Sparkassenpräsident Helmut Schleweis : „Man sollte wissen, wo man hin will“

Als Sparkassenpräsident ist Helmut Schleweis erst wenige Wochen im Amt. Doch schon jetzt gibt er klare Ziele vor. Ein Porträt des Mannes, der den Sparkassenverband nach der Steueraffäre seines Vorgängers wieder voranbringen soll.

Der neue Sparkassenpräsident Helmut Schleweis ist technikaffin, sagt aber: „Wir dürfen nicht jedem Trend hinterherrennen.“ 
Der neue Sparkassenpräsident Helmut Schleweis ist technikaffin, sagt aber: „Wir dürfen nicht jedem Trend hinterherrennen.“ Foto: Thilo Rückeis

Udo Lindenberg treibt den neuen Sparkassenpräsidenten an. „Mach dein Ding, egal was die anderen sagen.“ So steht es unter einer Zeichnung, die im Büro von Helmut Schleweis hängt. Als er sie zum sechzigsten Geburtstag bekam, hätte er sich nicht träumen lassen, dass er drei Jahre später hier sitzen würde: im Eckbüro in der Charlottenstraße mit Blick auf die Kuppeln von Französischem und Deutschem Dom. Als „überraschenden Einschnitt“ beschreibt Schleweis im Gespräch mit dem Tagesspiegel seine Berufung zum Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV). Ein Amt, auf das er nicht hingearbeitet hat, sondern das zu ihm gekommen sei.

Seit Januar ist Schleweis im Amt

Als sein Vorgänger im November zurücktrat, musste es schnell gehen. Eigentlich hatte Georg Fahrenschon wiedergewählt werden sollen. Doch dann kam heraus, dass er mehrere Steuererklärungen zu spät abgegeben hatte und die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Als oberster Vertreter der Sparkassen schien er damit unhaltbar. Für seine Nachfolge standen zwar gleich mehrere Präsidenten der elf regionalen Sparkassenverbände zur Debatte. Doch gerissen hat sich um den Posten keiner. Als man dagegen Schleweis fragte, zögerte er nicht. Kurz vor Weihnachten wurde er gewählt, zum Jahreswechsel zog er nach Berlin um.

In die Hauptstadt zu pendeln wie sein Vorgänger, kam für den Kurpfälzer nicht infrage. „Wenn, dann mache ich das richtig“, sagt er. „Außerdem wollte ich in meinem Alter nicht auf einmal eine Wochenendbeziehung führen.“ Inzwischen haben der 63-Jährige und seine Frau eine Wohnung in Mitte gefunden. Mit ihrem Labradoodle Lotte haben sie bereits die ersten Runden durch den Mombijoupark gedreht. Morgens genießt Schleweis es, auch in der Großstadt zu Fuß zur Arbeit gehen zu können. „Berlin fühlt sich für mich richtig an“, sagt er.

Zuletzt war er Chef der Sparkasse Heidelberg

Dabei ist der Ortswechsel nicht das Einzige, was den Neuen von seinem Vorgänger unterscheidet. Anders als Fahrenschon, der vor seiner Zeit als Verbandschef Finanzminister in Bayern war, kommt Schleweis nicht aus der Politik. Stattdessen war er fast 45 Jahre der Sparkasse Heidelberg treu:  Dort hat er seine Lehre absolviert und ist über die Jahre bis zum Vorstandschef aufgestiegen. Eine Sparkassenkarriere wie aus dem Bilderbuch also – womit Schleweis genau der Richtige sein dürfte, um das Image des Sparkassenverbands nach Fahrenschons Abgang aufzupolieren.

Wer im Verband nun aber auf einen Kuschelkurs gehofft hat, der dürfte enttäuscht werden. So macht Schleweis schon jetzt keinen Hehl daraus, dass er die Strukturen im Sparkassenverbund teilweise für nicht zukunftsfähig hält. Anders als die Genossenschaftsbanken sind im Sparkassensektor viele Bereiche nicht zentralisiert: Es gibt noch immer elf Provinzial-Versicherungen, acht Landesbausparkassen (LBS) und mehrere Landesbanken. „Da müssen wir uns weiterentwickeln“, sagt Schleweis. Zwar werde es nicht m orgen einen „Big Bang“ geben. „Aber wir müssen uns über die Richtung einig sein.“ Ziele zu setzen, das ist ihm wichtig. „Man sollte wissen, wo man hinwill“, sagt er.

