Schlechte Unternehmenszahlen : Wie lange kann der Abschwung noch hinausgezögert werden?

Die Gewinne der Industrie brechen ein, Prognosen werden nach unten korrigiert. Und es scheint, als würden die Maßnahmen zur Stabilisierung der Konjunktur rar.

Chemiekonzerne wie BASF oder Covestro stehen derzeit unter Druck.
Chemiekonzerne wie BASF oder Covestro stehen derzeit unter Druck.Foto: Getty Images/iStockphoto

Es war eine turbulente Woche an der Frankfurter Börse. Erst vermeldete die Deutsche Bank ein Minus von 3,4 Milliarden Euro für das zweite Quartal, noch am selben Tag teilte der Chemiekonzern Covestro mit, dass sein Gewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 550 Millionen eingebrochen ist. Auch Daimler gestand ein sattes Minus von 1,6 Milliarden Euro ein, wo im vergangenen Jahr noch ein Plus von 2,6 Milliarden stand. Dass die BASF ihren Gewinn auf Jahressicht um drei Viertel verkleinerte, wunderte da schon niemanden mehr, schließlich hatte der Konzern schon Anfang Juli eine Gewinnwarnung herausgegeben – so wie Daimler, der Autozulieferer Continental und die Lufthansa zuvor.

Es war die Woche der Quartalszahlen für die deutsche Wirtschaft. Und dass die Bahn (ein Fünftel weniger Gewinn) und der Großhändler Metro (ein leichtes Plus) vergleichsweise stabile Zahlen vorlegten, ging da fast unter. Denn angesichts schlechten Nachrichten aus der Industrie wird eine Frage immer dringlicher: Wie lange kann das Ende des Aufschwungs noch hinausgezögert werden?

Bisher hatte vor allem die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ein gutes Investitionsklima und damit die Hoffnung auf zukunftsfähige Geschäfte aufrecht erhalten. Doch wo der Nullzins Normalität ist, sind die Spielräume zur Stabilisierung der Märkte begrenzt. Auch das wurde in dieser Woche offensichtlich, als sämtliche Indizes auf die Fortführung des Nullzins so enttäuscht reagierten, als hätte EZB-Chef Mario Draghi ihnen persönlich Geld verwehrt. Schließlich hatte man sich insgeheim schon auf Negativ-Zinsen gefreut.

Die Autobranche zieht andere in die Krise

Doch es scheint so, als seien die dunklen Wolken, die seit Monaten über jeder Konjunkturprognose hängen, inzwischen so düster geworden, dass selbst expansive Geldpolitik die Skepsis der Unternehmen nicht mehr zu überwiegen vermag. „Die Weltwirtschaft kühlt sich ab und ein weltweit zunehmender Protektionismus belastet die deutschen Unternehmen“, sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Das spüre vor allem die exportstarke Industrie und ihre Zulieferer. „Trotz guter Inlandsnachfrage kann sich die deutsche Konjunktur nicht vom außenwirtschaftlichen Umfeld abkoppeln.“

Und dieses Umfeld trifft ausgerechnet die gern als Rückgrat der deutschen Industrie titulierte Autobranche am härtesten. Am wichtigen chinesischen Automarkt ist der Absatz seit einem Jahr rückläufig, der Zollstreit zwischen den USA und der Volksrepublik bremst den Handel und die Sorge vor US-Zöllen auf deutsche Autos ist noch immer allgegenwärtig. Hinzu kommen hausgemachte Probleme wie der Dieselskandal sowie die Herausforderungen durch die Elektromobilität, die milliardenschwere Investitionen erfordern. Rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland hängen an der Autoindustrie.

