Wirtschaft : Schwächt Bayer die Forschung in Berlin?

Teile sollen nach Wuppertal umziehen. Der weltweite Jobabbau ist noch stärker als angekündigt

Maren Peters Moritz Döbler

Berlin - Anders als von Bayer versprochen könnte der Forschungsstandort Berlin doch geschwächt werden. Das erfuhr der Tagesspiegel am Donnerstag aus unternehmensnahen Kreisen. Der Mutterkonzern Bayer hatte am Vortag nach einer Aufsichtsratssitzung mitgeteilt, dass zwar 950 Arbeitsplätze in Berlin gestrichen werden, gleichzeitig aber die Krebsforschung (Onkologie) durch eine Verlagerung aus den USA nach Berlin gestärkt werden soll. „Die Onkologie-Forschung in Berlin wird aber nicht gestärkt, sondern sogar lokal geschwächt“, hieß es aus Kreisen des Unternehmens. Darüber hinaus sei davon auszugehen, dass weltweit noch mehr als die 6000 Stellen abgebaut werden, wie Bayer angekündigt hatte, hieß es aus anderen Quellen im Umfeld des Unternehmens. 1500 bis 1800 dieser Stellen sollen auf deutsche Standorte entfallen.

In der Onkologie sollen nach Informationen dieser Zeitung zwar maximal fünf Forscher aus den USA nach Berlin umziehen, weil die Krebsforschung dort eingestellt wird, gleichzeitig werde aber ein Teilbereich der Onkologie aus Berlin mit rund 20 Mitarbeitern an den Bayer-Standort in Wuppertal verlegt. Einige Krebsforscher in Berlin seien bereits gefragt worden, ob sie zu einem Umzug bereit wären.

Ein Unternehmenssprecher von Bayer Schering Pharma wollte die Informationen nicht kommentieren und verwies darauf, dass am Freitag Details veröffentlicht werden sollen.

Der Bayer-Konzern, der den Berliner Antibabypillen-Produzenten Schering im vergangenen Jahr übernommen hatte, hatte am Mittwoch nur bekannt gegeben, dass 950 der rund 5500 Arbeitsplätze in Berlin abgebaut werden, aber nicht gesagt, wie stark die einzelnen Bereiche betroffen sein werden. Bis Mitte 2008 will der Konzern zudem auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Details sollen am heutigen Freitag auf einer Betriebsversammlung im Berliner „Admiralspalast“ bekannt gegeben werden. Parallel dazu wird der neue Vorstandschef von Bayer Schering Pharma, Arthur Higgins, vor der Presse über den Stand der Integration berichten. Der Berliner Betriebsrat hat für heute zu einem Protestmarsch aufgerufen.

Unterdessen verdichten sich Tagesspiegel-Informationen, wonach die chemische Entwicklung von Berlin nach Wuppertal verlegt wird. Umgekehrt werde die pharmazeutische Entwicklung aus Leverkusen – dort steht das Bayer- Stammwerk – nach Berlin umziehen, hieß es nach der Sitzung des Wirtschaftsausschusses von Bayer Schering Pharma. In diesem Gremium muss der Konzern den Betriebsrat regelmäßig über wirtschaftliche Angelegenheiten informieren.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte Bayer derweil auf, den Stellenabbau völlig ohne Kündigungen zu vollziehen. „So teuer kann das auch nicht sein.“ Nach 2008 werde es vermutlich um rund 500 Mitarbeiter gehen. „Die auf der Strecke zu lassen, wäre falsch“, sagte Wowereit bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer (IHK). Er habe keinen Zweifel, dass Bayer den Standort ausbauen werde.

Ähnlich argumentiert auch IHK-Präsident Eric Schweitzer. „Arbeitsplatzabbau ist nie gut. Aber Bayer hat das Unternehmen nicht gekauft, um es vom Markt zu nehmen, sondern um gemeinsam mit ihm zur Nummer eins in der Welt zu werden. Das bietet beste Perspektiven für den Standort Berlin“, sagte er dem Tagesspiegel.

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