Revolution innerhalb des Kapitalismus : US-Wirtschaft will nicht mehr nur Gewinne maximieren

180 Chefs großer US-Konzerne geben sich neue Prinzipien: Shareholder Value soll nicht mehr einziges Ziel sein, alle Seiten sollen profitieren.

Die Wall Street ist das Symbol des amerikanischen Kapitalismus.
Die Wall Street ist das Symbol des amerikanischen Kapitalismus.Foto: Sven Hoppe/dpa

Eine Seite lang ist das Schreiben, das das amerikanische Wirtschaftsdenken revolutionieren soll. Plus elf Seiten mit Unterschriften von 180 Vorstandsvorsitzenden. In dem am Montag veröffentlichten Papier fordert die Lobbygruppe Business Roundtable, zu der Apple-Chef Tim Cook, Amazon-Gründer Jeff Bezos sowie die Chefs großer Banken, Autobauer und Konsumgüter-Hersteller zählen, den Abschied vom Shareholder Value. Also die Abkehr von der Überzeugung, dass der geschäftliche Erfolg eines Unternehmens vor allem am Ertrag seiner Aktionäre gemessen wird.

Stattdessen sollen alle Seiten profitieren: Kunden, Beschäftigte, Zulieferer, das lokale Umfeld und, als eine Interessengruppe unter mehreren, auch die Anteilseigner. „Die Amerikaner haben eine Wirtschaft verdient, die es jeder Person erlaubt, mit harter Arbeit und Kreativität erfolgreich zu sein und ein bedeutungs- und würdevolles Leben zu führen.“ Unternehmen sollten die Umwelt schützen, ihre Arbeitnehmer mit Respekt behandeln und so langfristige Gewinne für die Aktionäre erzielen.

Mit der Stellungnahme ändert der Business Roundtable zumindest rhetorisch seine eigene Haltung. Im Jahr 1997 erklärte er noch: „Management und Verwaltungsrat stehen in erster Linie in der Pflicht gegenüber den Aktionären“ – eine Vorgabe, die immer wieder scharf kritisiert wurde.

Ist der Brief also ein Beleg dafür, dass die wachsenden sozialen Gegensätze und die Spaltung ihres Landes nun auch Amerikas Wirtschaftslenkern schlaflose Nächte bereitet? Noch sind es lediglich Worte, geben Kritiker zu bedenken.

Die Präsidentschaftskandidaten nutzen das Thema

Aber der Brief reiht sich ein in die anschwellende Debatte um den Zustand des Kapitalismus. Meldungen wie die, dass Amazon trotz Milliardengewinnen keine Steuern zahlt oder manche Manager mehr als das Hundertfache ihrer Angestellten verdienen, lösen große Empörung aus. In Umfragen zeigen sich viele Amerikaner offen für radikale Veränderungen in der Wirtschaft wie höhere Steuern für Reiche oder die Zerschlagung großer Konzerne.

Diese Empörung wissen auch mehrere Präsidentschaftskandidaten zu nutzen. So hat der Vorstoß der Senatorin Elizabeth Warren, Internetgiganten wie Amazon oder Google zu zerschlagen, den US-Kongress auf den Plan gerufen. Und die Forderung von Bernie Sanders nach einem Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde gehört inzwischen zum Mainstream der Demokratischen Partei.

Das wirtschaftsnahe „Wall Street Journal“ sieht den Brief der Bosse daher vor allem als taktischen Spielzug: „Sie gehen davon aus, dass der Sozialismus stärker wird“, schreibt die Zeitung. Und wollten daher rechtzeitig klarmachen, dass sie vorbildliche Staatsbürger seien.

Aber wie Larry Fink, Chef der weltgrößten Investmentgesellschaft Blackrock, gibt es Stimmen, die die Auswüchse des Kapitalismus schon länger kritisieren. In seinem Aktionärsbrief für 2019 schrieb Fink: Überall auf der Welt hätten der Frust über stagnierende Gehälter, die Auswirkungen neuer Technologien und Zukunftsängste populistische Wut, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit befeuert.

Da Aktionäre die Regierungen immer weniger in der Lage sähen, nachhaltige Lösungen bei Themen wie Umweltschutz, Altersarmut oder Gleichberechtigung zu schaffen, würden sie nun von ihren Unternehmen mehr gesellschaftliche Verantwortung erwarten.

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