Wirtschaft : USA droht der Immobilienkollaps

Viele Hausbesitzer haben sich zu hoch verschuldet. Eine Kettenreaktion könnte bis zur Rezession führen

Stefan Kaiser u. Walter Pfaeffle

New York/Berlin - Eine Immobilienkrise in den USA wird zur Bedrohung für die weltweiten Finanzmärkte. Auslöser sind massive Probleme im Geschäft mit riskanten Hypothekenkrediten an hunderttausende Amerikaner mit geringer Kreditwürdigkeit. Weil diese die Darlehen nicht mehr zurückzahlen können, geraten auch die Hypothekenbanken ins Straucheln, die ihrerseits bei großen Investmentbanken verschuldet sind. Es droht eine Kettenreaktion mit ungewissen Auswirkungen.

In den vergangenen Monaten haben bereits mehr als zwei Dutzend kleine und regionale Hypothekenfinanzierer Insolvenz angemeldet. Nun steht mit der Hypothekenbank New Century einer der größten amerikanischen Anbieter von zweitklassigen Hypothekendarlehen (subprime mortgages) offenbar vor der Pleite. Wie am Montag bekannt wurde, wollen mehrere Kreditgeber der Bank – darunter auch eine Tochter der Deutschen Bank – ihre Finanzierung einstellen. New Century verfüge nicht über ausreichend Barmittel, um die Verpflichtungen zu erfüllen, heißt es in einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC. Die Aktie von New Century brach um weitere 52 Prozent auf 1,15 Euro ein. Im Mai vergangenen Jahres hatte das Papier noch bei knapp 52 Dollar notiert.

„Wir sehen das Risiko, dass sich die Krise auf die Gesamtwirtschaft auswirkt“, sagte Björn Bender, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), dem Tagesspiegel. „Der Immobilienmarkt hatte in den vergangenen Jahren eine enorme Bedeutung für den Konsum in den USA. Und der war ein wesentlicher Treiber für die Weltwirtschaft.“ Die Banken in den USA seien bereits vorsichtiger bei der Kreditvergabe an Kunden aus unteren Einkommensschichten geworden, erklärte Bender. Umfragen deuteten nun darauf hin, dass sich diese Entwicklung auch auf das Geschäft im mittleren und oberen Segment ausbreite.

Die Finanzmärkte reagierten am Montag nervös. Sowohl der deutsche Leitindex Dax als auch der amerikanische Dow Jones rutschten am Nachmittag ins Minus. Bereits in den beiden vergangenen Wochen hatte die Krise am US-Immobilienmarkt zusammen mit dramatischen Einbrüchen an den asiatischen Märkten für Kursverluste an den Börsen weltweit gesorgt.

Seit mehr als einem Jahr fallen in vielen Regionen der USA die Preise für Wohnimmobilien. Das bringt all diejenigen in Schwierigkeiten, die sich zuvor, während des fünf Jahre andauernden Immobilienbooms, verschuldet hatten – häufig ohne Anzahlung und zu extrem niedrigen, aber variablen Zinssätzen. Weil die Zinsen stiegen und damit auch die monatlichen Zahlungen der Hausbesitzer in die Höhe schossen, konnten viele ihre Schulden nicht mehr tilgen und brachten so die Hypothekenbanken in Schwierigkeiten.

Als Nächste in der Kette sind nun deren Geldgeber betroffen: Investmentbanken, Versicherungen, Pensionskassen und Hedge-Fonds hatten die hochriskanten Hypothekengeschäfte finanziert und sie mit hohem Gewinn gebündelt, umverpackt und sie in Form von neuen Wertpapieren an die Anleger verkauft. Wenn die Zahl säumiger Schuldner weiter zunimmt, dürfte dies Löcher in ihre Bilanzen reißen. Deshalb ziehen sie nun die Notbremse und wollen kein neues Geld mehr nachschießen.

In den USA wohnen rund 70 Prozent aller Bürger in den eigenen vier Wänden. Im Januar standen in den USA rund 4,1 Millionen Häuser zum Verkauf, davon rund 536 000 neu gebaute. Die jetzige Krise könnte mehr als eine halbe Million zusätzlicher Häuser auf den Markt bringen. Die finanziell angeschlagenen Hausbesitzer überlassen den Geldgebern die Immobilien, die inzwischen oft weniger wert sind als ihre Hypothekenschulden.

In Deutschland boomt der Immobilienmarkt dagegen. Ausländische Finanzinvestoren kaufen große Bestände auf und verkaufen diese wieder mit Gewinn. Am Montag teilte der US-Finanzinvestor mit, dass er die Mehrheit an seinem gut 31 000 Wohnungen umfassenden deutschen Immobilienportfolio an ein Konsortium um die Investoren Round Hill Capital sowie das zum britischen Versicherer Aviva gehörende Morley Fund Management verkauft habe. „Das Transaktionsvolumen liegt bei rund 1,6 Milliarden Euro“, hieß es. Blackstone hatte die Wohnungen im Dezember 2004 von der angeschlagenen Beteiligungsgesellschaft WCM für knapp 1,4 Milliarden Euro übernommen.

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