Umstellung im Schulsystem : Darum könnten in 2020 Zehntausende Azubis fehlen

In Niedersachsen und Teilen Hessen wird die Schulzeit wieder verlängert. Betriebe fürchten deshalb, nicht genügend Auszubildende zu finden.

Schüler in Niedersachsen und Hessen müssen länger die Schulbank drücken.
Schüler in Niedersachsen und Hessen müssen länger die Schulbank drücken.Foto: dpa

Die Aufregung war groß, als Schüler die Hefte ihrer diesjährigen Abiturprüfung aufblätterten: Die Aufgaben waren zu schwer, die Zeit zu knapp, klagten sie. Den Grund dafür sahen viele in der verkürzten Schulzeit. Schließlich gilt in den meisten Bundesländern mittlerweile das sogenannte G-8-System, also das Abitur nach zwölf Schuljahren. Im kommenden Jahr dürfte es diesen Ärger so nicht geben – zumindest nicht in Niedersachsen und großen Teilen Hessens. Beide Länder kehren nämlich zum G-9-System zurück. Zu dem Zeitpunkt, zu dem die Zwölftklässler sonst ihre Abschlussprüfung abgelegt hätten, geht es für die meisten im nächsten Sommer in die 13. Klasse.

Was Eltern freut, könnte die Unternehmen allerdings teuer zu stehen kommen: Weniger Schulabgänger bedeuten schließlich weniger potenzielle Auszubildende. So könnte die Umstellung bestehende Engpässe noch verstärken, etwa in den Gesundheits–, den Technik- oder Handwerksberufen. Das befürchtet auch Eckhard Lammers, IHK-Geschäftsbereichsleiter in Osnabrück.

Der Ausfall des Abiturjahrgangs 2020 treffe seine Region besonders: Mittlerweile schließen die Betriebe dort rund 40 Prozent der Ausbildungsverträge mit Abiturienten ab. In Hannover zum Beispiel haben etwa 36 Prozent aller Azubis den höchsten Schulabschluss.

Einen Komplettausfall müssen die Betriebe zwar nicht befürchten. In Hessen ist es den Gymnasien freigestellt, ob sie umstellen, in Niedersachsen finden an anderen Schulformen wie integrierten Gesamtschulen auch 2020 Abiturprüfungen statt. Doch die machen nach wie vor einen kleinen Teil aus. So rechnet die Kultusministerkonferenz im kommenden Jahr lediglich mit 5000 Abiturienten aus Niedersachsen – üblich wären rund 27.000.

Für die Unternehmen bedeutet das: Sie müssen noch stärker um Schulabgänger werben als bisher. Betriebe könnten sich ihre Ausbildung etwa zertifizieren lassen, rät Lammers. „Eine qualitativ gute Ausbildung spricht sich herum.“ Außerdem sollten Unternehmen gezielt Studienzweifler und Realschüler ansprechen.

NRW und Bayern ziehen nach

Im kommenden Jahr machen Niedersachsen und Hessen lediglich den Anfang. Für die Zeit danach haben eine Reihe weiterer Bundesländer angekündigt, zum Abitur nach 13 Jahren zurückzukehren, darunter Nordrhein-Westfalen und Bayern. Im bevölkerungsreichsten Land soll 2025 der letzte Jahrgang nach zwölf Jahren die Abiturprüfung ablegen, im Freistaat schon ein Jahr früher.

Für die Länder dürfte das jedoch zu einem finanziellen Kraftakt werden. Gehen die Jugendlichen länger zur Schule, müssen sie von mehr Lehrern betreut werden. Allein Bayern will dafür 1000 neue Lehrer einstellen. Außerdem müssen die 13. Klassen in zusätzlichen Räumen untergebracht werden. Der Bayerische Städtetag rechnete zuletzt mit Kosten von bis zu 700 Millionen Euro.

