Staatsanleihen : Die Welt der Schulden

Staaten können sich derzeit besonders günstig Geld leihen. Doch während Finanzminister profitieren, leiden Anleger.

Schon vor drei Jahren ist die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen in den negativen Bereich gekippt.
Schon vor drei Jahren ist die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen in den negativen Bereich gekippt.Foto: dpa

Selten in der Geschichte war es für Staaten leichter, sich zu verschulden. Benötigt ein Land einen Kredit, gibt es Staatsanleihen aus. Die Rendite dieser Papiere ist jedoch in vielen Fällen inzwischen negativ. Für den Staat ist das gut – für Anleger misslich. Denn eine negative Rendite heißt: Sie leihen dem Staat mehr Geld, als sie später wieder zurückbekommen.

Die Lage in Europa

In Europa sind bereits etwa 75 Prozent aller Staatsschulden negativ verzinst. In Deutschland sind es sogar 90 Prozent. Rechnet man auch noch negativ verzinste Unternehmensanleihen mit, stecken laut der Nachrichtenagentur Bloomberg Gelder im Volumen von 13 Billionen Dollar in Anlagen fest, die keine Renditen abwerfen, sondern etwas kosten. Anleger, die dem Staat hierzulande 1000 Euro leihen, müssen bei drei Jahren Leihfrist 7,40 Euro für jedes Jahr draufzahlen. Selbst wer dem Staat einen Kredit über zehn Jahre gibt, zahlt 2,90 Euro pro Jahr.

Wer mehr Rendite möchte, muss sich also außerhalb der Eurozone umsehen. Zum Beispiel in Großbritannien, Polen oder Tschechien. Damit nehmen Anleger allerdings auch ein Währungrisiko in Kauf, das mit etwas Glück allerdings auch zu einer Währungschance werden kann. Wer beispielsweise Anleihen in Dollar, Zloty, Kronen oder Pfund kauft, könnte davon profitieren, dass der Kurs der Währungen während der Laufzeit der Anleihe über dem des Euros liegt. Schwächen sich die Kurse dagegen zwischen Kauf und Verkauf ab, müsste dies von der Rendite abgezogen werden.

Gründe für die Entwicklung

Schon vor drei Jahren ist die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen in den negativen Bereich gekippt, hatte sich jedoch in Erwartung steigender Zinsen bis Anfang 2018 wieder auf fast 0,7 Prozent Plus erholt. Seit eineinhalb Jahren sind die Renditen wieder im Abwärtstaumel. Anfang Juli rutschten sie sogar kurz unter minus 0,4 Prozent, wo der Einlagensatz für Banken bei der EZB liegt.

Die sinkenden Sätze zeigen klar, dass eine rege Nachfrage besteht. Gekauft wird diese Art von Anleihen aus mehreren Gründen. Zum einen sind einige große Käufer, etwa Versicherungen oder Pensionskassen, gesetzlich verpflichtet, einen Teil der Kundengelder in Anleihen guter Bonität zu stecken. Zum anderen haben Investoren gekauft, die zwar über den Zins eine Minusrendite einfahren, umgekehrt jedoch darauf setzen, dass die Kurse steigen. Denn fallen die Renditen neuer Papiere, werden ältere Anleihen am Markt stärker nachgefragt: Im Verhältnis werfen sie noch relativ viel ab. Anleger sind also bereit, mehr für sie zu zahlen. Deshalb steigen die Kurse der Anleihen immer dann, wenn die Rendite fällt. Kaufen Anleger nun zu, heißt das also: Sie spekulieren darauf, dass die Rendite weiter nachgibt und sie ihre Papiere in ein paar Monaten oder Jahren mit einem Aufschlag verkaufen können.

Grafik: Tsp

Derzeit tun das einige Anleger. Ein Grund dafür ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Experten mutmaßen, dass sie zum Beispiel die Negativzinsen für Banken von minus 0,4 weiter in den negativen Bereich senken. Die Prognosen der Analysten reichen von minus 0,5 bis minus 0,75 Prozent. Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank, sieht sogar unter gewissen Voraussetzungen erst bei minus 1,2 Prozent eine rote Linie.

Die USA

In den USA ist die Lage eine andere. Keine einzige Anleihe rentiert dort aktuell negativ. Die zehnjährige wirft 2,09 Prozent ab – und demonstriert das Durcheinander an den Anleihemärkten gut. Denn zum einen gibt es sogar für kurzfristige dreimonatige Anleihen 2,16 Prozent, für zweijährige dagegen nur 1,8 Prozent. Baldige Zinssenkungen sind also eingepreist. Zum anderen verfügen die USA je nach Ratingagentur über eine sehr gute bis hin zur besten Bonität.

