Strategie "Starke Schiene" : Wie die Bahn den Ansprüchen der Kunden gerecht werden will

Kostenloses W-Lan, 100.000 Radstellplätze, Ausbau des DB Navigators. Ein Einblick in die Veränderungen, die die Bahn sich vorgenommen hat.

Große Versprechen. Die Bahn will mehr moderne Züge auf die Schiene bringen, Bahnhöfe modernisieren und neue Mitarbeiter einstellen.
Große Versprechen. Die Bahn will mehr moderne Züge auf die Schiene bringen, Bahnhöfe modernisieren und neue Mitarbeiter...Foto: imago/Marius Schwarz

Die Deutsche Bahn AG will bis 2030 die Zahl der Reisenden in Fernzügen verdoppeln. Der Aufsichtsrat des größten Staatskonzerns berät die neue Dachstrategie „Starke Schiene“ am Dienstag. Dem Tagesspiegel liegt das vertrauliche 180-Seiten-Dokument exklusiv vor, mit dem DB-Chef Richard Lutz die Bahn neu ausrichten will.

Hauptziel soll künftig mehr und besserer Schienenverkehr in Deutschland sein, um durch Verlagerung auf die umweltschonende Bahn auch den Klimaschutz voranzubringen. Dafür sind hohe Milliardensummen für den Ausbau der Infrastruktur, neue Züge und mehr Personal nötig, die dem Konzern fehlen. Deshalb soll die Bundesregierung mehr Mittel bereitstellen. Dafür verspricht die Bahn viele Verbesserungen. Ein Überblick.

Von einer besseren Bahn profitieren alle. Die „Starke Schiene“ soll bis 2030 die Kundenzahl in Fernzügen auf 260 Millionen verdoppeln und den Marktanteil der Frachtbahnen auf 25 Prozent steigern. Damit würden laut DB-Rechnung täglich fünf Millionen Pkw-Fahrten und 14.000 Flugreisen vermieden sowie 13 Millionen Lkw-Fahrten pro Jahr. Die neue Bahnstrategie reduziert den Treibhausgas-Ausstoß Deutschlands demnach um 10,5 Millionen Tonnen pro Jahr – was dem CO2-Fußabdruck von einer Million Menschen entspricht. Bis 2038 soll der gesamte Bahnstrom grün und umweltfreundlich sein.

Mehr Komfort im Zug und überall W-Lan

Die DB will nochmals 120 neue Hochgeschwindigkeitszüge für Tempo 300 bestellen und die Flotte auf 600 Fahrzeuge erhöhen. Allein dafür werde ein zweistelliger Milliardenbetrag investiert, betont die DB-Spitze. Bereits die 130 bestellten ICE 4 kosten mehr als sechs Milliarden Euro, aktuell umfasst die ICE-Flotte 289 Flitzer. 50 der bestellten Züge werden verlängert und haben 920 Sitzplätze. Bis 2021 soll es kostenloses W-Lan in allen Fernzügen geben, auch im Intercity. Digitale Angebote wie Zeitungen und Filme sollen überall im Zug nutzbar sein.

Großstädte im S-Bahn-Takt verknüpft

Im Metropolnetz soll sich bis Ende 2025 die Zahl der Städte auf 20 verdoppeln, zwischen denen Fernzüge im Halbstundentakt fahren. Bis 2030 werden laut Plan mit der Einführung des Deutschlandtakts dann 30 Städte im S-Bahn-Takt verbunden sein. Auf den meisten Verbindungen sollen die Fahrzeiten auch durch Sprinter so verkürzt werden, dass der Zug innerdeutsche Flüge ersetzen kann.

Schnellerer Anschluss auch in der Fläche

Fast alle Städte ab 100.000 Einwohner bekommen bessere Anbindung an den Fernverkehr mit Abfahrten mindestens alle zwei Stunden. Auch kleinere Städte werden profitieren, weitere sieben Millionen Menschen und dann 80 Prozent der Bundesbürger direkten Zugang zum ICE-, Intercity- und Eurocity-Netz bekommen. Die Zahl der Zughalte soll bundesweit um fast zwei Drittel gegenüber 2015 steigen. Im Nahverkehr sollen eine Milliarde Fahrgäste pro Jahr zusätzlich gewonnen werden, auch durch neue Mobilitätsangebote und bessere Vernetzung.