Bildungsforscher sind skeptisch

Dass die sich wirklich auszahlen, bezweifeln Bildungsforscher jedoch. „Hinsichtlich der fachlichen Kompetenzen am Ende der gymnasialen Oberstufe lassen sich keine Unterschiede zwischen G-8- und G-9-Abiturienten nachweisen“, erklärt Erziehungswissenschaftler Olaf Köller, der die Umstellung für eine Studie der Mercator-Stiftung untersucht hat.

Das heißt: Bessere Leistungen der Schüler sind nicht zu erwarten. Vielmehr hätten die Länder die Chance verpasst, die Gelder für die Umstellung in die Schul- und Unterrichtsentwicklung zu stecken, schreibt Köller in seiner Studie. Etwa in Weiterbildungsprogramme für Lehrer. Das Motto: ein Jahr weniger Unterricht, dafür aber mit verbesserter Betreuung.

Dem Staat entgehen Einnahmen

Und damit nicht genug: Steigen die Schüler erst ein Jahr später ins Berufsleben ein, dürften dem Staat zusätzliche Einnahmen entgehen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für den Tagesspiegel hochgerechnet hat. Würden 25.000 junge Menschen ein Jahr lang mit der durchschnittlichen Produktivität zusätzlich erwerbstätig sein, entspräche dies etwa 1,9 Milliarden Euro an jährlicher Wertschöpfung, erklärt Axel Plünnecke, IW-Bereichsleiter für Bildung.

„Da fast 40 Prozent an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen als Einnahmen der öffentlichen Hand anfallen, dürften also zu den direkten Kosten der Umstellung durchaus beträchtliche Einnahmenausfälle kommen.“ Geld, das auch der Ökonom lieber in den Schulen gesehen hätte: „Diese Mittel könnte die öffentliche Hand für eine bessere Qualität des Bildungssystems einsetzen“, sagt Plünnecke. Beispielsweise in zusätzliche Maßnahmen zur Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit.

Auch Freiwilligendienstler dürften fehlen

Keine Abiturienten im kommenden Jahr – das dürften nicht nur die Betriebe in den betroffenen Regionen zu spüren bekommen, sondern auch zahlreiche soziale Einrichtungen. Denn die werden auf Freiwilligendienstler verzichten müssen. Vor allem Abiturienten absolvieren nach der Schulzeit immer öfter ein sogenanntes Freiwilliges Soziale Jahr (FSJ) oder einen Bundesfreiwilligendienst – oft als Übergang zwischen Schule und Studium.

„Für einzelne regional tätige Träger ist davon auszugehen, dass der fehlende Abiturjahrgang deutliche Auswirkungen auf die Bewerberzahlen haben wird“, sagt Martin Schulze, Geschäftsführer der Evangelischen Freiwilligendienste. Überlebenswichtig seien die zwar nicht. „Freiwillige ersetzen grundsätzlich keine Arbeitskräfte“, erklärt Schulze. Aber: Sie könnten zur Erweiterung von Zusatzangeboten in den Einrichtungen beitragen. „Auf diese muss dann gegebenenfalls verzichtet werden.“

Studenten können sich freuen

Stärker um Freiwillige werben können die Träger kaum. Die Höhe ihrer Fördergelder ist gesetzlich festgeschrieben, für mehr Marketing fehlt schlichtweg das Geld. „Im Rahmen der Möglichkeiten werden die Maßnahmen jedoch angepasst“, sagt Schulze. So will der Geschäftsführer des Trägervereins verstärkt in anderen Bundesländern nach Hilfskräften suchen oder gezielt Ältere ansprechen. Wie drastisch der Bewerbermangel wird, gilt abzuwarten. Die Bewerbungsphase für das kommende Freiwilligenjahr beginnt erst im Frühjahr.

Manche dürften sich über die fehlenden Abiturienten aber durchaus freuen: angehende Studenten etwa. Sie müssen bei der Bewerbung um ihren Lieblingsstudienplatz weniger Konkurrenz fürchten. Wo sonst ein hoher Notendurchschnitt verlangt wird, könnte es im kommenden Jahr also leichter werden.

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