Phänomen der Pandemie : Warum sich weniger Menschen trotz Corona krank melden

Derzeit melden sich weniger Menschen krank als in den Jahren zuvor. Dabei spielt auch das Coronavirus eine Rolle. Wie kann das sein? Eine Analyse.

Im März meldeten sich so viele Menschen krank wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Im März meldeten sich so viele Menschen krank wie seit 20 Jahren nicht mehr.Foto: Axel Heimken/dpa

Die Dachorganisation der Betriebskrankenkassen (BKK) hat Versichertendaten im Zusammenhang mit Covid-19 ausgewertet. Das Ergebnis: Von den rund vier Millionen Beschäftigten, die als Mitglieder bei einer Betriebskrankenkasse versichert sind, meldeten sich im Juli 2114 Frauen und Männer wegen der Viruserkrankung arbeitsunfähig. Im Juni waren es 1450 Fälle, im April 4062 Fälle. Bezogen auf alle Krankmeldungen, aus den verschiedensten Gründen, betrug der Anteil nur 0,6 Prozent.

Wer ist besonders betroffen?

Am häufigsten erkranken Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Fachkräfte in Pflege-, Alten- und Behindertenheimen sowie Erziehende. Regional gesehen sind Beschäftigte mit Wohnorten in Bremen, Baden-Württemberg und Bayern am stärksten betroffen. In Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen melden sich die wenigsten wegen Corona krank. Vermutlich seien diese Fallzahlen durch das regionale Infektionsgeschehen beeinflusst. Einzelne Hotspots führten schnell zu sichtbaren Unterschieden zwischen den deutschen Bundesländern.

Wie krank sind die Beschäftigten generell?

Im Juli meldeten sich wieder mehr Menschen krank. Der Einfluss von Reiserückkehrern sei darin allerdings noch nicht enthalten. Unter den angestellten BKK-Mitgliedern lag der Krankenstand mit 3,8 Prozent nur leicht höher als im Juni. Lediglich bei den Atemwegserkrankungen zeigt sich ein minimaler Anstieg. Allerdings würden auch diese Symptome nach wie vor deutlich unter denen der Vorjahre liegen. Was die Gründe dafür sind? „Die AHA-Regeln – Abstand halten, Hygiene und Alltagsmasken – gepaart mit der stärkeren Nutzung von Homeoffice sowie digitalen statt analogen Konferenzen dürften einen signifikanten Einfluss auf die niedrigeren Infektionszahlen im Juli haben“, sagt Anne-Kathrin Klemm, Vertreterin des Vorstands im BKK Dachverband.

Was hat sich seit März verändert?

Nach Zahlen der Techniker Krankenkasse (TK) meldeten sich im März so viele Arbeitnehmer krank wie seit 20 Jahren nicht mehr. Damals betrug der Anteil krankgeschriebener Beschäftigter 6,8 Prozent. Der Höchststand im Jahr zuvor lag den Angaben zufolge bei 5,3 Prozent. Als Grund für die Krankschreibung wurden vor allem Erkältungen genannt, hieß es. Der Chef der TK, Jens Baas, vermutet, dass ein großer Anteil des überdurchschnittlich hohen Krankenstandes mit einem präventiven Verhalten aufgrund der Corona-Pandemie zu erklären ist. Mitarbeiter blieben bei einem Kratzen im Hals lieber erstmal zu Hause, ruhten sich aus und gingen zum Arzt, um niemanden anzustecken.

Die Diagnose Covid-19 spielte laut der TK hingegen eine untergeordnete Rolle. So war die Diagnose im März nur für 0,3 Prozent des gesamten Krankenstands verantwortlich. Im April erhöhte sich der Wert auf 0,6 Prozent, um dann wieder merklich abzuflachen auf 0,3 Prozent. Und nicht nur das. Die Krankmeldungen gingen allgemein sehr stark zurück. Im Mai waren die Menschen so gesund wie zuletzt vor einem Jahrzehnt.