Daimler gab in dieser Woche überraschend hohe Verluste bekannt.
Daimler gab in dieser Woche überraschend hohe Verluste bekannt.Foto: REUTERS

Und wie ein Rückgrat es so an sich hat, ist auch der Rest des Systems nicht mehr funktionsfähig, wenn der Stützpfeiler Probleme hat. Erst recht nicht, wenn diese Probleme – wie in der Autoindustrie – zum Dauerzustand werden. Längst sind nicht mehr nur unmittelbare Zulieferer betroffen; auch Maschinenbau und Chemieindustrie beklagen, dass sich die Kunden aus der Autoindustrie mit Bestellungen zurückhalten. Covestro-Chef Markus Steilemann spricht von „einem sehr herausfordernden Umfeld in der Automobilindustrie“. Auch der Reifenhersteller Continental verweist auf „den fortlaufende Abwärtstrend der Automobilproduktion in Europa, Nordamerika und insbesondere in China“.

Schlechte Stimmung in der Chemiebranche

Aufgrund der schwachen Zahlen von Covestro und der BASF rückte die Chemibranche in dieser Woche besonders in den Fokus. Zuvor hatte der Ludwigshafener Konzern bereits ein Sparprogramm und den Abbau von 6000 Arbeitsplätzen angekündigt. So sollen etwa im Bereich der Autolackierung (Coating) allein in Münster 200 Stellen wegfallen. Die Automobilindustrie ist mit einem Umsatzanteil von knapp 20 Prozent die größte Kundengruppe der BASF.

Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie, bestätigt diese Entwicklung. „Die Produktion der Branche verringerte sich in den ersten sechs Monaten um mehr als sechs Prozent“, konstatiert er und rechnet nicht mit baldiger Besserung. „Wir erwarten für das Gesamtjahr einen Rückgang des Umsatzes der chemisch-pharmazeutischen Industrie Deutschlands um drei Prozent.“ Dabei werde aber vor allem das Auslandsgeschäft stark schrumpfen, politische Risiken wie der Brexit oder globale Handelskonflikte würden bald Folgen haben.

BDI fordert öffentliche Investitionen

Auch Ökonomen bescheinigen gerade dem verarbeitenden Gewerbe schlechte Stimmung. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel hier in diesem Monat so rasant wie seit dem Krisenjahr 2009 nicht mehr. Der Index sei „im freien Fall“, teilte das Wirtschaftsinstitut mit. Doch auch im Dienstleistungssektor und im Handel habe sich das Stimmungsbarometer eingetrübt. „Die guten Zeiten der deutschen Exportindustrie sind erst einmal vorbei“, meint Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Es gibt wenig Anzeichen, dass wieder Zuwächse beim Export zu erwarten sind.“

Beim Bund der deutschen Industrie (BDI) sieht man die Politik in der Pflicht. „Wenn Wachstumsprognosen fallen und Auftragseingänge in der Industrie abnehmen, muss die Bundesregierung Priorität darauf legen, Investitionen und Innovationen anzukurbeln“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang und forderte eine „Kurskorrektur“, denn es werde zu wenig investiert. „Die Schere zwischen Zukunftsinvestitionen und konsumtiven Ausgaben geht im Staatshaushalt weit auseinander – und das trotz der historisch niedrigen Zinsen“, sagt Lang. „Wirtschaftspolitische Impulse für Investitionen, Klimaschutz und niedrigere Steuern sind erforderlich.“

Es mutet fast wie bitterböse Ironie an, dass ausgerechnet der Autokonzern die gegenwärtige Krise fast unbeschadet passiert, der im Dieselskandal als Hauptschuldiger gilt: VW. Die Wolfsburger verkündeten in diese Woche einen Gewinn von neun Milliarden Euro, ein Plus von zehn Prozent. Weil der Dieselskandal VW heftiger traf als die Konkurrenz, hat der Konzern früher begonnen, Kosten zu senken, erklärten Branchen-Beobachter diese Entwicklung. Dass die Ursache für das Plus vor allem ein steigender Absatz von Geländewagen war, weckt angesichts der Klimadebatte allerdings nicht unbedingt das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Konzerns. Aber zumindest damit steht VW ja nicht alleine da.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!