Wirtschaft : Schaufenster der Innovationen

Die Computermesse Cebit schrumpft immer mehr. Doch für Deutschland bleibt sie wichtig

Corinna Visser

Berlin - Seit Jahren schrumpfen die Besucherzahlen und auch immer weniger Unternehmen kommen zur Cebit. In diesem Jahr werden unter anderem wichtige Branchengrößen wie Nokia, Motorola, Hewlett-Packard und Dell auf der weltgrößten Messe für Informationstechnik (IT) kommende Woche in Hannover fehlen. Doch die Frage, ob die Messe überhaupt noch Sinn macht, beantwortet die Branche mit Ja: „Die Cebit hilft uns enorm, um unsere Präsenz zu zeigen“, sagt Karl-Heinz Streibich, Vorstandschef der Software AG und Mitglied im Präsidium des Branchenverbandes Bitkom. Die Cebit sei wichtig für das Image und das Standortmarketing. „Hier können wir zeigen, dass Deutschland auch für Software steht“, sagt Streibich. „Made in Germany steht eben auch für Innovation und Hightech und nicht nur für Ingenieurleistungen aus dem Industriemuseum.“

Und noch etwas spricht für die Cebit: In den vergangenen Jahren mussten weltweit viele IT-Messen aufgeben. Die Cebit aber hat überlebt und ist immer noch die größte. „Sie hat sich als europäisches Gegengewicht zur Consumer Electronics Show in Las Vegas etabliert“, sagt Roswitha Tertea, IT-Expertin der Unternehmensberatung Celerant. „Die Cebit ist für Deutschland und Europa eine Chance, sich zu positionieren.“ Die Kritik an der Messe sei „hausgemachter Pessimismus und ist nicht angebracht“. Auch wenn die Messe trotz Kritik noch in der Spitzenliga spielt, ist auch die deutsche IT- und Telekommunikationsindustrie noch spitze?

„Wirklich globale Player gibt es in Deutschland leider nicht allzu viele“, räumt Andreas Stiehler, Analyst von Berlecon Research, ein. Das Softwareunternehmen SAP sei das große Aushängeschild. „Aber es gibt viele kleine, innovative Firmen, die auch international erfolgreich sind.“ Auch SAP habe klein angefangen, sagt Tertea von Celerant, die ebenfalls großes Potenzial in der deutschen Softwareindustrie sieht. „Das Problem ist allerdings, dass es den Firmen oft nicht gelingt, ihre Produkte erfolgreich zu vermarkten“, sagt Tertea. Als Beispiel nennt sie den weltweit verbreiteten Standard zur Komprimierung von Musik. „MP3 wurde hier entwickelt, wird aber nicht von einer deutschen Firma vermarktet.“

Gute Chancen habe der Standort Deutschland dort, wo sich Industrie-Cluster bilden, sagt Berlecon-Analyst Stiehler. Das heißt, dort wo sich viele Unternehmen einer Branche ansiedeln, um ein Kompetenzzentrum zu bilden, sind die Entwicklungschancen besser. Als Beispiel nennt Stiehler Dresden als Zentrum für die Chipbranche und den Münchner oder Stuttgarter Raum für die Softwarebranche. „Berlin etwa hat das Problem, dass ein solches Cluster fehlt.“

Das liegt wohl auch daran, dass es in Berlin wenig Industrie gibt. „Deutschland ist vor allem dort in der Entwicklung von Software gut, wo wir auch traditionell in der Industrie stark sind“, sagt Holger Röder von der Managementberatung A.T. Kearney. Als Beispiel nennt er die Luftfahrtindustrie und den Fahrzeugbau. „In vielen Produkten, wie etwa dem Auto, macht die Informationstechnik einen immer höheren Anteil aus“, sagt Röder. Hier habe sich viel Kompetenz in der Zulieferindustrie entwickelt. „Die Unternehmen sind häufig sehr ertragsstark und teilweise auch global erfolgreich.“ Und müssten wegen ihrer hohen Innovationsfähigkeit auch vor den Softwareentwicklern in Indien oder China keine Angst haben.

Gute Chancen für die deutsche IT-Industrie sieht Beraterin Tertea auch im Bereich der Entwicklung von neuen Inhalten für Internet und Telekommunikation, schließlich seien im Netz so erfolgreiche Plattformen wie You Tube oder MySpace auch im Hochlohnland USA erfunden worden. „Spezifische Angebote etwa für unterschiedliche Altersgruppen, das sind Themen, wo sich Deutschland grandios etablieren kann“, sagt Tertea. „Da gibt es noch viel zu holen – auch für kleine Unternehmen.“ Nur in einem Bereich, sagt die Expertin, habe Deutschland die Kompetenz aus der Hand gegeben. Das sei die Hardware.

Doch auch im Bereich Hardware gibt es erfolgreiche Ausnahmen, wie etwa AVM. Das Berliner Unternehmen ist in Deutschland mit großem Abstand Marktführer bei DSL-Modems, die für schnelle Internetanschlüsse gebraucht werden. Außerdem bietet AVM Geräte für das Telefonieren über das Internet an. „Es freut uns, dass DSL und Internettelefonie Schwerpunktthemen auf der Cebit sein werden“, sagt AVM-Chef Johannes Nill. „Für uns ist die Cebit weiterhin die wichtigste Messe.“ Bisher konzentriert sich AVM mit seinem Jahresumsatz von 240 Millionen Euro auf Deutschland, ist aber auch in Europa aktiv. „Hier gibt es im Breitbandbereich immer noch enorme Wachstumschancen und damit haben wir gut zu tun“, sagt Nill.

Im vergangenen Jahr hat AVM vier Millionen seiner Fritz-Boxen genannten DSL-Modems verkauft. Im laufenden Jahr soll die Zahl noch einmal steigen. „Das ist eine gute Grundlage für unser Wachstum.“ Eine Expansion etwa in die USA kommt dagegen für die Berliner derzeit nicht infrage. „Der US-Markt ist ganz anders strukturiert und wir brauchen Marktnähe, um erfolgreich zu sein.“ Für eine eigene Präsenz in den USA sei AVM aber zu klein. Im globalen Wettbewerb sieht sich AVM dennoch gut positioniert. „Wir stehen für Innovation und Qualität, die Asiaten versuchen durch ihren Preis zu überzeugen, das ist nicht unser Ding.“

Und dass AVM auch Konkurrenten wie Cisco aus den USA nicht fürchten muss, „das zeigt die Statistik“, sagt Nill und verweist auf seinen Marktanteil von 41 Prozent in Deutschland und zehn Prozent in Europa. Auch ohne in Übersee vertreten zu sein, sei AVM dennoch international. „Unsere 460 Mitarbeiter kommen aus 20 verschiedenen Ländern, das gibt uns wichtige Impulse.“

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