Sorgen um die Wirtschaft : Deutsche Konzerne verlieren den Anschluss

Nur SAP und Allianz zählen noch zu den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt – vor allem bei der Digitalisierung liegen andere vorn.

Ein Firmenlogo hängt an der Konzernzentrale des Softwarekonzerns SAP. Nur noch zwei deutsche Konzerne zählen einer Studie zufolge zu den 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt.
Ein Firmenlogo hängt an der Konzernzentrale des Softwarekonzerns SAP. Nur noch zwei deutsche Konzerne zählen einer Studie zufolge...Foto: dpa

Deutsche Konzerne fallen im internationalen Vergleich zurück. Mit SAP und der Allianz zählen nur noch zwei von ihnen zu den 100 wertvollsten Börsenkonzernen der Welt. Und auch sie landen eher auf den hinteren Rängen: Der Softwarekonzern SAP kommt immerhin auf Platz 52, der Versicherer Allianz liegt auf Rang 98 und schafft es damit nur noch knapp in den Club der wertvollsten Firmen der Welt. Das zeigt eine Auswertung, die die Unternehmensberatung EY am Freitag veröffentlicht hat. Vorne liegen demnach andere: Microsoft, Amazon, Apple, Alphabet und Facebook – alles Techfirmen, alles US-Konzerne. Die chinesischen Onlinekonzerne Alibaba und Tencent rangieren ebenfalls weit vorne.

Für Deutschland bedeuten die Zahlen einen Rückschlag. Ende 2017 war die Bundesrepublik noch mit sechs Konzernen unter den 100 wichtigsten Börsenunternehmen der Welt vertreten. Herausgeflogen sind seitdem Bayer, Siemens, BASF und Volkswagen. Alle vier stehen für die alte Industrie und damit vor der Herausforderung, sich zu wandeln. „Mit digitalen Geschäftsmodellen haben vor allem US-amerikanische Unternehmen den Nerv der Zeit getroffen“, sagt EYDeutschland-Chef Hubert Barth. „Mit ihren Dienstleistungen und Produkten revolutionieren sie ganze Branchen und erzielen enorme Gewinne.“ Viele deutsche Konzerne seien dagegen noch auf der Suche nach einem überzeugenden Geschäftsmodell. In einigen Bereichen, so Barth, lägen bereits jetzt Unternehmen aus den USA und China nahezu uneinholbar vorne.

„Es ist Zeit, sich Sorgen um die deutsche Wirtschaft zu machen.“

Hat sich Deutschland also zu lange auf seinem Erfolg ausgeruht? Zu diesem Ergebnis kann man kommen, wenn man sich zum Beispiel die Anzahl der Patente anschaut. Zwar ist Deutschland immer noch durchaus innovationsfreudig: Jedes Jahr melden deutsche Unternehmen rund 30000 transnationale Patente an. Diese Zahl bleibt jedoch seit Jahren konstant, während die Chinesen jedes Jahr mehr Patente anmelden – so haben sie Deutschland dabei längst überholt. Vor allem bei neuen Technologien fällt die Bundesrepublik zurück. Die USA etwa haben im vergangenen Jahr beim Europäischen Patentamt bereits doppelt so viele Patente für den Bereich Künstliche Intelligenz angemeldet wie Deutschland.

Während die Digitalisierung die Konzerne langfristig zu Veränderungen zwingt, spüren sie kurzfristig die Folgen von Brexit und Handelsstreit. Der britische „Economist“ schreibt deshalb: „Es ist Zeit, sich Sorgen um die deutsche Wirtschaft zu machen.“ Das „goldene Zeitalter“ mit hohen Exporten und Rekordbeschäftigung könne bald zu Ende gehen. Schon jetzt streichen immer mehr Konzerne Stellen – allein die Deutsche Bank könnte am Sonntag den Wegfall von 20000 Jobs beschließen. Auch fallen die Prognosen der Ökonomen von Monat zu Monat schwächer aus. Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr mittlerweile nur noch mit einem Plus beim Wachstum von 0,5 Prozent.

„Die Unternehmen in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen“, sagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Seiner Meinung nach müsste die Bundesregierung daher mehr tun – zum Beispiel bei den Unternehmenssteuern, die hierzulande deutlich über dem OECD-Schnitt liegen. Auch sollten die Firmen weniger mit Papierkram kämpfen müssen. „Weniger Bürokratie entlastet die Unternehmen bei ihren täglichen Geschäften und öffnet Räume für mehr Innovationen“, sagt Schweitzer. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht dagegen an anderer Stelle Handlungsbedarf. Er meint: „Die Frage, ob Deutschland langfristig als Wirtschaftsstandort attraktiv bleibt, hängt davon ab, ob es gelingt den Binnenmarkt und die Währungsunion in Europa zu vollenden.“

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