Studie : Sich zu den Akten legen

Wer am Schreibtisch ein Nickerchen macht, erntet Spott. Doch ausgeschlafene Mitarbeiter bringen mehr Leistung, das erkennen erste Konzerne

Je unbequember desto besser, sagen Experten. Denn dann ist die Chance größer, dass man am Schreibtisch nicht in den Tiefschlaf fällt.
Je unbequember desto besser, sagen Experten. Denn dann ist die Chance größer, dass man am Schreibtisch nicht in den Tiefschlaf...Foto: dpa/Monique Wüstenhagen

Berlin - Witze übers Schlafen gibt’s genug. Wie beispielsweise diesen: „Lieber acht Stunden Büro als gar keinen Schlaf.“ Augen zu am Arbeitsplatz? Das kommt nicht gut an, selbst das kleinste Nickerchen am Schreibtisch ist tabu. Dabei sind Schlafmediziner der Auffassung: Wir sollten uns viel häufiger mal zu den Akten legen. Büroschlaf steigere die Leistung. Erste US-Konzerne haben es begriffen und fördern das Dösen am Arbeitsplatz. Doch hierzulande passiert wenig. Warum eigentlich?

Ingo Fietze leitet das schlafmedizinische Zentrum an der Berliner Charité. Er meint: „Dass Schlaf ein Leistungsreservoir ist, dass Schlaf besser ist als die zehnte Tasse Kaffee, das spricht sich nur sehr langsam rum.“ Nach dem Gang in die Kantine entscheiden sich die meisten Beschäftigten für den langen Kampf gegen das „Suppenkoma“ – und gegen ein kurzes Nickerchen.

Ärzte warnen: Auf Dauer kann keiner gegen seine innere Uhr leben. Schlafstörungen führten zu Hunderttausenden von Krankmeldungen, die deutsche Volkswirtschaft verliere dadurch pro Jahr 60 Milliarden Euro. Das hat die US-Denkfabrik Rand Corporation für 2016 ausgerechnet.

Professor Fietze ist sicher: Mittagsschläfchen bei der Arbeit könnten dies ändern. „Denn wenn der Mitarbeiter müde ist, gibt es eher Fehler und auch Unfälle am Arbeitsplatz.“ Ein „Power Nap“ – so die englische Bezeichnung für ein kurzes, effizientes Nickerchen – steigere die Leistungsfähigkeit um bis zu 40 Prozent, sagen andere Forscher, die die Rückkehr zum Mittagsschlaf fordern. Fietze betont: „Wer hart arbeitet, muss auch schlafen.“

Doch noch immer brüsteten sich Manager damit, dass sie mit wenigen Stunden Schlaf auskommen würden. „Snoozing is losing“ – wer schlummert, verliert.

Nur wenige Topmanager bekennen sich zum Gegenteil: Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa, der laut dem Forbes-Magazin der reichste Mann der Welt ist. Er rühmt seine allnächtlichen „acht Stunden Premium-Schlaf“. Und Tesla-Chef Elon Musk klagt derweil, dass er manchmal nur mit Schlaftabletten Ruhe finde.

In der Zentrale des Internetkonzerns Google stehen Liegesessel bereit, in denen Mitarbeiter unter einer Kugelhaube dösen können. Der Sportartikelhersteller Nike hält in Portland Schlafräume vor, ebenso der private Fahrdienstleister Uber in San Francisco. Die Unternehmerin Ariana Huffington wirbt für das Erfolgsrezept Schlaf – in den USA ist von einem Kulturwandel die Rede.

Und in Deutschland? Unternehmen zu finden, die den Schlaf der Mitarbeiter aktiv fördern, ist wie die Suche der Nadel im Heuhaufen. Einfache Ruheräume gibt es zwar meistens – denn schwangere und stillende Kolleginnen haben darauf einen Anspruch. Aber nur selten zählt Schlaf zum betrieblichen Gesundheitsmanagement, wie etwa im Entwicklungszentrum des Technologiekonzerns Bosch in Abstatt bei Heilbronn. Mit Kopfhörern können Mitarbeiter auf sogenannten Klangliegen dösen. Beim Chemiekonzern BASF gibt es mehrmals im Jahr „Powernapping“-Kurse am Arbeitsplatz. „Insbesondere Schichtmitarbeiter berichten über eine erfrischende Wirkung der Naps“, sagt eine Sprecherin.

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann möchte nach einer Umfrage der Techniker-Krankenkasse gerne einen Mittagschlaf halten, doch die Unternehmen sind skeptisch. „Das Thema ist nicht abschließend untersucht“, heißt des bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. „Es gibt keine belastbaren Erkenntnisse, dass ein Mittagsschlaf die Arbeitsfähigkeit oder das Wohlbefinden fördert.“

Es komme auf viele weitere Faktoren an, etwa wann man schläft und wie lange man schon wach sei. „Es kann sich auch ein Unfallrisiko ergeben, wenn man nach einem Mittagsschlaf nicht richtig wach wird“, warnen die Arbeitgeber. Sie betonten aber auch: Jeder Arbeitnehmer kann seine Ruhepause gestalten, wie er will. „Wenn er in der Zeit ein Nickerchen machen will, ist er darin frei.“

Sechs Stunden, 49 Minuten und 48 Sekunden schlafen Arbeitnehmer durchschnittlich, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ermittelten. Wie viel Schlaf jeder braucht, liegt in den Genen und ist unterschiedlich. Viele Forscher aber sehen die Deutschen als übermüdete Gesellschaft.

Doch wann werden Arbeitnehmer müde? Am ehesten in der Zeit zwischen 12 und 14 Uhr und zwischen 16 und 18 Uhr, sagt Charité-Arzt Ingo Fietze. Sein Rat: direkt am Schreibtisch wegdösen. „Je unbequemer, desto besser.“ Dann wache man nach einer Viertelstunde wieder auf und versinke nicht im Tiefschlaf.

Als die Stadt Vechta vor Jahren ihren Bediensteten ein Mittagsschläfchen genehmigte, lief der Beamtenbund Sturm gegen diese „politische Instinktlosigkeit“. Schlaf habe einen schlechten Ruf, meint Charité-Professor Fietze. „Wer schläft, ist ein Faulenzer.“ Das sei ein speziell deutsches Vorurteil. „In Asien schläft jeder überall und keiner regt sich darüber auf.“ dpa

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