Spione im Teddyfell : Wenn das Spielzeug Daten sammelt

Ob Puppe oder Stofftier – immer mehr Spielzeuge machen Aufnahmen und generieren Werbung. Warum Smart Toys nicht nur smart sind.

Viola Heeger
Nicht so harmlos, wie sie aussehen. Die Mitglieder dieser bunten Truppe identifizierte die Stiftung Warentest als vernetztes Spielzeug
Nicht so harmlos, wie sie aussehen. Die Mitglieder dieser bunten Truppe identifizierte die Stiftung Warentest als vernetztes...Foto: Stiftung Warentest

Wenn morgen Bescherungszeit ist, liegen unter dem Weihnachtsbaum nicht nur Holzspielzeuge und Kuscheltiere: Immer mehr Spielzeuge sind mit Apps verknüpft, reagieren auf Sprachbefehle oder sind mit dem Internet verbunden. Das ist nicht ungefährlich für die Kinder, sagt Julia Fastner von Jugendschutz.net. Seit 2013 beschäftigt sie sich mit dem Thema Internet und Apps für Kinder, seit ein paar Jahren recherchiert sie vor allem zum Thema Smart Toys.

Einen durchgehenden Trend bei den Smart Toys gebe es nicht, sagt Fastner. Medienberichte wie über die Puppe Cayla, die heimliche Bild- und Tonaufnahmen von Kindern machte und schließlich von der Bundesnetzagentur als Spionagegerät verboten wurde, beeinflussten die Wahrnehmung von vernetzten Spielzeugen aber deutlich. „Einerseits ist das Bewusstsein dafür, welche Risiken es bei Spielzeugen gibt, gestiegen. Einige Hersteller bemühen sich deshalb, ihre Apps kindersicher aufzubauen und das auch zu kommunizieren.“ Gleichzeitig gebe es auch immer mehr Produkte, die in irgendeiner Form vernetzt seien – und damit auch mehr Spiele, bei denen Bedenken beim Thema Kindersicherheit entstehen können. Hier ein Überblick zu den wichtigsten Fragen:

Was macht eine App zum Risiko für Kinder?

Eine Checkliste, mit der sich alle Spielzeuge überprüfen lassen, gebe es dabei nicht, sagt die Jugendschutzexpertin. „Ich habe mir für meine Orientierung eine Recherchetabelle angelegt, aber die einzelnen Spielzeuge sind in ihrem Angebot sehr individuell.“ Dennoch gebe es Signale, nach denen sie bei ihrer Prüfung der Apps und Spielzeuge immer Ausschau halte. Beispielsweise lasse sich beim Öffnen von Spieleapps oder Apps, über die Spielzeuge gesteuert werden, schnell erkennen, welche Standards bei Werbung und In-App-Käufen gesetzt werden, hat Fastner beobachtet.

Stört die Werbung die Kinder beim Spielen? Oder führt die Werbung die Kinder aus der App heraus zu externen Seiten, die für Kinder ungeeignet sind? Ist die Werbung überhaupt kindgerecht? Solche Fragen beschäftigen Eltern und Jugendschützer. „Bei In-App-Käufen ist es besonders bedenklich, wenn die App von kleinen Kinder gespielt wird, die nicht verstehen, welche Konsequenzen Käufe in der App haben.“ Und wenn auf Kinder sogar Druck ausgeübt wird, etwas zu kaufen, sei das ein klares Warnzeichen. Grundsätzlich sei alles, was aus der App hinausführt und dadurch die Kontaktaufnahme durch Fremde ermöglicht, mit Misstrauen zu beobachten, meint Fastner von Jugendschutz.de.

Wo gehen die Daten hin?

Wie das Beispiel der Puppe Cayla zeigt, die ihre „Gespräche“ mit den Kindern aufzeichnete, sollte besonders bei Spielzeugen mit Spracherkennung darauf geachtet werden, was mit den Aufzeichnungen passiert. Um herauszufinden, welche Daten Kinder von sich in einer App oder bei einem vernetzten Spielzeug preisgeben, überprüfen die IT- Fachkräfte von Jugendschutz.net das Datensendeverhalten des Angebots. „Dabei ist es nicht nur wichtig, wohin die Daten geschickt werden, sondern auch, ob und wie sie verschlüsselt sind.“ Auch wo die Server liegen – in Deutschland, Europa oder in anderen Ländern –, zeigt durch die dort geltenden Datenschutzgesetze, wie gut die Kinder abgesichert werden.

Ihren Weg zum Thema Kindersicherheit im Netz fand Fastner über eher verschlungene Pfade: Die 36-Jährige hat Biologie, Publizistik und Geografie studiert und zog eine Karriere im Wissenschaftsjournalismus in Betracht. „Aber Volontariate waren knapp und die Wartezeiten lang, also habe ich mich nach anderen Karrierepfaden umgeschaut.“ Fündig wurde Fastner beim Thema Privatsphäre im Netz. Bereits in ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich 2012 mit der Privatsphäre auf Facebook, wozu sie das Verhalten von Digital Natives und Menschen, die noch vor dem Internetzeitalter aufwuchsen, verglich. Sich mit der Privatsphäre von Kindern im Netz auseinanderzusetzen, erschien ihr als logischer nächster Schritt.

Wie können Eltern sich vorbereiten?

Ein Tag, der Fastner oft wie Weihnachten vorkommt, ist, wenn sie eine große Kiste mit Smart Toys und Computerspielen zum Ausprobieren bekommt. Denn als Teil ihrer Arbeit bei Jugendschutz.net sitzt Fastner auch in der Jury des „Tommi“ Kindersoftwarepreises, der besonders kindgerechte Spiele auszeichnet. „Dabei kann ich auch selbst wieder ein bisschen Kind werden und entdecken, welches Potenzial digitale Spielzeuge für Kinder haben können.“ Die Fachjury, zu der Fastner gehört, darf die Spiele aber nur nominieren – die Endentscheidung trifft dann eine Kinderjury.

Fastners Tipps für Eltern vor dem Kauf von vernetzten Spielzeugen: informieren. „Dazu zählen für mich natürlich meine eigenen Recherchen, aber auch die Bewertungen zu den Spielzeugen von anderen Eltern oder Medienberichte.“ Finden sich online wenig Bewertungen, sollten Eltern selbst die Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder Datenschutzhinweise überprüfen. Auch wenn das mühsam ist. „Damit bekommt man ein ungefähres Gefühl dafür, wie der Anbieter mit den Themen Kindersicherheit und Datenschutz umgeht“, sagt die Jugendschützerin.

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