Tarifkonflikt in der Metallindustrie : Streiks ja - aber bitte nicht übertreiben

Um Geld und Zeit darf heftig gestritten werden. Aber nicht unendlich. Wenn in einer Woche immer noch kein Kompromiss steht, wäre das bitter - für alle. Ein Kommentar.

Mit viel Tamtam durch den alten Elbtunnel: Hamburger Metallarbeiter demonstrierten im Umfeld der Verhandlungen.
Mit viel Tamtam durch den alten Elbtunnel: Hamburger Metallarbeiter demonstrierten im Umfeld der Verhandlungen.Foto: dpa

Manchmal geht es nicht ohne Tamtam – wie Tarifpolitiker gerne den von Streiks gesäumten Weg zu einem Kompromiss bezeichnen. IG Metall und Arbeitgeber haben in fünf Verhandlungsrunden, die jüngste dauerte knapp 16 Stunden, keine Lösung für die knapp 3,9 Millionen Beschäftigten der größten deutschen Industriebranche gefunden.

Das ist einerseits überraschend, weil man sich nahegekommen ist und weil keine Seite in der Hochkonjunktur einen Arbeitskampf will. Und andererseits auch ein Beleg für die Komplexität, die Verteilungskämpfe entwickeln, wenn es nicht nur um Geld, sondern auch um Zeit geht. Die IG Metall will sechs Prozent höhere Einkommen, aber auch einen Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung mit Rückkehrrecht auf Teilzeit und zusätzliche Hilfen für Arbeitnehmer mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Arbeitszeitverkürzung in diesen Zeiten, wo jeder zweite Betrieb Fachkräfte sucht und auch deshalb der Trend Richtung längerer Arbeit geht?

Für die Arbeitgeber ist das nur akzeptabel, wenn es neben den Beschäftigten, die weniger arbeiten, noch andere Beschäftigte gibt, die mehr arbeiten. Mithilfe eines Arbeitszeitkorridors ist das möglich – aber auch schwierig für die IG Metall, die von der über viele Jahre erkämpften 35-Stunden-Woche als Richtgröße nicht lassen will. Hier tut sich die Gewerkschaft schwer, über den historischen Schatten zu springen.

Die Arbeitgeber wiederum haben Mühe zu akzeptieren, dass Flexibilität auf beiden Seiten gefragt ist. Die Betriebe können mithilfe von Arbeitszeitkonten mehr oder weniger nach Auftragslage ihre Belegschaften einsetzen. Doch auch die Beschäftigten fordern zunehmend flexible Arbeitszeiten – nach Lebensphasen, in bestimmten privaten Belastungssituationen. Es ist richtig, wenn die IG Metall diese Bedürfnisse auch in Tarifverträgen abzubilden versucht, um dadurch überhaupt verbindliche Umsetzungsoptionen zu schaffen. Kurzum: Es darf um Geld und Zeit heftig gestritten werden. Aber nicht unendlich. Wenn in einer Woche immer noch kein Kompromiss steht, wäre das bitter für die Beteiligten und die gesamte Wirtschaft.

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