Übernahme des US-Unternehmens BlueRock : Wie Bayer Parkinson heilen will

Der Pharmakonzern übernimmt das Biotechnologieunternehmen BlueRock komplett. Kann das auch Stellen in Berlin sichern?

Unter Druck: Der Konzern leidet unter den Glyphosatklagen, das Pharmageschäft läuft aber gut.
Unter Druck: Der Konzern leidet unter den Glyphosatklagen, das Pharmageschäft läuft aber gut.Foto: AFP

Die Krankheit beginnt mit Zittern. Dann werden die Muskeln steif. Gleichgewichtsstörungen, Schwierigkeiten beim Sprechen und Schlucken kommen hinzu, auch Schlafstörungen und Depressionen sind häufige Begleiter von Parkinson - bis hin zur Demenz. In den Tiefen des Mittelhirns sterben wichtige Nervenzellen ab, die den Botenstoff Dopamin herstellen. Weltweit sind rund sieben Millionen Menschen betroffen. Nach Alzheimer ist Parkinson die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung.

Frische, gesunde Zellen sollen helfen

Bayer hofft nun, ein Gegenmittel gefunden zu haben. Die Waffe der Deutschen im Kampf gegen die Krankheit ist das Biotechnologieunternehmen BlueRock. Das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Boston hat, hofft, mit Hilfe der Zelltherapie das Leiden der Parkinson-Patienten beenden zu können. Die Idee: Induzierte, also gentechnisch veränderte, pluripotente Stammzellen von Erwachsenen werden den Kranken injiziert und sollen dafür sorgen, dass im Körper neue, frische, gesunde Zellen wachsen. Die Zellen kommen nicht von den Patienten selbst, sondern von Dritten. Am Donnerstag gab Bayer bekannt, das Unternehmen komplett übernehmen zu wollen.

Wie giftig ist Glyphosat? Mehr als 18.000 Menschen in den USA klagen.
Wie giftig ist Glyphosat? Mehr als 18.000 Menschen in den USA klagen.Foto: dpa

"Die Übernahme stellt einen bedeutenden Meilenstein auf unserem Weg hin zu einer führenden Position in der Zelltherapie dar", sagte Stefan Oelrich, der im Bayer-Vorstand für den Bereich Pharmazeuticals zuständig ist. Der Bereich hat besonders große Bedeutung für den Standort Berlin, nachdem Bayer hier vor Jahren Schering übernommen hatte. 5000 Menschen arbeiten in der Hauptstadt für Bayer-Pharma, davon rund 2000 im Bereich der Forschung. "Für Berlin ist die Übernahme eine gute Nachricht", sagte eine Bayer-Sprecherin dem Tagesspiegel. Sie zeige, dass Bayer weiter in die Forschung und Entwicklung investiert.

Bayer streicht in Deutschland 4500 Arbeitsplätze

In der Belegschaft herrscht Unruhe, weil Bayer angekündigt hat, bis zum Jahr 2021 in Deutschland 4500 Arbeitsplätze zu streichen, darunter 900 im Bereich der Pharmaforschung. Diese findet in Deutschland im wesentlichen an zwei Standorten statt: in Berlin und in Wuppertal. Wie viele Arbeitsplätze in Berlin vom Sanierungsprogramm betroffen sind, sagt Bayer nicht. Der Stellenabbau soll über Abfindungen und Vorruhestandslösungen und ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne gehen.

BlueRock ist von Bayer mit gegründet worden

Mit BlueRock übernimmt Bayer jetzt ein Unternehmen, das es 2016 gemeinsam mit dem Risikokapitalgeber Versant Ventures selbst gegründet hatte. Derzeit halten die Leverkusener 40,8 Prozent. Um BlueRock komplett zu erwerben, zahlt Bayer rund 240 Millionen US-Dollar in bar und zusätzliche 360 Millionen US-Dollar, wenn BlueRock bestimmte, definierte Unternehmensziele erreicht. Die Übernahme soll im dritten Quartal dieses Jahres abgeschlossen werden. BlueRock hat nach Einschätzung Bayers einen Wert von einer Milliarde US-Dollar.

Zelltherapie könnte auch nach Herzinfarkt helfen

Besonders weit ist BlueRock bei der Forschung zu Parkinson. Doch die Therapie soll nicht auf diese Krankheit beschränkt sein. Die Zelltherapie soll auch bei anderen degenerativen Erkrankungen helfen, bei denen der Verlust von Zellen und eine eingeschränkte Fähigkeit der Selbstreparatur durch den Körper im Zentrum stehen. Das gilt etwa für Herz-Kreislauferkrankungen. Nach einem Herzinfarkt könnte die Zelltherapie zerstörte Muskelzellen im Herzgewebe reparieren.

Für die Anwendung bei Parkinson soll es noch in diesem Jahr erste klinische Tests ("Phase I") geben - wahrscheinlich in den USA. Die Phasen II und III sollen in den nächsten ein bis zwei Jahren folgen, heißt es bei Bayer. Bis die Therapie tatsächlich auf den Markt kommt, werden noch mindestens zwei, drei Jahre vergehen.

Das Pharmageschäft läuft gut

Die Zelltherapie hat nach Einschätzung von Oelrich das Potential, eine bahnbrechende Innovation zu werden. Bayer will verstärkt in solche Technologien entwickeln. Derzeit sind die die Hauptumsatzträger im Pharmageschäft das Blutverdünnungsmittel Xarelto und das Augenmedikament Eylea. Der Pharmabereich hat im ersten Halbjahr 2019 seinen Umsatz verglichen mit dem Vorjahreszeitraum von 8,2 Milliarden Euro auf 8,7 Milliarden Euro und den Bruttogewinn um zehn Prozent auf 2,4 Milliarden Euro gesteigert.

Die Bayer-Aktionäre, die im vergangenen Jahr einen Kurssturz ihrer Aktie verkraften mussten, konnten sich am Donnerstag über Kursgewinne freuen. Gute Nachrichten können sie gebrauchen. Bayer leidet unter den Massenklagen gegen die US-Tochter Monsanto, die Bayer im vergangenen Jahr für die Rekordsumme von 63 Milliarden Dollar übernommen hatte. Über 18.000 Menschen klagen gegen den von Monsanto verkauften Unkrautvernichter Glyphosat, den sie für krebserregend halten. Drei Prozesse in erster Instanz gingen für Bayer verloren.

Der am 19. August in St. Louis geplante nächste Prozess wird verschoben, nach Informationen der Agentur Bloomberg auf Januar. Staranwalt Ken Feinberg ist vom Bezirksgericht in San Francisco zum Mediator berufen worden und soll den Weg für einen möglichen Vergleich ebnen.

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