Warum die Franzosen mit Neid auf Deutschland schauen und was sich die Branche von der Politik erhofft

Seite 2 von 2
Pharma-Manager Braun : "Ohne Biotech-Start-ups geht nichts mehr"

Sie kommen von einem französischen Pharmakonzern. Entwickelt sich die Branche in Frankreich besser als in Deutschland?

Die Franzosen nehmen sich Deutschland als Vorbild! Bei der Zahl der Firmen liegt das Land deutlich hinter uns, auch der Mittelstand in der Branche ist nicht so stark wie hierzulande. Ein Vorteil ist allerdings, dass man in Frankreich Public Private Partnerships offener gegenüber steht, also etwa der Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft.

Die BASF hat ihre grüne Biotechnologie aus Deutschland abgezogen. Wie sehr leidet das Image des Biotech-Standorts?

Das Unternehmen hat jahrelang mit der Regierung gekämpft, und nun hat es die Konsequenzen gezogen. Die BASF forscht weiter in diesem Bereich, aber eben nicht hierzulande. Dieser Schritt war ein notwendiges Ausrufezeichen, dass Ankündigungen auch umgesetzt werden, wenn die Politik Steine in den Weg legt.

Was erwarten Sie von der Politik im Bereich der Gentechnik?

Deutschland darf keinen Sonderweg gehen, sondern muss europäische Gesetzgebung konsequent umsetzen. Sie erlaubt den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen. Derzeit aber halten die europäischen Behörden Fristen nicht ein, wenden Einzelausnahmen an, sorgen für Unsicherheit, so dass die Firmen nicht langfristig planen können. Besonders schwierig ist das für Mittelständler, die ihre Forschung nicht wie große Firmen einfach verlagern können. Wenn das so bleibt, wird auch die Forschung zur grünen Biotechnologie an den deutschen Universitäten veröden oder abwandern.

Sind die USA der bessere Forschungsstandort?

Viel interessanter sind derzeit die Schwellenländer, dort verlassen Massen von gut ausgebildeten jungen Forschern die Universitäten. Allerdings ist Deutschlands Forschungsinfrastruktur, etwa mit den Helmholtz-, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten einzigartig in der Welt. In Europa sind Regionen wie etwa Berlin oder München besonders attraktive Forschungsstandorte, weil die Dichte an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen extrem hoch ist. Dieses Potenzial dürfen wir nicht verspielen, sonst findet Gestaltung bald woanders statt.

Was erwarten Sie vom Regierenden Bürgermeister Wowereit?

Die Politik muss dafür sorgen, dass die Debatten um Chancen und Risiken der Biotechnologie mit Argumenten geführt werden, und nicht dogmatisch und emotional. Da hat die Regierung den Industrieunternehmen gegenüber eine Verantwortung. Klaus Wowereit hat aber längst erkannt, wie wichtig die Industrie für eine strukturschwache Stadt wie Berlin ist.

Wünschen Sie sich in Deutschland eine laxere Gesetzgebung wie in den USA, was Stammzellen und Gentechnik angeht?

Nein, wir wollen nur klare Entscheidungen. Wenn Deutschland die Pflanzenbiotechnologie nicht will, dann muss das auch so kommuniziert werden. Stattdessen hält sich die Politik bedeckt, erschwert die Zulassungsverfahren, so lange, bis Unternehmen wie die BASF aufgeben. In Deutschland wird zudem alles viel emotionaler diskutiert als im Rest der EU, der naturwissenschaftlicher orientiert ist. Allerdings hoffen wir auch, dass man in Deutschland künftig zumindest an adulten Stammzellen forschen kann.

Wo liegt das größte Konfliktpotenzial mit den Bürgern?

Bei der grünen Biotechnologie. Hier ist die Debatte ideologisiert und extrem emotional. Wir wurden kürzlich zu einem genfreien Buffet eingeladen! Wie absurd – jede Zelle, die wir essen, enthält Gene! Die deutsche Bevölkerung hat zudem eine romantisierte Vorstellung von der Natur. Dabei wird Gentechnik schon seit Jahrhunderten praktiziert, und selbst die Bio-Tomate ist Ergebnis von Züchtung und Kreuzung von Genen. Die Verweigerung Deutschlands bei der Gentechnik betrifft indirekt auch die anderen Länder der Welt. Wir müssen bis zum Jahr 2050 die Ernährung von 9,7 Milliarden Menschen sicherstellen, und dafür müssen wir alle Möglichkeiten nutzen können. In Indien zum Beispiel gehen 30 Prozent der Ernte verloren durch Schädlinge und Pilze; Gentechnologie kann mithelfen, das zu verhindern.

Kritiker sagen, wer Probleme mit Gentechnik beseitigt, schafft neue an anderer Stelle. Resistenzen werden beschleunigt.

Da steht der Nachweis noch aus. Resistenzen entstehen immer, aber besonders dann, wenn Bauern nachlässig arbeiten. Die meisten Landwirte, auch in Schwellenländern, machen aber einen guten Job. Fakt ist: Mit konventionellem Landbau können wir die Menschen künftig nicht allein ernähren. Und auch die Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen stößt an ihre Grenzen. Gentechnik muss Teil der Lösung sein.

Das Gespräch führte Jahel Mielke.

DER MANAGER

Seit Mai ist Matthias Braun (49) Vorsitzender der Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB). Der promovierte Chemiker ging nach seinem Studium in Mainz zunächst zur Hoechst AG. Seit 2005 ist Braun, der mit Frau und Tochter in Berlin lebt, Mitglied der Geschäftsführung der Deutschland-Tochter des französischen Pharmakonzerns Sanofi.

DER VERBAND

Der DIB gehört zum Verband der Chemischen Industrie (VCI). Unter den 50 Mitgliedsfirmen sind Konzerne wie BASF und Fresenius, aber auch kleinere Biotech-Firmen aus Berlin wie Organobalance und Noxxon. Darüber hinaus sind zehn Verbände Mitglied. Die Branche stellt Produkte wie Kunststoffe, Chemikalien, Pharmazeutika, Körperpflege- und Waschmittel sowie nachwachsende Rohstoffe her. jmi

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben