Tag der Arbeit : Welche Jobs durch die Digitalisierung wertvoller werden

Die Digitalisierung könnte Büro- und Industriejobs der Mittelschicht zerstören. Andere Berufe dürften dafür endlich profitieren. Ein Gastkommentar.

Marcel Fratzscher
Eine Pflegekraft hilft einer gehbehinderten Frau.
Eine Pflegekraft hilft einer gehbehinderten Frau.Foto: FOTOLIA

Nach und nach macht sich die Erkenntnis breit, dass die Digitalisierung, die uns im täglichen Leben so viele nützliche Dienste erweist, auch viele Jobs zerstören wird. Dunkle Prophezeiungen und Angstszenarien machen die Runde, wonach es zukünftig nur noch erlesene Jobs für einige wenige Hochqualifizierte und Arbeitslosigkeit für die meisten – weil ja Maschinen und Computer alles erledigen – geben wird. In der Folge wird die Gesellschaft noch polarisierter sein als jetzt schon, so die Befürchtung. Erstaunlich wenig wird aber darüber nachgedacht und diskutiert, wie die Politik jetzt schon eingreifen und gestalten kann, damit es eben nicht dazu kommt. Dabei gibt es viele Ansätze.

Es stimmt, dass der technologische Fortschritt Jobs kosten wird. Und es wird kaum einen Beruf geben, der sich nicht grundlegend ändern wird. Aber das war in der Geschichte seit der industriellen Revolution immer der Fall: Eine technische Revolution hat die andere gejagt, dadurch sind Tätigkeiten weggefallen und die Menschen, die sie erledigten, hatten keine Arbeit mehr oder mussten sich andere suchen.

Das hat die Wirtschaft in den meisten Industrienationen nicht davon abgehalten, langfristig zu wachsen und die Arbeitslosigkeitsrate (meistens) in den Griff zu bekommen. Das Besondere an der Digitalisierung ist im Vergleich zu diesen vergangenen Fortschrittswellen eindeutig ihr Tempo. Menschen, Regionen und Wirtschaftszweige werden nicht wie bisher Jahrzehnte Zeit haben, um den Wandel zu gestalten, sondern häufig, wenn es hoch kommt, einige Jahre.

Das duale Ausbildungssystem, worauf Deutschland (in vielen Aspekten zu Recht) so stolz ist, könnte uns da in die Quere kommen. Denn durch dieses System spezialisieren sich die Menschen sehr früh auf eine Kompetenz und eine Tätigkeit. Was tun aber, wenn diese verschwindet, weil sie innerhalb einiger Jahre ein Computer übernimmt, der sie besser und zuverlässiger erledigt, nie krank ist und weniger kostet? Durch die hohe Bedeutung der Industrie sind in Deutschland in der Tat viele Jobs gefährdet.

Frühe Spezialisierung hat keine Zukunft

Gehört man zu denjenigen, deren Job wahrscheinlich verschwindet – gerade gut bezahlte Industrie- und Bürojobs der Mittelschicht in Deutschland sind gefährdet –, wird man gezwungen sein, schnell umzusatteln. Extrem wichtig werden in den nächsten Jahren also die Fähigkeit, dazuzulernen – Stichwort lebenslanges Lernen –, und Flexibilität. Bereits heute sollte sich unser Bildungssystem darauf einstellen. Konkret heißt das, dass von frühen Jahren an in Kindergärten und Schulen Wert auf die Eigenschaften gelegt werden muss, die Eigenverantwortung fördern; dass mehr Geld in die Weiterbildung fließen muss; dass man dem Silodenken im Bildungssystem und dem zu frühen Spezialisieren den Rücken kehren muss.

Wir brauchen neue Mechanismen und Modelle, die es erlauben, auch im Erwachsenenalter und auch wenn man womöglich die finanzielle Verantwortung für eine Familie trägt, sich Zeit zu nehmen für eine Umschulung oder eine Weiterbildung, gar für eine völlige Neuorientierung. Ein Ansatz wäre hier zum Beispiel ein Lebenschancenerbe. Hier würde jedem 18-jährigen Menschen ein Budget von beispielsweise 20.000 Euro zur Verfügung gestellt werden, den er oder sie zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft nutzen könnte, um sich entweder weiterzubilden, Risiken wie für Selbstständigkeit einzugehen oder Auszeiten für die Pflege von Angehörigen zu nehmen. Das erscheint mir weitaus zielführender, als die Verliererinnen und Verlierer der Digitalisierung mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ruhigstellen zu wollen.

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