Trotz Rekordgewinns : Siemens baut 6900 Stellen ab - auch in Berlin

870 Arbeitsplätze sollen im Berliner Gasturbinen- und Dynamowerk gestrichen werden. Die IG Metall spricht von Vertrauensbruch und kündigt Gegenwehr an.

Im Dynamowerk Berlin soll die Fertigung abgeschafft werden.
Im Dynamowerk Berlin soll die Fertigung abgeschafft werden.Foto: imago/photothek

Der Industriekonzern Siemens steuert auf eine heftige Auseinandersetzung zwischen der Konzernführung um Vorstandschef Joe Kaeser und der mächtigen Arbeitnehmervertretung zu. Trotz eines Rekordgewinns von 6,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr will Siemens-Chef Joe Kaeser weltweit rund 6900 Stellen abbauen, davon die Hälfte in Deutschland. Auch Berlin ist betroffen. Nach einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses, in dem Konzern- und Arbeitnehmervertreter über strukturelle Veränderungen diskutieren, kündigte Siemens am Donnerstag Nachmittag an, dass an der Spree 870 Arbeitsplätze wegfallen sollen, 300 im Gasturbinenwerk und 570 im Dynamowerk. Dort sollen nur noch die Planung, Engineering und der Vertrieb bleiben, die Fertigung soll entfallen. "Eine Schließung des Standorts Berlin ist jedoch nicht vorgesehen", teilte Siemens mit. Die IG Metall sieht das anders. Der Berliner IG-Metall-Chef Klaus Abel kündigte heftigen Widerstand der Arbeitnehmerseite an und sprach von einem "Vertrauensbruch" Kaesers. Immerhin hatte Kaeser Vorgänger Peter Löscher vor sieben Jahren eine weitreichende Standort- und Beschäftigungsgarantie abgegeben. In Berlin arbeiten derzeit noch 11.500 Menschen für den Konzern, in Deutschland sind es 115.000.

Vor allem die Kraftwerksparte ist betroffen

Siemens begründet den Stellenabbau mit dem Strukturwandel im Bereich der fossilen Stromerzeugung und im Rohstoffsektor. Betroffen sind die Bereiche Power and Gas, Power Generation Services und Process Industries and Drives - also die Kraftwerksparte und Prozesssteuerung. Ganz schließen will Siemens die Turbinenwerke in Görlitz (720 Arbeitsplätze) und Leipzig (200 Arbeitsplätze). Die Produktionsstätte in Erfurt soll eventuell verkauft werden. Sachsen Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) nannte die angekündigte Schließung der Werke Görlitz und Leipzig "unverantwortlich". "Ich habe überhaupt kein Verständnis für diese Entscheidungen, die jegliche regionale Verantwortung eines großen deutschen Konzerns vermissen lassen", erklärte Tillich am Donnerstag. Auch Sachsen Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) zeigte sich "wütend und empört" über die Entscheidung. Es könne nicht sein, dass trotz enormer Rekordgewinne des Unternehmens die Verantwortung "für die gesamte Industrieregion aufs Spiel gesetzt wird".


Hiobsbotschaft für Berlin

Nach der Insolvenz von Air Berlin ist der Stellenabbau bei Siemens die zweite Hiobsbotschaft für die Berliner Wirtschaft innerhalb weniger Monate. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte am Donnerstag im Parlament, er habe im Einvernehmen mit den ostdeutschen Ministerpräsidenten an die Bundeskanzlerin und an Siemens-Vorstand Joe Kaeser geschrieben und darum gebeten, eine Perspektive für ostdeutsche Standorte zu schaffen. „Wir fordern dringend das Gespräch. Bei Einschnitten im Personalbereich müssen wir gemeinsam damit umgehen.“ Dies sei ein „erheblicher Einschnitt“ in die Industrielandschaft Ostdeutschlands. Er sehe deutsche Unternehmen auch in der Pflicht, Arbeitsplätze zu erhalten. „Es gibt nach wie vor strukturelle Nachteile im Osten“, sagte Müller. Die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) erwartet von Siemens, „gemeinsam mit den Beschäftigten nach Lösungen zu suchen“. Der Industriestandort Berlin werde maßgeblich durch Siemens geprägt. „Das Unternehmen, das mit seinen Berliner Werken lange Zeit gut verdient hat, steht hier in besonderer Verantwortung“, sagte Pop. Siemens müsse verstärkt in Digitalisierung und Zukunftstechnologien investieren und neue Arbeitsplätze entwickeln. In zwei Wochen wird sich nach Auskunft von Michael Müller der Steuerungskreis Industriepolitik am früheren Osram-Standort treffen. Dort sollen beim Nachfolgeunternehmen Ledvance 220 Arbeitsplätze in Berlin abgebaut werden.

IG Metall will sich wehren

Die IG Metall kündigte Widerstand an. „Wenn der Konzern das so durchsetzen will, muss er sich auf enormen Widerstand einstellen“, sagte Abel dem Tagesspiegel. „Wir Arbeitnehmervertreter werden jede Menge Druck machen, mit Demonstrationen, mit der Einschaltung der Politik, aber auch mit Konzepten, wie man die Standorte profitabel weiterentwickeln kann.“ Abel pocht auf die unbefristete Standort- und Beschäftigungssicherung. Der Konzern verweist darauf, dass Ausnahmen bei wesentlichen Änderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen möglich sind. Dies ist nach Einschätzung der IG Metall wegen der guten Lage im Konzern und der noch immer ordentlichen Ergebnisse in der Kraftwerkssparte nicht der Fall.

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