Rückgang bei der Wettbewerbsfähigkeit : Deutschland ist viel zu träge geworden

Deutschland hat sich zu lange auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht. Es fehlen Investitionen an der richtigen Stelle. Ein Kommentar

Dank hoher Exporte lag Deutschland lange vorn.
Dank hoher Exporte lag Deutschland lange vorn.Foto: dpa

Lange war Deutschland der Musterschüler unter den Wirtschaftsnationen. Der Streber, dem gelang, woran andere Staaten sich abmühten: geringe Arbeitslosigkeit, starkes Wachstum, hohe Exporte. Und jetzt? Fällt das Land zurück. Im Ranking der Staaten mit der höchsten Wettbewerbsfähigkeit rutscht Deutschland auf Platz sieben ab. Nicht nur Singapur und die USA stehen besser da, auch Hongkong, die Niederlande, die Schweiz und Japan haben Deutschland überholt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel muss das zu Denken geben. Zumal es hier nicht um irgendein Ranking geht sondern um den Bericht des Weltwirtschaftsforums. Die Organisation, die für ihr jährliches Treffen der Wirtschaftselite in Davos bekannt ist, misst regelmäßig anhand von 103 Indikatoren, wie die größten Wirtschaftsnationen der Welt dastehen. Weil diese Untersuchung so umfangreich ist, ziehen Konzerne sie heran, wenn sie entscheiden, wo sie Fabriken bauen oder Mitarbeiter einstellen. Dazu kommt, dass andere Studien das Ergebnis bestätigen. Auch in der ebenfalls viel beachteten Untersuchung der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD fällt Deutschland in Punkto Wettbewerbsfähigkeit international zurück.

Es gibt gleich mehrere Probleme

Auffallend ist bei der jüngsten Untersuchung, dass es nicht den einen Punkt gibt, an dem es schief läuft – sondern gleich mehrere Probleme. Da ist zum Beispiel der mangelnde Internetausbau in Deutschland: Bei der Versorgung mit Glasfaserkabeln etwa liegt die Bundesrepublik weit hinten auf Platz 72, da sind selbst Bangladesch und Armenien schon weiter. Außerdem ist es in Deutschland zu aufwändig und teuer, ein Unternehmen zu gründen. Die Bundesrepublik hinken bei der Stabilität des Bankensektors hinterher. Selbst bei der inneren Sicherheit gibt es Nachholbedarf: In Punkto organisierter Kriminalität steht Deutschland der Untersuchung zufolge auf einer Stufe mit Russland und Malawi. Unterm Strich schwächt all das die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Das Problem: Die Bundespolitik ist träge geworden, sie hat sich zu lange auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht. Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Deutschland der Streber unter den Wirtschaftsnationen ist. Noch Anfang der 2000er Jahre galt die Bundesrepublik schließlich als kranker Mann Europas. Daraus hat sie gelernt und keiner will dahin zurück. Um das zu verhindern, müsste die Bundesregierung jetzt investieren – und zwar nicht zögerlich, sondern kräftig und nachhaltig. Sich stattdessen verbissen an der schwarzen Null festzuhalten, ist der falsche Weg. Zwar ist die niedrige Schuldenlast einer der Punkte, in denen Deutschland noch immer weit vorne liegt. Doch was bringt das, wenn dem Land dafür die Zukunftsfähigkeit fehlt?

Geld ausgeben allein reicht nicht

Selbst international fällt das inzwischen negativ auf. Kristalina Georgiewa, die gerade die Leitung des Internationalen Währungsfonds (IWF) übernommen hat, sagte diese Woche, Deutschland müsse mehr Geld ausgeben, vor allem „für Infrastruktur und Forschung und Entwicklung“. Ökonomen fordern das seit Jahren, werden aber kaum erhört. Gleichzeitig ist aber auch klar: Geld allein reicht nicht. Es muss auch dort ankommen, wo es gebraucht wird. So hinkt Deutschland beim Ausbau der Infrastruktur auch deshalb hinterher, weil den Bauämtern schlichtweg das Personal fehlt. Die Baugenehmigungen bleiben dadurch aus, um nötige Vorhaben anzugehen.

Und Straßenbau und Brückensanierung sind nur zwei plakative Beispiele, bei denen es Probleme gibt. Angesichts der Digitalisierung, der Veränderung von Jobs muss die Bundesregierung die Bürger auch in die Lage versetzen, damit umgehen zu können. Zwar sollen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2025 deutlich steigen. Was jedoch fehlt sind Investitionen in die Fort- und Weiterbildung von Angestellten. Ohne sie aber hat Deutschland keine Chance. Der Streber von einst muss deshalb nachsitzen.

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