Bahnhöfe sollen in Zukunft mehr Aufenthaltsqualität bieten.
Bahnhöfe sollen in Zukunft mehr Aufenthaltsqualität bieten.Foto: picture alliance / Hendrik Schmi

Nützliche Apps für Reise und Buchung

Der beliebte DB Navigator, den bereits mehr als neun Millionen Kunden nutzen, soll mit 35 Prozent Zuwachs zur größten Reise-App Europas ausgebaut werden. Auch andere Angebote wie Mieträder oder Carsharing werden verknüpft. Im Fernverkehr sollen mehr als 80 Prozent der Tickets digital gebucht und der Check-in per Smartphone zur Regel werden. Der Navigator soll Bahnkunden künftig von daheim zum Bahnhof und an den Platz im Zug führen sowie durchgängige Reiseinfos in Echtzeit bieten.

Schönere Bahnhöfe und Co-Working

Seit der Bahnreform 1994 sind vor allem viele kleinere Stationen zeitweise oder dauerhaft zu Schandflecken verkommen. Nun entdeckt die DB AG ihre mehr als 5400 Mobilitäts-Drehscheiben neu und will deren „Basisqualität“ erhöhen. Für Reinigung, Instandhaltung und bessere Fahrgast-Infos gibt es mehr Geld. An zunächst 16 „Zukunfts-Bahnhöfen“ sollen Angebote und Aufenthaltsqualität unter anderem durch Co-Working-Spaces verbessert werden. Bis 2023 werden alle DB-Lounges modernisiert.

Die Bahn setzt auch auf die Mitarbeit ihrer Angestellten.
Die Bahn setzt auch auf die Mitarbeit ihrer Angestellten.Foto: picture alliance / Susann Prauts

100.000 neue Radparkplätze zur Vernetzung

Zur besseren Vernetzung der Schiene mit anderen Verkehrsträgern und schnellem Umstieg sollen rund 100.000 Radabstellplätze an Bahnhöfen entstehen. Aber auch mehr Haltestellen für Fernbusse, Bike- und Carsharing-Angebote, E-Ladestationen und mehr Par-and-Ride-Plätze. Die Kapazität der Bahnhöfe soll auf täglich 40 Millionen Gäste verdoppelt werden.

Weniger Engpässe bei der Infrastruktur

Viele Engpässe, marode Brücken, Stellwerke aus der Kaiserzeit – der Investitionsstau beim 33.000 km langen bundeseigenen Schienennetz ist gewaltig und hat sich nach DB-Angaben in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Für Kunden bedeutet das längere Fahrzeiten, unzuverlässige Verbindungen und weniger Angebote. Nun sollen die Kapazitäten um 30 Prozent auf 1,45 Milliarden Trassenkilometer durch Ausbau, Modernisierung und umfassende Digitalisierung erweitert werden. Nur dann ist eine bessere Bahn möglich. Noch sind die zugesagten Mittel des Bundes aber dafür viel zu gering.

Mehr und motivierte Mitarbeiter

Die Bahn will 100.000 Mitarbeiter in den nächsten Jahren einstellen, weil die Hälfte der hiesigen Belegschaft in Ruhestand geht. Nachdem die letzten Zukunftskonzepte der DB-Spitze an der Basis kaum ankamen, sollen nun die Beschäftigten mehr eingebunden werden und 15 der 30 Strategiebausteine selbst liefern.

Damit soll die Bahn robuster, schlagkräftiger und moderner werden. Das vielfach beklagte „Silodenken“ der mehr als 9500 Konzerneinheiten soll bekämpft, die Arbeit auch in der Berliner DB-Konzernzentrale konsequent auf Nähe zu Kunden und Mitarbeitern ausgerichtet werden.

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