"Uni-IT-Absolventen müssen noch konkreter für die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgebildet werden"

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Senatorin Cornelia Yzer : „Berlin hat sich 20 Jahre lang ausgeruht“
Störfaktor. „Wenn sich keiner gestört fühlt, hätte ich noch zu wenig verändert“, sagt Yzer über Reformen in ihrer Verwaltung.
Störfaktor. „Wenn sich keiner gestört fühlt, hätte ich noch zu wenig verändert“, sagt Yzer über Reformen in ihrer Verwaltung.Doris Spiekermann-Klaas

Unser Herausgeber Sebastian Turner hat angeregt, dass in Berlin 100 neue IT-Professuren geschaffen werden. Was halten Sie davon?

Das finde ich gut und richtig – auch die Zahl 100 als Anspruch zu stellen, weil man sonst gar nichts erreicht. Dieses ständige Kleinklein wird einen Standort wie Berlin nicht weiterbringen. Allerdings werden die 100 nicht auf einen Schlag kommen können, sondern müssen sukzessive eingerichtet werden.

Wie wollen Sie konkret vorangehen?

Ich habe Unternehmen aus der Digitalwirtschaft und Hochschulvertreter eingeladen, um gemeinsam mit ihnen die Idee zu erden. Ich sehe ja, weil ich viel in der Digitalwirtschaft unterwegs bin, dass sich da ein Fachkräftemangel abzeichnet. Noch ist die Lage gut, weil wir Talente aus aller Welt anziehen können. Aber wenn wir wollen, dass die Unternehmen weiterwachsen, müssen wir konkret etwas tun.

Was meinen Sie mit „erden“?

Die Universitäten und Fachhochschulen bringen eine Menge Absolventen hervor. Aber es muss noch konkreter an den Bedürfnissen der IT-Wirtschaft orientiert ausgebildet werden, wenn wir führender Digitalstandort bleiben wollen. Auch für die richtigen Profile und Forschungsfelder brauchen wir den Input der Wirtschaft. Wenn die Industrie formulieren kann, wo sie den größten Bedarf sieht, wird sich auch zeigen, welche Professuren von Privaten bezahlt werden könnten und wo die öffentliche Hand aktiv werden muss.

Sie geben Geld aus, um die Wirtschaft anzuschieben. Umstritten war die Förderung für den Modehändler Zalando. Braucht ein so großes Unternehmen noch Geld vom Steuerzahler?

Diese Frage ist so typisch für Berlin. Warum kann man nicht mal stolz darauf sein, dass hier ein Unternehmen gegründet wurde und binnen weniger Jahre 3000 zumeist hoch qualifizierte Mitarbeiter allein in Berlin eingestellt hat? Das nicht nur führendes E-Commerce-Unternehmen ist, sondern auch eines der führenden Technologieunternehmen. Wenn wir zu Recht Investitionen von Dax-30-Unternehmen am Standort unterstützen, dann wird man doch wohl auch noch Zalando unterstützen dürfen. Wir müssen endlich dazu kommen, den Unternehmen, die stark sind, die Arbeitsplätze schaffen und halten, Rückendeckung zu geben.

Das war jetzt leidenschaftlich.

Was spricht gegen Leidenschaft? Sie haben vorhin gefragt, was mich zu Beginn meiner Arbeit in Berlin am meisten irritiert hat. In jedem Fall auch, dass es hier nicht das Bekenntnis der breiten Öffentlichkeit zu den Firmen der Stadt gibt.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht liegt es daran, dass sich in der geteilten Stadt kein gemeinsamer Kristallisationspunkt hat entwickeln können. Hier gibt es nur wenige Unternehmen, die viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte den Standort geprägt haben. Und nach der Wiedervereinigung sind viele Unternehmen in die Abbauphase gegangen. Das hat auch nicht zur Identifizierung mit dem Standort beigetragen. Aber diese Stadt bewegt sich ständig, da kann noch viel passieren. Auch in den Köpfen.

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