Griechenland und Italien

Griechenland hingegen wird als „Ramsch“ betrachtet. Dennoch muss Athen für zehnjährige Papiere nur 2,25 Prozent bezahlen, kaum mehr als die USA. Zum Jahresbeginn waren es noch knapp vier Prozent, vor drei Jahren sogar acht Prozent. Auch Italien profitiert vom Trend ins Negative. Die Renditen für Zehnjahresgeld lagen im Herbst 2018 noch bei 3,8 Prozent. Jetzt erhalten Anleger nur noch 1,42 Prozent. Für kurzfristiges Geld – Anleihen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit – erhält Rom sogar 0,018 Prozent Minuszinsen.

Die US-Bank Morgan Stanley erklärte kürzlich auch vor allem italienische Staatsanleihen zu Favoriten. Man erwarte von der künftigen EZB-Chefin Christine Lagarde weitere Zinssenkungen und eine Rückkehr zu Anleihenkäufen durch die Notenbank. Italienische Anleihen könnten davon am stärksten profitieren. Auch japanische Großinvestoren, die auf der Suche nach rentablen Zielen sind, kündigten an, ihre Anteile an Italienern aufzustocken.

Um sich die niedrigen Zinsen langfristig zu sichern, hat Rom deshalb gerade eine 50-jährige Anleihe aufgestockt – zum Zins von 2,8 Prozent. Anleger steckten trotz dieser geringen Rendite mehr als 16 Milliarden Euro in diese Anleihen. Auch Griechenland plant nach dem Regierungswechsel erneut eine Anleihe, die dritte seit dem Ende des Hilfsprogramms im vergangenen Sommer. Das Papier soll sieben Jahre laufen und könnte mit knapp 1,6 Prozent verzinst sein.

Ausländische Anleihen in Euro

Auch andere Länder wissen um den Anlagenotstand in der Eurozone – und geben deshalb Anleihen in Euro heraus. So haben die Saudis, die mit A-Rating versehen sind, gerade erstmals Euro-Anleihen mit Laufzeiten von 20 und acht Jahren auf den Markt gebracht. Die Zinsen sind nicht üppig: zwei und 0,75 Prozent. Für den Normalanleger ist die Anleihe allerdings ohnehin nicht geeignet, denn die Mindestanlagesumme liegt bei 100000 Euro. Ägypten, das nur eine B-Rating hat, musste für eine Euro-Anleihe von zwölf Jahren 6,375 Prozent hinblättern.

Schwellenländer

Ohnehin weichen einige Investoren inzwischen auf Schwellenländer aus. Im Schnitt warten dort sechs bis acht Prozent Rendite – ein Indiz für das damit verbundene Risiko. Allerdings hat eine Studie eines deutsch-amerikanischen Forscherteams beim Institut für Weltwirtschaft Kiel im Januar die Risiken relativiert. Die Forscher untersuchten das Risiko von Hartwährungs-Anleihen in 91 Industrie- und Schwellenländern in den vergangenen 200 Jahren. „Unsere empirische Studie zeigt, dass es im Schnitt ein gutes Geschäft ist, Krisenländern Geld zu leihen, weil die zu erwartende Rendite mit dem Ausfallrisiko von Staatspapieren steigt“, sagte Christoph Trebesch, Leiter des Forschungsbereiches Internationale Finanzmärkte am IfW Kiel. „Zahlungsausfälle und Umschuldungen sind bei Staatsanleihen zwar Teil des Risikos, Anleger werden dafür aber kompensiert.“ Insgesamt lag die Rendite trotz einiger Zahlungsausfälle und Länderpleiten bei etwa sieben Prozent pro Jahr.

Für Bonds in (lokalen) Weichwährungen liegen keine Daten vor. Als weich bezeichnet man eine Währung immer dann, wenn sie besonders stark schwankt. Trotzdem glauben einige Fondsmanager, dass gerade Staatsanleihen in heimischen Währungen, etwa aus Brasilien, Südafrika, Peru, Russland oder diversen anderen Ländern, Potenzial haben könnten. Einerseits hätten nicht wenige Währungen zuletzt erheblich an Wert eingebüßt, so dass das Abwertungsrisiko geringer sei. Zum anderen sind Schwellenländer meist deutlich geringer verschuldet.

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