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„Zum einen ist die Erkältungssaison vorbei, die jedes Jahr im Frühjahr für hohe Fehlzeiten verantwortlich ist“, erklärte Baas. Zum anderen wirkten die Hygieneregeln – also dass zum Beispiel kaum jemand noch in der U-Bahn frei vor sich hin niest. Weil sich die Menschen wochenlang fast nur zu Hause aufhielten, kam es zu weniger Sport-, Schul- und Wegeunfällen. Was letztlich außerdem eine Rolle spielt, ist der Arbeitsmarkt. Millionen Menschen befinden sich in Kurzarbeit, bangen um ihre Stelle. In solch unsicheren Zeiten ignorieren Beschäftigte eher Schmerzen, um nicht negativ aufzufallen und den Job zu verlieren.

Die Zahlen zeigen aus Sicht der TK, dass die Menschen in Deutschland verantwortungsvoll mit der telefonischen Krankschreibung umgegangen sind. Ein extremer Anstieg von Arbeitsunfähigkeiten, wie von einigen Unternehmern befürchtet, habe sich nicht bestätigt. Aufgrund der Pandemie wurde die Möglichkeit geschaffen, sich bei leichten Atemwegserkrankungen bis zu 14 Tage lang telefonisch krankschreiben zu lassen. Diese Regelung galt bis Ende Mai. Die Kernergebnisse der TK decken sich mit Analysen anderer Krankenkassen wie der DAK und KKH. Ob sich vielleicht auch weniger Menschen krankmelden, die es nicht wirklich sind? Weil sie fürchten, sofort als potenzieller Corona-Überträger angesehen zu werden? Das vermag keine Studie zu sagen.

Wie ergeht es den Menschen psychisch?

In der Coronakrise ist die Zahl der psychischen Erkrankungen nach Angaben der KKH Krankenkasse „deutlich gestiegen“. Im ersten Halbjahr verzeichnete die Kasse nach eigenen Angaben „diesbezüglich rund 26700 Fälle von Krankmeldungen, im Vorjahreszeitraum waren es noch rund 14600“. Das sei ein Plus von rund 80 Prozent.

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Peter Wrogemann ist Arbeitsmediziner, Facharzt für Innere Medizin und Vorstand der ias-Gruppe, die 15000 Unternehmen betreut. „Die Belastung der Psyche ist enorm“, sagt er. „Viele haben Angst vor einer Infektion, dem Verlust ihres Jobs. Andere stresst das Arbeiten allein zu Hause oder mit Kindern in einer kleinen Wohnung.“ Spare ein Unternehmen und stelle keine neuen Mitarbeiter ein, sei die Arbeitsverdichtung mitunter extrem. Für den kühleren, nassen Herbst erwartet der Facharzt neben den Corona-Erkrankungen eine Zunahme von Erkältungsleiden.

Was können Firmen aus diesem Jahr lernen?

Das Bewusstsein für Hygiene könnte laut Peter Wrogemann dazu führen, dass die Menschen in Zukunft trotzdem weniger an Infektionen erkranken. Außerdem könnte der Präsentismus ein Ende finden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat im vergangenen Jahr 6500 abhängig Beschäftigte befragt. Das Ergebnis: Zwei von drei gaben an, auch krank zu arbeiten. Die Angst vor einer schlechten Beurteilung kann die Ursache dafür sein. Andersherum zahlten Unternehmen vor Corona immerhin Boni, wenn Beschäftigte besonders selten krank waren.

Angestellte haben zudem das Gefühl, ihre Kollegen hängen zu lassen, wenn sie sich krankmelden. Vor allem dann, wenn das Team klein und der Aufgabenberg groß ist. Noch ist unklar, ob es tatsächlich zu einem Kulturwandel kommen wird. Werden Menschen ruhigen Gewissens zu Hause bleiben, wenn sie Migräne haben? Oder wird das Homeoffice dazu führen, dass sie weiterhin nach dem Laptop greifen, obwohl es ihnen nicht gut geht. Nur kurz, vom Sofa aus.

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