Spanien statt Chile : Wie der Auto-Bürgermeister von Madrid den UN-Klimagipfel vorbereitet

In Madrid wurden zuletzt Fahrverbote gelockert und Fahrradwege in Autostraße umgewandelt. Die Stadt kann die Impulse des Klimagipfels gut gebrauchen.

Nicht nur beim Taxi-Streik im Juli 2018, nein, auch sonst sind die Straßen Madrids ziemlich verstopft.
Nicht nur beim Taxi-Streik im Juli 2018, nein, auch sonst sind die Straßen Madrids ziemlich verstopft.Foto: AFP

Großereignisse wie ein Klimagipfel bringen mit Glück neue Impulse für die ausrichtende Stadt. Madrid, Spaniens Stau- und Abgashauptstadt, kann diesen Anschub in Sachen Klimaschutz gut gebrauchen. Erst recht, seit der neue konservative Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida ankündigte, dass er die bisherigen Fahrverbote für Altfahrzeuge in der City lockern will. Und dass er einige der von der linksalternativen Vorgängerregierung gebauten Radwege wieder in Autospuren verwandeln möchte.

Während der UN-Klimakonferenz Cop25, die nun vom 2. bis zum 13. Dezember nicht in Santiago de Chile, sondern in Madrid stattfindet, werden die hochrangigen Teilnehmer gleich vor Ort den klimapolitischen Schlingerkurs von Bürgermeister Almeida studieren können. Ein Kurs, der sich unter dem Motto zusammenfassen lässt: freie Fahrt statt besserer Luft. Madrids Abgasglocke, die seit Jahren viel zu hohe Schadstoffwerte aufweist, macht besonders im Winter das Atmen schwer. Auch weil die Verkehrsstaus im Dezember, also genau zur Klimagipfel- und Vorweihnachtszeit, noch ein bisschen länger als in anderen Monaten sind.

Glücklicherweise tagt der Gipfel, auf dem über die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens aus dem Jahre 2015 beraten wird, nicht in der City, sondern auf dem Messegelände am nordöstlichen Stadtrand. Spaniens größtes Kongress- und Ausstellungszentrum liegt rund fünf Kilometer vom Flughafen und etwa 20 Kilometer von Madrids Zentrum entfernt. Auf dem Messegelände ist die Luft deutlich besser als in der City.

Eine Herkules-Aufgabe für Madrid

Gerade war ein Team des UN-Klimasekretariats (UNFCCC) in der Stadt, um mit Messechef Clemente González Soler und Spaniens Regierung die Einzelheiten dieses Mammutgipfels zu besprechen. Seit Madrid Anfang November für Santiago de Chile einsprang, wo soziale Unruhen zur Gipfelabsage führten, wird in der spanischen Hauptstadt Tag und Nacht an der Vorbereitung dieses Großereignisses gearbeitet.

Es ist eine Herkulesaufgabe für Martínez-Almeida und seine Mannschaft: Der Klimagipfel, zu dem Regierungsdelegationen aus 196 Ländern kommen, benötigt normalerweise wenigstens ein Jahr an organisatorischer Vorbereitung. In Madrid muss nun alles innerhalb eines Monats stehen: die Unterbringung in Hotels; der Transport der wenigstens 25.000 Teilnehmer, zu denen Staats- und Regierungschefs, Minister, Wissenschaftler und Umweltschützer gehören; auch die Sicherheit muss gewährleistet werden.

Der Aufwand lohnt sich finanziell

Martínez-Almeida ist dennoch optimistisch: Madrid sei in der Lage, diese Aufgabe in Rekordzeit zu bewältigen. Die Infrastruktur der Stadt habe schon andere internationale Großveranstaltungen bewältigt. Seine Referenzpunkte: Das Champions-League-Finale und der Orgullo Gay, das große spanische LGBT- Fest. Und vor allem: Das Finale des amerikanischen Fußballpokals Copa Libertadores, das von Buenos Aires in die spanische Hauptstadt verlegt wurde. Zehntausende kamen ziemlich kurzfristig – und die Stadt konnte es bewältigen. Für Madrid lohnt sich der Aufwand auch finanziell: Der zusätzliche Umsatz wird auf satte 200 Millionen Euro geschätzt.

Dass ausgerechnet Martínez-Almeida nun zum organisatorischen Maestro des großen Klimagipfels aufgestiegen ist, entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie. Der strikt konservative Vertreter der Partido Popular (PP) stoppte im Juli dieses Jahres das Fahrverbot für ältere Diesel und Benziner in das Schutz- und Erholungsgebiet Madrid Central – was einige Tage später bereits gerichtlich wieder kassiert wurde. Das brachte ihm gleich seinen ersten Großprotest ein, Zehntausende gingen auf die Straße.

Denn auch in Spanien ist Umweltschutz ein großes und in den Metropolen auch klar mehrheitsfähiges Thema. Also schlägt der neue Bürgermeister nun drei Fliegen mit einer Klappe: Er bringt Geld in die Stadt, präsentiert sich und seine Verwaltung als handlungsfähig und -willig und kann auch noch die Scharte aus dem Sommer auswetzen und etwas Kreide essen: Die Entscheidung für Madrid sei eine große Chance, „unser Engagement für den Kampf gegen Umweltverschmutzung unter Beweis zu stellen“, sagte Martínez-Almeida, kurz nachdem die Verlagerung feststand.

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