Zweieinhalb Millionen Euro hat der Friedhof gekostet

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Tierfriedhöfe in Deutschland : Zu Besuch im Tierhimmel
Mitarbeiter haben den Pyrenäen-Schäferhund Toulouse zurechtgemacht. Seine Familie hat entschieden, ihn einäschern zu lassen.
Mitarbeiter haben den Pyrenäen-Schäferhund Toulouse zurechtgemacht. Seine Familie hat entschieden, ihn einäschern zu lassen.Foto: Kitty Kleist Heinrich

Herr und Frau Krug sind beide Akademiker, Anfang fünfzig. Als sie das Friedhofsgebäude an diesem Montag betreten, hat er gerötete Augen, ihre Hand sucht seine. Es ist nicht kalt im Raum. Trotzdem lassen die beiden Schal und Mantel an.

Zweieinhalb Millionen Euro haben Ralf Hendrichs und seine Unterstützer in das Tierbestattungszentrum investiert. 15 bis 20 Jahre, rechnet der 62-Jährige, braucht es, ehe das wieder drin ist. Hendrichs ist froh, dass er in Dirk Daßler einen jüngeren Geschäftspartner gefunden hat, der den Friedhof einmal weiterführen wird. Sonst hätte sich die Anschaffung des Ofens nicht gelohnt: Der Tierhimmel ist Deutschlands erster Tierfriedhof mit angeschlossenem Krematorium. Das Stahlgehäuse haben Hendrichs himmelblau lackiert und weiße Wolken daraufgesprüht.

Es gibt Urnen in Mopsform, mit echten Swarovski-Kristallen und Fotodruck. Für 129 Euro bekommen Kunden ein Amulett, in das Tierhaar oder Asche gefüllt wird. Für 1700 Euro wird es zum Diamanten gepresst. Nicht jedem gefällt das. Andere sind „in einem derart emotionalen Ausnahmezustand, die wollen gleich das ganze Paket“, sagt Hendrichs.

Einer wollte sich das Leben nehmen

Es gibt Besucher, die kommen täglich: Mit Gerbera, Grablichtern – und den immer gleichen Geschichten. Im Tierhimmel ist jeder Angestellte Sozialarbeiter. Einmal fuhren zwei nach Marzahn, um einen toten Hund zu holen. Eine gepflegte Zweizimmerwohnung, sechster Stock. Der Besitzer bestand darauf, sofort zu bezahlen. Und lief, als alles geregelt war, zum Fenster, um hinauszuspringen.

In einer Gesellschaft, in der es immer mehr Singles gibt, immer weniger stabile familiäre Bindungen, gewinnt das Tier als Lebenspartner an Bedeutung.

„Ich sehe junge Männer, die hemmungslos um ihre Katze weinen“, sagt Hendrichs. Und hat eine neue Geschäftsidee entwickelt. Auf einem Feld etwas abseits will er Menschen und Tiere gemeinsam bestatten. Der Antrag läuft.

Die Krugs haben sich entschieden, Toulouse einäschern zu lassen. Doch vorher wollen sie in Ruhe Abschied nehmen. Frau Krug hat Fotos mitgebracht. Eine Aufnahme von Toulouse mit vom Wind zerzaustem Haar am Nordseestrand. Eine andere zeigt ihn mit kurzem, dichten Fell. „Da hatten wir ihn geschoren, weil es so heiß war.“ Damals hielten alle ihn für einen Riesen-Welpen. Sie muss lachen.

Jetzt ist das Haar sorgfältig von Mitarbeitern zurechtgekämmt. Um elf Uhr 51 streicheln Herr und Frau Krug es zum letzten Mal.

Hendrichs hat einen Film drehen lassen

Dann folgen sie zwei schwarz gekleideten Korbträgern in den Einfuhrraum. Sie decken den Hundekörper zu und heben das Bündel auf die Bahre. Kurz darauf öffnet sich der Ofen, man hört lautes Getöse, ein Strom warmer Luft schlägt den Krugs entgegen. Ein kräftiger Stoß, und die Bahre ist leer.

Auf der Wand erscheint in dem Moment ein Regenbogen. Stück für Stück wächst die Brücke hin zu einer satten Blumenwiese, auf der Hunde, Katzen, Hasen gesund und friedvoll miteinander existieren. Ralf Hendrichs hat dieses Filmchen in Babelsberg produzieren lassen. Die Darstellung entspreche zwar nicht unbedingt ihrem Geschmack, sagt Frau Krug. „Aber sie hat etwas Tröstliches.“

Hinter der Wand verbrennt Toulouse bei 800 Grad. Zwei Stunden wird es dauern, bis von dem 18 Kilo schweren Tier nur noch Ascheflocken und Knochensplitter übrig sind. 808 Gramm, und die Erinnerungen an ein erfülltes Hundeleben.

Die Krugs werden kein Ascheamulett kaufen, nicht mal einen Pfötchenabdruck mitnehmen. Nur die schlichte Urne aus sandfarbenem Ton. Sie wollen Toulouse' Asche an einem Ort verstreuen, an dem er gerne spazieren ging.

So schön die Anlage sei: Zu diesem Friedhof und Teltow, sagen sie, hatte er ja gar keinen Bezug.

Toulouse wurde 15 Jahre alt.

*Familienname geändert

Der Tierfriedhof in Teltow
Das Tierbestattungszentrum "Tierhimmel" in Teltow ist der größte Tierfriedhof in Brandenburg und Berlin, der auch über ein Krematorium verfügt.Weitere Bilder anzeigen
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18.11.2014 13:36Das Tierbestattungszentrum "Tierhimmel" in Teltow ist der größte Tierfriedhof in Brandenburg und Berlin, der auch über ein...
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