisen jedoch teurer werden, sagt Lohmann.

Nur über die Preisschraube lasse sich Verhalten ändern, glaubt Trendforscherin Frick. „Wie beim Autofahren: Nur wenn Sprit empfindlich teurer wird, verzichten wir.“ Durch die Billigflieger habe der Luftverkehr drastisch zugenommen. „Möglich, dass ökologisch unkorrektes Verhalten bald sozial geächtet wird wie das Pelzetragen.“ Frick sieht zwei Tendenzen: Einerseits werde es zunehmend exklusive Naturressorts geben. „Intakte Natur ist knapp, und was knapp ist, ist teuer.“ Wenige bezahlten dann, worauf viele verzichteten. Gletscherbesuche mit Eintritt sei ein Beispiel. Und die Masse? Die gehe dann zum Skifahren in die Halle.

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