Wirtschaft : „Reden Sie mit uns!“

Mit scharfer Kritik an seinem Vorstand spricht ein Telekom-Techniker den Kollegen aus dem Herzen

Carsten Brönstrup

Berlin - Erst war es nur eine E-Mail, adressiert an Konzernchef René Obermann, einige Spitzenmanager und wenige Kollegen. Doch dabei blieb es nicht. Immer mehr Beschäftigte der Deutschen Telekom fanden zuletzt den Protestbrief von Heinz Binder (Name geändert) aus Berlin in ihrem Postfach – und fühlten, dass ihnen da jemand aus der Seele spricht. Hunderte gratulierten Binder per Mail. „Mit einer solchen Reaktion habe ich nicht gerechnet“, staunt er. Der Frust sitzt offenbar tief bei der Telekom – nicht nur wegen der jüngsten Pläne, mehr als 50 000 Beschäftigte aus dem Konzern auszugliedern und für weniger Geld länger arbeiten zu lassen.

Missmanagement, ständige Umstrukturierungen, Stellenabbau – auf drei DIN A4-Seiten, die dieser Zeitung vorliegen, hat der 48-jährige T-Com-Techniker den ganzen Frust über seinen Arbeitgeber und vor allem die Führungsriege aufgeschrieben. „Sie haben massiv Wissen, Kompetenz und Arbeitsplätze an Stellen vernichtet, wo das alles unverzichtbar war“, heißt es darin über den angeschlagenen Konzern, der derzeit massiv Kunden verliert. „Arroganz und Selbstherrlichkeit“ wirft er den Managern vor, die sich „im Vorstand die Klinke in die Hand“ gäben, mit vollen Taschen weiterzögen und „skrupellos einen immer größeren Scherbenhaufen hinterlassen“.

Sein ganzes Berufsleben hat Binder bei der Telekom verbracht, 32 Jahre sind es bislang. Er und seine Kollegen hätten „im kleinen Finger mehr Unternehmensbindung als ihre ganze Führungsriege zusammen“. Deshalb stehe er zu seinem Arbeitgeber, beteuert er. „Wir würden die Telekom lieber heute als morgen wieder an die Spitze bringen“, schreibt er. Mit der bisherigen Strategie kann er allerdings nichts anfangen. Wieder und wieder sei im Service eingespart worden, habe unqualifiziertes, aber billiges Personal wichtige Aufgaben übernommen, habe der Vorstand den Beschäftigten „immer mehr Fesseln angelegt“. Dies habe „unsere Kunden in Scharen in die Arme unserer Konkurrenz getrieben“. So dürfe es nicht weitergehen. „Reden Sie mit uns!“, fordert Binder die Vorstände auf.

Das hat Obermann nun getan – und Binder per E-Mail geantwortet. Kritik sei zwar willkommen – „vor der Beleidigungsgrenze sollten wir aber halt machen“, mahnt er. „Nur aus Verbundenheit zum Konzern wollen wir die absolut dringenden Reformen machen“, kontert er. Bei den Kosten liege das Unternehmen „bis zum Dreifachen“ über dem Niveau der Konkurrenz. Auch „können wir doch nicht die Augen davor verschließen, dass sich viele unserer Kunden täglich über unsere Performance beschweren“. Es sei seit geraumer Zeit in Mode, sich über die Telekom lustig zu machen. „Das macht mich sehr betroffen.“ Man lebe nicht von Steuergeld. Die Alternative zu seinem Konzept, Beschäftigte auszulagern, wäre „ein zusätzlicher, signifikanter Personalabbau – und genau das wollen wir vermeiden“.

In diesem Klima gestalten sich die Verhandlungen über Obermanns Pläne, die seit Donnerstag in Bad Honnef laufen, schwierig. Die Gewerkschaft Verdi erklärte, die Telekom lasse „jegliche soziale Balance“ vermissen. Ein Telekom-Sprecher sagte, man liege noch weit auseinander. Anfang April sollen die Gespräche weitergehen. Verdi befürchtet, dass in der Berliner Region zwei von drei Telekom-Stellen von einer Ausgliederung betroffen sein könnten.

Den vollständigen Brief finden Sie im Internet unter www.tagesspiegel.de/telekombrief

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