Tourismus in der Türkei : Indische Hochzeiten und Ökotouristen sollen die Wende bringen

In der Provinz Antalya, der mit Abstand wichtigsten Region für den türkischen Tourismus, hält man die Krise der vergangenen zwei Jahre für beendet. Doch man habe Lehren daraus gezogen.

Nicht viel los am Strand von Antalya.
Nicht viel los am Strand von Antalya.Foto: Marius Becker/dpa

Alaattin Özyürek schwärmt noch heute von dieser Party der Superlative. Im April vergangenen Jahres habe ein Paar aus Indien in einem Hotel der Provinz Antalya an der türkischen Mittelmeerküste Hochzeit gefeiert: drei Tage lang, mit 400 Gästen. Die Rechnung für die Inder betrug am Ende insgesamt rund zehn Millionen Dollar (damals 9,3 Millionen Euro). Das war inoffizieller Rekord. „Ich fliege dieses Jahr nach Indien, um dort für unsere Region als Ziel für Hochzeitsgesellschaften zu werben. Das ist ein sehr interessanter Markt“, sagte der Chef von Antalyas halbstaatlicher Standortförderagentur BAKA diese Woche bei einer Präsentation für deutsche Journalisten im Badeort Belek.

Die südtürkische Provinz beherbergte in den vergangenen Jahren zwischen 25 und 33 Prozent aller internationalen Türkei-Touristen. Im gerade erst abgelaufenen Jahr 2017 waren es immerhin wieder 10,1 Millionen, davon 1,7 Millionen Deutsche. Das sei ein erster Erfolg für die Gastgeber nach dem schlimmen Jahr 2016, wo nur rund 6,4 Millionen Gäste den Weg nach Antalya fanden - und das waren vor allem inländische Touristen und erste Russen, die nach einer politischen Krise nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im türkisch-syrischen Grenzgebiet ausgeblieben waren. Moskau hatte den russischen Reiseveranstaltern zwischenzeitlich untersagt, in die Türkei zu fliegen. 

Hoteliers mussten beide Gruppen mit kräftigen Rabatten locken. Vor allem Gäste aus der EU blieben weg im Jahr 2016, dem Jahr des Putschversuches mit mehr als 300 Todesopfern und den darauffolgenden politischen Säuberungsaktionen gegen die Anhänger des Predigers Gülen, den die Regierung dafür verantwortlich macht. Die politische Krise mit Deutschland ist trotz jüngster Tauwetter-Signale aus Ankara noch längst nicht ausgestanden. Daran dürfte sich wenig ändern, so lange noch mehrere deutsche Staatsbürger, meist ohne Anklage, in Haft sitzen. Speziell im Tourismusgeschäft aber herrscht schon fast wieder grenzenloser Sonnenschein. „Die Krise ist vorbei!“, erklärte Standortmanager Özyürek. 

„Hitler-Vergleiche darf es nicht mehr geben“

Westliche Touristikunternehmen bestätigen seine Einschätzung im Kern. Die Buchungszahlen für 2018 seien derart vielversprechend, dass man in diesem Jahr die Rabattperiode für Frühbucher früher beenden könne als in vergangenen Jahren, sagt Deniz Ugur, Chef und Eigentümer des Veranstalters Bentour aus Zürich. Allerdings macht er keinen Hehl daraus, dass er sich vor allem ums Geschäft mit deutschen Touristen sorgt. Erdogan müsse seine Rhetorik ändern. „Hitler-Vergleiche darf es nicht mehr geben“, so Ugur.

Auch Antalya-Standortmanager Özyürek möchte, dass die Deutschen massenhaft wiederkommen. Die ersten Touristen, die diesen schönen Landstrich in den 1920er Jahren für sich entdeckt haben, waren schließlich Deutsche. Aber eine der Lehren aus der Krise für die Türkei sei Diversifizierung der Touristenquellen. Also sollen auch Inder kommen. Und Chinesen. Schließlich kann es immer bilaterale Krisen geben. Da sei es schlecht, wenn Hotels auf eine einzelne nationale Kundengruppe angewiesen sind. Zugleich weisen Tourismusmanager darauf hin, dass es für Gastgeber vor allem im unteren und mittleren Preissegment nicht leicht ist, sich auf mehrere Kundengruppen einzustellen. Nicht jeder deutsche erfreut sich an der abendlichen Russendisko. Geschmäcker beim Unterhaltungsprogramm sind verschieden. So müssen zwei Shows her. Das geht ins Geld.

„Warum sollten Sie die Deutschen abhalten, her zu kommen?"

Verstärkt will sich die Region auch um Kulturtouristen und Individualreisende bemühen. Denen könne man nämlich auch im tiefsten Winter etwas bieten. Im Januar ist es zwar frühlingshaft mildes, derzeit herrschen hier um die 15 Grad, das Meer ist aber zu kalt, um zu baden. Unter Golfern hat sich Antalya bereits einen Ruf als Ganzjahresziel erarbeitet. 18 der 22 türkischen Golfplätze liegen in der Region; mehr als jeder dritte der 150.000 Golf-Urlauber kam zuletzt aus Deutschland. Und auch viele Fußballclubs kommen hierher zum Wintertraining.

Der Außenminister der Türkei, Mevlüt Cavusoglu, stammt selbst aus der Region Antalya. Er zeigte sich in einem Gespräch mit Journalisten sehr selbstbewusst - auch was die Tourismusfrage angeht. Schließlich kämen jetzt ja auch Russen und die Inder. An die Reporter selbst gerichtet sagte er: „Warum sollten Sie die Deutschen davon abhalten, hierher  zu kommen? Lassen Sie die Leute selbst entscheiden!“

Die Recherche wurde unterstützt von der staatlichen türkischen Investmentagentur ISPAT. Einfluss auf die Inhalte nahm sie nicht. Die Redaktion hat das Angebot angenommen, um vor Ort mehr Eindrücke aus erster Hand zu gewinnen. Der Tagesspiegel beteiligt sich an den Reisekosten. Derweil sitzt der Journalist Deniz Yücel seit nunmehr 332 Tagen ohne Anklage in Haft.

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