Sporthandel : Wie sich ein kleines Fachgeschäft gegen Decathlon und Co. behauptet

Gegen den Onlinehandel und große Ketten haben kleine Sportfachgeschäfte es schwer. Aber auch für sie gibt es Marktlücken. Das zeigt ein Beispiel aus Berlin.

Die Suche nach dem richtigen Laufschuh bringt Beratungsbedarf mit sich.
Die Suche nach dem richtigen Laufschuh bringt Beratungsbedarf mit sich.Foto: imago images / Panthermedia

Die Vorstände der beiden Kooperationsverbünde Intersport und Sport 2000 waren sich einig. Im Sporthandel werde es eine Konsolidierung geben, meinten sie Ende Januar auf der Ispo Munich, der größten Sporthandelsmesse in Europa. Kleine Geschäfte dürften wohl vermehrt schließen, nur große Ketten würden überleben. Der Internethandel und Onlineplattformen seien die Zukunft, so war es auf der Ispo vielfach zu hören. Es klang nach schlechten Zeiten für Fachgeschäfte.

In der Bismarckstraße in Berlin-Charlottenburg sieht die Welt allerdings anders aus. Hier hat „Lunge Der Laufladen“ eine Filiale, drei weitere gibt es in Hamburg. Damit ist das vor mehr als 40 Jahren gegründete Familienunternehmen ein ebensolches Fachgeschäft. Von schlechten Zeiten will man hier nichts wissen. „Wir sind grundsätzlich immer gewachsen“, sagt Stephan Weinrich, Betriebsleiter von Lunge im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „In den vergangenen Jahren sogar zweistellig, was deutlich über dem Branchenschnitt liegt.“

Intersport verliert Anteile, Zalando holt auf

Tatsächlich war der Umsatz im deutschen Sportfachhandel in den vergangenen 20 Jahren recht konstant und lag fast immer zwischen sieben und acht Milliarden Euro, wobei 2019 ein Höchstwert verbucht wurde. Dass der stationäre Handel dennoch in Schwierigkeiten steckt, liegt daran, dass immer mehr Sportartikel im Internet gekauft werden. Nach einer Marktuntersuchung der Unternehmensberatung NPD hat beispielsweise Intersport im vergangenen Jahr zwei Prozent Marktanteil verloren. Der eigentlich branchenfremde Online-Modehändler Zalando hat hingegen 14 Prozent zugelegt, wie die Schätzung auf Verbraucherbefragungen aussagt.

Sportscheck gehört jetzt zu Galeria Kaufhof Karstadt.
Sportscheck gehört jetzt zu Galeria Kaufhof Karstadt.Foto: dpa

Wie kompliziert die Lage für den stationären Handel ist, zeigt das Beispiel Sportscheck. Seit Jahren war die Kette mit 19 Filialen ein Sorgenkind im Portfolio des Otto-Konzerns. Noch im Frühjahr hieß es, sie solle nach Vorbild des hochwertigen Warenhauses Manufactum umgebaut werden, das ebenfalls zu Otto gehört. Doch offenbar wurde der Konzern auch damit nicht glücklich.

Nun geht Sportscheck an die Signa Retail GmbH; das Unternehmen des Österreichers René Benko, zu dem auch Galeria Kaufhof Karstadt mittlerweile gehört. In der vergangenen Woche erteilte das Bundeskartellamt dem Verkauf seine Zustimmung. Die Begründung liest sich wie eine Warnung an den stationären Handel: Weil die Konkurrenz im Onlinehandel so groß ist, sahen die Wettbewerbshüter kein Problem darin, dass Sportscheck gemeinsam mit Galeria Kaufhof Karstadt zum führenden deutschen Anbieter für Sportartikel wird. Eine Umfrage des Bundeskartellamts habe ergeben, dass mehr als 90 Prozent vor allem den Onlinehandel als große Konkurrenz sehen.

