Singularity University : Wo großes Denken verkauft wird

Die Singularity Uni ist eine Kaderschmiede des Silicon Valley. Nun gab sie einen Crashkurs in Berlin.

Große Bühne. Die Vordenker kamen ins Kongresszentrum am Alex.
Große Bühne. Die Vordenker kamen ins Kongresszentrum am Alex.Fotos: S. Gabsch/PNN

Mit Vorhersagen ist es ja immer so eine Sache, aber ein paar Dinge über die Zukunft sind klar: Sie wird noch digitaler und vernetzter, der technologische Wandel beschleunigt sich und die Welt wird dadurch noch komplexer. Davon ist zumindest Rob Nail überzeugt, Chef der Singularity University.

Für 15000 Dollar Google-Denke lernen

Mit einer gewöhnlichen Universität hat diese Einrichtung aus dem Silicon Valley außer dem Namen nichts zu tun. Vergleichbar ist sie eher mit den privaten Business Schools für Manager, denn auch hier sollen Führungskräfte weitergebildet werden. Auf dem Plan stehen vor allem disruptive Technologien und ihre Auswirkungen. Das hat seinen Preis: Der einwöchige Kurs kostet knapp 15 000 Dollar – ohne Reisekosten und Unterkunft. Trotzdem sind die beiden nächsten Programme mit jeweils etwa 90 Plätzen schon ausgebucht.

Als Alternative gab es am Montag und Dienstag in Berlin den Singularity Summit, wo die wichtigsten Lektionen in einer Art Crashkurs vermittelt wurden. „Bei uns lernt man Moonshot-Thinking“, sagt Nail. Der Begriff bezieht sich auf Kennedys Ankündigung, Menschen auf den Mond zu schießen und wird vor allem von Google für besonders ambitionierte Projekte wie das selbstfahrende Auto oder die Datenbrille Google Glass genutzt, die entweder ganz neues Terrain erobern oder auch spektakulär abstürzen können. Die Singularity-Gründer kommen auch aus dem Google-Umfeld.

Die 10X-Formel

Dazu gibt es im Berliner Congress Centrum am Alexanderplatz auch ganz konkrete Tipps, so zum Beispiel die 10X-Formel. „Statt zu überlegen, wo sie noch zehn Prozent herausholen können, sollten Manager mehr Zeit auf Projekte verwenden, die Ergebnisse verzehnfachen können“, sagt Nail.

Dahinter steht das Konzept des exponentiellen Denkens, das sich als Leitfaden durch die Vorträge zieht. Doch Menschen können sich eher lineare, also kontinuierliche Steigerungen vorstellen, wie ein Gedankenexperiment demonstriert. Es stellt das Publikum vor die Wahl, entweder 30 Tage lang jeden Tag 10 000 Euro zu bekommen oder aber einen Koffer mit einem Cent, dessen Inhalt sich aber jeden Tag verdoppelt. Den meisten Teilnehmern ist klar, dass die zweite Option attraktiver ist, doch wie groß ist der Unterschied? Im ersten Fall erhält man am Ende 300 000 Dollar, im zweiten sind es nach der Hälfte der Zeit nur 164 Dollar, am Ende dann 10,7 Millionen. Auch die Entwicklung und Verbreitung vieler neuer Technologien erfolgt exponentiell. Die Kurve ist lange sehr flach, steigt dann aber umso steiler an. Das führt allerdings auch zum berühmten Hype-Zyklus, der beschreibt, warum es oft riesige Erwartungen an neue Technologien gibt, die dann erst enttäuscht werden.

Warum Technologie falsch eingeschätzt wird

„Wir neigen dazu, die Wirkung einer Technologie kurzfristig zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen“, hat der US-Wissenschaftler Roy Amara das einmal beschrieben. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Virtual Reality. Bei selbstfahrenden Autos gehe die Entwicklung schneller als er erwartet habe, sagt Nail. Langsamer als gedacht sei dagegen die Nanotechnologie.

Ansonsten geht es natürlich viel um Roboter und Künstliche Intelligenz. Steigende Bedeutung schreibt Nail den Neurowissenschaften zu, durch die Verbindung von Hirnforschung und der Nachbildung von Denkprozessen in neuronalen Netzwerken könnten letztlich auch Schnittstellen zwischen Hirn und Computer möglich werden.

Einer der Sprecher war auch Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter. Er und andere Vorstände des Mobilfunkers haben schon Singularity-Workshops in den USA absolviert. „Dort sind viele Vordenker und wir hatten sehr spannenden Diskussionen zu neuen Technologien“, sagt Ametsreiter. Auch viele Teilnehmer – die meisten von Konzernen wie SAP, Lufthansa oder der Commerzbank – äußerten sich positiv. Doch es gab durchaus auch kritische Stimmen. „Vieles habe ich auch vorher schon mal gehört“, sagte ein Besucher. „Den teuren Wochenkurs würde ich nicht unbedingt buchen.“

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