Produktionsstart in Zwickau : Wie VW den Massenmarkt mit dem ID.3 erobern will

Das Elektroauto ID.3 soll für VW so erfolgreich werden wie Käfer oder Golf. Der Autobauer probt damit den Systemwechsel und die Kanzlerin sagt Starthilfe zu.

Two employees work on a production line of the new Volkswagen electric car, the ID.3 model, at the Volkswagen car factory in Zwickau, eastern Germany, on November 4, 2019.
Two employees work on a production line of the new Volkswagen electric car, the ID.3 model, at the Volkswagen car factory in...Foto: AFP

Zufall oder nicht, dieses Datum passt. Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Volkswagen am Montag in Zwickau in eine neue Zeit aufgebrochen. Der Produktionsstart für den elektrischen Großserien-VW ID.3 in Sachsen ist gewissermaßen ein gesamtdeutsches Politikum. Deshalb nahm auch die Bundeskanzlerin an dem „Festakt“ im VW-Werk Mosel teil. „Ich freue mich persönlich, dass Zwickau das Flaggschiff des Wandels in der Automobilindustrie ist“, rief Angela Merkel (CDU) Volkswagen-Chef Herbert Diess zu. „Den Sachsen traue ich das zu.“

Diess‘ Vision einer elektromobilen Zukunft des Zwölf-Marken-Konzerns Volkswagen wird von nun am Erfolg der in Zwickau produzierten Autos gemessen. Schon im kommenden Jahr will Volkswagen hier rund 100.000 Fahrzeuge mit dem Modularen Elektrobaukasten (MEB) fertigen. 330.000 E-Autos der Marken VW, Audi und Seat sollen es pro Jahr in der finalen Ausbaustufe ab 2021 sein. 1,2 Milliarden Euro hat Volkswagen in den Umbau des Zwickauer Werkes investiert, 8000 Beschäftigte wurden und werden für den Umstieg auf die Elektromobilität weitergebildet und umgeschult.

"Deutschland muss zum Leitmarkt der Elektromobilität werden"

„Wir brauchen den Systemwechsel schnell, wenn wir weltweit Vorreiter in dieser Technologie sein wollen“, sagte Diess. Und damit meint der VW-Chef vorerst nur batteriebetriebene Elektroautos, keine Brennstoffzellenfahrzeuge oder Verbrennungsmotoren für synthetische Kraftstoffe. Diese beiden Technologien seien noch nicht marktreif. „Es muss uns jetzt gelingen, Deutschland zum Leitmarkt der Elektromobilität zu machen“, sagte Diess. Viel sei vom drohenden Niedergang der deutschen Autobranche die Rede. „Ob es dazu kommt, liegt an uns.“

Am ID.3, der im kommenden Jahr auf den Markt kommt, liegt es, ob Volkswagen die Elektromobilität tatsächlich „aus der Nische holt“, wie Diess sagte. In der Basisausstattung soll das E-Auto weniger als 30.000 Euro kosten, und damit würde es zur neuen „Golf-Klasse“ gehören, also ein Modell für den Massenmarkt sein. Doch über Erfolg und Misserfolg der neuen Antriebstechnologie entscheidet nicht allein der Hersteller.

Um mehr Autokäufer dazu zu bewegen, ein Elektroauto zu kaufen, will die Bundesregierung unter anderem die Kaufprämie für Fahrzeuge, die weniger als 40.000 Euro kosten, anheben. Am Montagabend sollte es beim Autogipfel im Kanzleramt auch um dieses Thema und die finanzielle Beteiligung der Autobauer gehen. „Wir wollen, dass das Elektroauto – wie früher der Käfer oder der Golf – ein echter Volkswagen wird“, sagte die Kanzlerin in Zwickau.

In Halle 5 kann man bereits eine Vorstellung davon bekommen, wie die Zukunft aussehen wird. 250 Millionen Euro hat VW investiert, zwölf Wochen lang wurde im Sommer umgebaut - im laufenden Betrieb. Während auf der einen Montagelinie in der Halle nebenan noch die herkömmlichen VW Golf mit Verbrennungsmotor produziert werden, üben Mitarbeiter in Halle 5, wie der ID.3 zusammengeschraubt wird. 2020 kommt auch das zweite Band hinzu.  

Digitalisierte Produktion mit Fertigungsrobotern

Sechs ID.3 werden aktuell pro Schicht fertig, 270 sollen es werden, wenn das Werk 2021 zu 100 Prozent umgebaut ist. Es geht also noch entspannt zu an den Bändern. „Montiert wird ein Fahrzeug, dann kommen sechs Leergehänge“, erklärt Holger Hollmann, verantwortlicher Leiter der Montagehalle 5. 13.000 Trainingstage investiert die Belegschaft, um den Umstieg auf die Elektromobilität zu schaffen. Weil es bis 2029 eine Beschäftigungsgarantie für den Standort gibt, müssen alle untergebracht werden.

Zwickau wird nicht nur Europas größtes Produktionswerk für Elektroautos, die Fabrik wird auch so digital und automatisiert wie kaum eine andere. Einige der künftig 1700 Fertigungsroboter kann man schon bei ihrer Präzisionsarbeit beobachten. „Bisher lag der Automatisierungsgrad bei 17 Prozent, heute sind wir bei 28 Prozent“, sagt Holger Hollmann. Nach der „zweiten Welle“ werde man 2021 bei 30 bis 35 Prozent liegen.

Mehr Roboter, weniger Mitarbeiter? Nein, sagt Hollmann. Einfache Tätigkeiten fielen weg, dafür müssten mehr Anlagen gesteuert werden. Und der Takt werde kürzer, die Fabrik insgesamt produktiver, mehr Arbeit falle an. 90 Sekunden pro Arbeitsschritt sind das Ziel. 172 gibt es insgesamt, bis der ID.3 vom Band rollt. Macht zusammen „vier bis viereinhalb Stunden“ Arbeitszeit pro Auto, wie Hollmann erklärt.

Der Sachse arbeitet seit 25 Jahren für Volkswagen. „So ein grundlegender Wandel kommt nicht oft vor im Berufsleben“, sagt er. Angespannt sei er, sicher. „Aber ich freue mich auf das neue Projekt.“

Strukturwandel gefährdet Zulieferer

Am Traditionsstandort Zwickau, wo seit 115 Jahren Autos gebaut werden, stehen die Zeichen auf Wandel – nicht nur auf den 1,8 Millionen Quadratmetern Werksfläche bei Volkswagen. „Der Automobilbau ist mehr als unser Werk“, sagte am Montag Betriebsratschef Jens Rother. Auch das umliegende dichte Netz an Zulieferern gehöre dazu. „Das sollten wir nicht vergessen“, mahnte auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit Blick auf den Strukturwandel, der nicht wenige mittelständische Autozulieferer überfordert. „Wir müssen alle mitnehmen.“

Herbert Diess wählte ein Bild, um an die große Tradition des Autobaus in Zwickau zu erinnern. Wolle man den Standort vertonen, beginne man am besten mit dem Acht-Zylinder-Sound eines Horch (später Audi), dann dem Zwei-Takter des Trabi und dem Vier-Zylinder des VW Golf. „Und ab heute das Summen des ID.3.“ Da knüpfte die Kanzlerin im Jahr 30 nach der Wende mit einer persönlichen Erinnerung an: „Meine Trabi-Bestellung wurde zu DDR-Zeiten nicht mehr realisiert.“ 

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