"Lunge Der Laufladen" setzt auf Beratung

Wie also kann sich „Lunge“ diesem Trend entziehen? „Wir können uns bislang sehr gut am Markt behaupten, weil wir uns spezialisiert haben“, meint Weinrich. „Der Kunde braucht heute keinen Händler mehr, der alles und gleichzeitig nichts bietet.“ Die großen Ketten seien zwar breit aufgestellt, schaffen aber aus Weinrichs Sicht keinen Mehrwert für den Kunden. „Wer einfach günstiges Sportequipment sucht, kann das im Internet viel einfacher bestellen“, meint er. „Wenn man aber extra losgeht und sucht, dann will man mehr bekommen, zum Beispiel Beratung oder passendes Zubehör.“

Und das sieht bei „Lunge“ so aus: Jeder Kunde erhält auf Wunsch eine individuelle Laufanalyse. Dafür steigt er aufs Laufband und rennt ein paar Minuten; eine Kamera zeichnet den Lauf auf. „Wir analysieren seine Fußstatik, seine Haltung“, erklärt Weinrich. „Dadurch können wir ihm genau den passenden Schuh empfehlen, bei dem etwa Dämpfung, Stabilität und Maße stimmen.“

30 bis 40 Minuten dauere so eine Beratung im Schnitt. Das Personal erhält bei „Lunge“ extra Schulungen dafür. Teurer als üblich sind die Schuhe laut Weinrich dennoch nicht, man liege im Bereich der UVP. „Die Videoanalyse bekommt der Kunde dann auch online zur Verfügung gestellt und beim nächsten Schuhkauf lässt sich darauf zurückgreifen“, so Weinrich.

Einen Onlineshop und eine eigene Laufschuh-Produktion hat „Lunge“ auch. Letztere läuft allerdings getrennt vom Handel. Und wer die großzügig eingerichteten Filialen von „Lunge“ betritt, merkt, dass der Fokus des Unternehmens auf dem stationären Handel liegt.

Decathlon expandiert massiv

Schon mit der Warenpräsentation grenzt man sich damit von den großen Playern ab. Als Gegenbeispiel kann hier „Decathlon“ gesehen werden. Die französische Billigkette ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, in Berlin und Brandenburg ist das Unternehmen inzwischen acht Mal vertreten. Hier steht jedoch nicht der Service-Charakter im Vordergrund, sondern der Preis. Fast wie im Großhandel liegt hier eine Auswahl aller erdenklicher Sportartikel in den Regalen, der Anteil von Eigenmarken ist sehr hoch.

Die Decathlon-Filiale am Alex hat 2015 eröffnet.
Die Decathlon-Filiale am Alex hat 2015 eröffnet.Foto: Mike Wolff

Dank Übernahmen und zahlreichen neuen Filialen hat sich der Sport-Discounter 2019 – der in 51 Ländern mehr als 87.000 Mitarbeiter hat – sogar erstmals zum Weltmarktführer aufgeschwungen. Allein in Deutschland kamen im vergangenen Jahr 19 neue Filialen hinzu. 2020 sollen in Deutschland zehn weitere Läden und ein neues Logistikzentrum hinzukommen.

Und auch wenn die großen Ketten sich eine bessere Zukunft ausrechnen als die Fachhändler, so wollen die das Internet doch nicht den reinen Onlinehändlern überlassen. Sowohl Intersport als auch Sport 2000 bauen deshalb ihre Onlineaktivitäten aus, beide Gruppen wollen ihren Kunden Dienstleistungs-Plattformen bieten.

Dass in der Branche durchaus noch Wachstumspotential gegeben ist, zeigt ein Blick in die Jahreszahlen des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Demnach war der Fahrradhandel mit einem realen Plus von zwölf Prozent die wachstumsstärkste Branche überhaupt im deutschen Einzelhandel. Sport- und Campingartikel liegen den Zahlen zufolge mit einem Plus von sieben Prozent auf dem dritten Platz.

Allerdings ist auch hier der Trend zum Onlinekauf deutlich. Im Bereich Freizeit und Hobby macht der Onlineanteil laut HDE weit mehr als ein Viertel des Umsatzes aus. Besonders das Geschäft mit Fahrrädern wachse im Internet rasant. Verglichen mit 2014 wurde im Sport-Segment schon 2018 fast 25 Prozent häufiger online eingekauft. Von solchen Zahlen lässt man sich bei „Lunge“ nicht beeindrucken. Denn ihre Beratung, da sind sich Weinrich und seine Kollegen sicher, ersetzt das Internet nicht so bald.

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