Statistiken zu Arm und Reich : Wissen wir überhaupt, wie ungleich unserer Gesellschaft ist?

Das Buch „The Uncounted“ fragt, ob wir das Ausmaß von Armut und Reichtum überhaupt kennen. Denn es gibt Tricks, um eigenen Besitz zu verschleiern. Eine Kritik.

Nico Beckert
Wissenschaftler sind sich uneins, ob das Ausmaß der Ungleichheit in Deutschland hinreichend erforscht ist.
Wissenschaftler sind sich uneins, ob das Ausmaß der Ungleichheit in Deutschland hinreichend erforscht ist.Foto: DPA

Statistiken und Daten bestimmen unsere Gesellschaft: Ob der Mindestlohn erhöht, die Vermögenssteuer eingeführt oder Unternehmenssteuern gesenkt werden, hängt maßgeblich von Statistiken ab und wie wir sie diskutieren. Der Ökonom und Geschäftsführer des Tax Justice Networks Alex Cobham zeigt in seinem Buch „The Uncounted“ wie irreführend und lückenhaft Statistiken häufig sind.

Am oberen Ende der Einkommensskala können Vermögende ihren Reichtum verstecken. Am unteren Ende wird die Armut und Ausgrenzung von Millionen Menschen statistisch nicht erfasst. Die einen sind freiwillig „Ungezählte“. Die anderen bleiben wegen mangelhafter Statistiken oder fehlender politischer Repräsentation ungezählt.

Multimillionäre und Milliardäre entziehen sich auf vielfältige Weise der statistischen Erfassung, so Cobham. Ihr Vermögen bleibt statistisch häufig „ungezählt“, weil Studien und Bevölkerungsbefragungen nur auf Stichproben beruhen. Die Superreichen sind in diesen Stichproben nur unzureichend oder gar nicht enthalten. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weist darauf hin, dass das Ausmaß der Vermögensungleichheit aufgrund dieses statistischen Mangels „tendenziell unterschätzt“ wird und „es in den vergangenen zehn Jahren vermutlich zu einem Anstieg der Vermögensungleichheit gekommen sei“.

Steuervermeidung verschleiert Vermögen

Die wohl bekannteste Methode wie Vermögende „ungezählt“ bleiben, ist die Steuervermeidung. Reiche Privatpersonen und (multinationale) Konzerne verschieben Gewinne in Steueroasen, um sich vor dem Fiskus künstlich ärmer zu rechnen. Sie nutzen anonyme Bankkonten, Briefkastenfirmen und laxe gesetzliche Transparenzvorschriften in ihren Heimatländern. Laut Cobham werden circa 40 Prozent aller Gewinne multinationaler Konzerne in Steueroasen verschoben.

Der Schaden ist immens: Allein durch die Steuervermeidung von Unternehmen verlieren die Staaten schätzungsweise 100 bis 600 Milliarden US-Dollar jährlich – Entwicklungs- und Schwellenländer seien proportional zu ihrem Steueraufkommen stärker betroffen, so Cobham. Er kritisiert, dass Menschen mit mittlerem und niedrigem Einkommen auch deshalb stärker für die Finanzierung des Gemeinwohls aufkommen müssen.

Neue Erkenntnisse fördert das Buch zutage, wenn sich Cobham den „Ungezählten am unteren Rand der Gesellschaft“ widmet. Der Versuch der Manipulation der US-Volkszählung ist eines der relevantesten Beispiele dafür, so Cobham. In den USA ist die Volkszählung Grundlage für die Anzahl der Kongresssitze und der Wahlmänner zur Wahl des US-Präsidenten. Ist die Volkszählung ungenau, können die Staaten Kongresssitze und somit Wahlmänner verlieren.

Mit dem Vorhaben, bei einer Volkszählung auch die Nationalität anzugeben, schaffte US-Präsident Donald Trump ein Klima der Angst.
Mit dem Vorhaben, bei einer Volkszählung auch die Nationalität anzugeben, schaffte US-Präsident Donald Trump ein Klima der Angst.Foto: dpa

Die Trump-Administration plante die Volkszählung um eine Frage nach der Nationalität der Befragten zu ergänzen. Eine solche Frage hätte die Ergebnisse der Volkszählung beeinträchtigt. Migranten hätten die Befragung aus Angst, ihre Daten würden weitergegeben, abgebrochen und wären ungezählt geblieben. Cobham schreibt jedoch, dass die Diskussion über die sogenannte „Citizen Question“ ein Klima der Angst geschaffen habe. Minderheiten seien abgeschreckt. Sie werden Angaben verweigern, sodass die Staaten mit hohem Migrantenanteil wahrscheinlich Sitze im US-Kongress und bei den Wahlmännern verlieren werden. Dies zeige, wie Statistiken durch politische Interessen manipuliert werden könnten.

Das BIP "marginalisiert Frauen"

Die größte Zahl „Ungezählter“ lebt laut Cobham jedoch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Das liege vor allem an der Maßeinheit für wirtschaftliche Entwicklung: dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP marginalisiere Frauen, so Cobhams Vorwurf. Denn es umfasst nicht die Subsistenzlandwirtschaft, in der viele Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv sind.

„Die Unsichtbarmachung des Beitrags der Frauen zur Gesellschaft durch das BIP ist vielleicht das gravierendste Einzelbeispiel für das Phänomen der ,Ungezählten’“, so Cobham. Das betrifft auch Deutschland: Hier übernehmen noch immer viele Frauen die private Pflege Alter und Kranker oder die Kindererziehung. Diese Haus- und Familienarbeit bleibt ungezählt, wodurch Lohn- und Rentenungleichheiten entstehen.

Neuer Maßstab für wirtschaftliche Entwicklung nötig

Auch die Leistungen von Indigenen werden meist nicht vom BIP erfasst. Dabei seien es gerade diese Gemeinschaften, die am stärksten zum Naturschutz beitrügen. Die Blindheit des BIPs für Natur- und Klimaschutz verstärke „die Tendenz zu einer Politik, die im Namen des wirtschaftlichen Fortschritts ,ungezählte’ Lebensräume und Lebensweisen zerstört“, so Cobham.

Auf erschreckende Weise ist das derzeit in Brasilien zu erleben. Dort treibt Präsident Jair Bolsonaro die Zerstörung des Regenwalds aktiv voran, weil die Landwirtschaft und der Bergbau das BIP und somit den vermeintlichen Wohlstand des Landes erhöhen würden. Cobham sieht die Überwindung des BIP als der zentralen Maßeinheit wirtschaftlicher Entwicklung als „überaus wichtig“ an, um die Anzahl der „Ungezählten“ und Marginalisierten zu verringern.

Mit „The Uncounted“ ist es Alex Cobham gelungen, seine Erfahrungen aus Tätigkeiten für internationale Organisationen und Forschungseinrichtungen einem breiten Publikum zu vermitteln. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt er auf, wie wichtig es ist, dass und wie Statistiken erhoben werden. Es hätte dem Buch jedoch gut getan, die markantesten Beispiele lückenhafter oder irreführender Statistiken tiefergehend aufzubereiten.

Die große Fülle der Beispiele wird häufig etwas oberflächlich abgehandelt. Phasenweise fehlt es dem Buch an einem roten Faden. Dennoch ist das Buch zu empfehlen, um die Sinne für das Problem der „Ungezählten“ zu schärfen. Denn es betrifft in Form geschönter Arbeitslosenzahlen, der Steuervermeidung oder der oben angeführten mangelhaften Statistiken zur Vermögensverteilung auch Deutschland.
Alex Cobham: „The Uncounted“, Polity Press, 200 Seiten, 18,33 Euro

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