"Bei der Digitalisierung darf man nicht jedem Trend hinterherrennen"

Das gilt auch für die Digitalisierung der Sparkassen, die er weiter voranbringen will. Sich selbst beschreibt der 63-Jährige als durchaus technikaffin, am Handgelenk trägt er eine Apple Watch. Begeistert erzählt er, wie er bei der Sparkasse Heidelberg in den achtziger Jahren den ersten Computer ausgepackt hat. „Das war ein IBM T mit 20 Megabyte Festplatte“, sagt er und lacht. Doch trotz aller Technikbegeisterung meint er, man dürfe auch bei der Digitalisierung nicht jedem Trend hinterherrennen. „Letztlich müssen die Produkte dem Kunden helfen.“

Derzeit stehen die Sparkassen in der Kritik, weil ihr neues Smartphone-Konto Yomo nach mehr als zwei Jahren noch immer in der Testphase ist. Schleweis verteidigt es dennoch. „Wenn ein Start-up eine neue App auf den Markt bringt, kann es froh sein, wenn es nach drei Jahren 500 000 Kunden hat“, sagt er. „Wenn wir eine neue App herausbringen, können die potenziell sofort 40 bis 50 Millionen Sparkassenkunden nutzen.“ Da müsse man sicher sein, dass auch alles funktioniert – auch wenn das etwas dauert. Ähnlich ist das bei Paydirekt, einem Dienst, mit dem man beim Shoppen im Netz zahlen kann und den die Sparkassen zusammen mit den anderen Banken aufgebaut haben. Bislang nutzen den Dienst jedoch erst 1,5 Millionen Verbraucher – eigentlich sollten es längst sieben Millionen sein. Schleweis räumt ein: „Wir haben viel zu früh ehrgeizige Ziele genannt.“ Es brauche eben Zeit, ein E-Commerce-Verfahren wie Paydirekt im Markt durchzusetzen. „Das kann man nicht gleich an einem Dienst wie Paypal messen, der schon viel länger am Markt ist“, meint Schleweis.

"Eine gemeinsame Einlagensicherung wäre der falsche Weg"

Ebenso deutlich äußert er sich auch gegenüber der Politik. Bei der Einlagensicherung etwa wünscht er von der neuen Bundesregierung ein stärkeres Bekenntnis zum deutschen Schutzsystem für Sparer. In Brüssel dringt der neue Euro-Gruppenchef darauf, eine europäische Einlagensicherung zu schaffen. Die deutschen Banken und Sparkassen lehnen das ab aus Angst, künftig mit ihren Geldern auch Sparer in Italien oder Griechenland retten zu müssen. „Von der neuen Bundesregierung wünsche ich mir ein deutliches Statement, dass eine gemeinsame Einlagensicherung der falsche Weg ist“, sagt Schleweis. Die nationalen Töpfe, aus denen Sparer im Falle einer Bankpleite entschädigt werden, seien wie Brandtüren. „Die brauchen Sie, wenn Sie im Ernstfall verhindern wollen, dass sich ein Brand im gesamten Haus ausbreitet.“

So nimmt Schleweis schon jetzt Einfluss, auch wenn er im Berliner Politikbetrieb noch lange nicht so stark vernetzt ist wie sein Vorgänger. Dass er sich da erst einfinden muss, macht ihm keine Sorgen. „Viele Kontakte sind dem Amt des Sparkassenpräsidenten geschuldet und hängen nicht an der Person“, sagt er. Konzentrieren will er sich dabei auf Themen, bei denen er etwas bewegen kann. Die Niedrigzinspolitik, gegen die sein Vorgänger stets gewettert hat, nimmt Schleweis dagegen hin. „Zur Niedrigzinspolitik sind die Argumente hinlänglich ausgetauscht und der EZB-Rat wird sich bei seinen Entscheidungen kaum nach mir richten.“

Schleweis wünscht sich eine Stärkung des ländlichen Raums

Wichtiger ist ihm deshalb zum Beispiel die Stärkung des ländlichen Raums. In vielen Regionen müssen Sparkassenfilialen schließen, weil kaum noch Kunden vorbeikommen. Dabei, sagt Schleweis, sei die Sparkasse meist der Letzte, der gehe. „Ärzte, Bäcker, Metzger, Wirte sind dann schon längst weg. Von den jungen Menschen ganz zu schweigen.“ Diesen Trend aufzuhalten sei Aufgabe der Politik. Um ländliche Regionen wieder attraktiver zu machen, spiele zum Beispiel der Breitbandausbau eine entscheidende Rolle. „Unternehmen sind auf ein schnelles Internet angewiesen, nur damit können Sie die Firmen und die Arbeitsplätze halten.“ Und letztlich auch die Sparkassenfilialen.

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