Wirtschaft : Vattenfall will Akw länger betreiben

Mit Reststrommengen des Konkurrenten RWE soll Meiler in Brunsbüttel bis 2011 Strom erzeugen dürfen

Dagmar Dehmer

Berlin - Der Stromkonzern Vattenfall hat am Dienstag den Antrag gestellt, sein mehr als 30 Jahre altes Kernkraftwerk Brunsbüttel etwa zweieinhalb Jahre länger zu betreiben, als das der Atomkonsens vorsieht. Eigentlich müsste die vom früheren Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als „Museumsmeiler“ verspottete Anlage Mitte 2009 vom Netz gehen. Um das zu verhindern, beantragt der Konzern nun, Reststrommengen des stillgelegten Atomkraftwerks Mühlheim-Kärlich auf Brunsbüttel zu übertragen. Dann könnte das Akw über den nächsten Wahltermin hinaus betrieben werden.

Die Branche hofft bei einem Regierungswechsel darauf, den Atomausstieg rückgängig zu machen. Im vergangenen Jahr haben bereits RWE und EnBW Anträge auf eine Laufzeitverlängerung ihrer ältesten Atomkraftwerke gestellt. Am kommenden Freitag will Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) seine Entscheidung über den RWE-Antrag, Reststrommengen seines Akw Mühlheim-Kärlich auf den alten Meiler Biblibs A zu übertragen, bekannt geben, sagte sein Sprecher Michael Schroeren dem Tagesspiegel. Nach Medienberichten will er den Antrag offenbar nicht genehmigen.

Vattenfall will nun 15 Milliarden Kilowattstunden Strom von Mühlheim-Kärlich auf Brunsbüttel übertragen, was bei einem Preis von derzeit zwischen 36 und 40 Cent pro Kilowattstunde einen zusätzlichen Gewinn von schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro erbringen würde. Wie viel Vattenfall für diese 15 Milliarden Kilowattstunden an RWE bezahlen muss, wollte der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europa, Klaus Rauscher, am Dienstag nicht sagen. Nur so viel: „Wir haben eine wirtschaftliche Lösung gefunden.“

Das Atomgesetz hat für die Reststrommengen aus Mühlheim-Kärlich eine klare Regelung getroffen. Nur auf bestimmte, neuere Anlagen sollen diese Mengen übertragen werden dürfen. Vattenfall und RWE argumentieren nun, das bedeute nur, dass auf diese Akws ohne eine Genehmigung des Umweltministeriums Reststrommengen übertragen werden dürften. Klaus Rauscher sagte am Dienstag, der Antrag sei „ausschließlich auf der Grundlage des Gesetzes zu bewerten und nicht nach politischen Opportunitätserwägungen“. Sollte der Antrag abgelehnt werden, müsse man den „rechtlichen Dissenz mit dem Ministerium eben mit den üblichen Mitteln austragen“.

2001 war im Akw Brunsbüttel direkt am Reaktor Wasserstoff in einer Leitung des Kühlsystems explodiert, der bisher schwerste Atomunfall in Deutschland. Nach einem schweren Unfall im ebenfalls von Vattenfall betriebenen schwedischen Atomkraftwerk Forsmark im vergangenen Sommer stellte sich heraus, dass es in Brunsbüttel Baugleichheiten gab, was der Konzern zunächst geleugnet hatte. Seit Monaten versucht die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Einblick in eine Mängelliste mit etwa 260 offenen Sicherheitsfragen zu bekommen. Eine Klage des Konzerns verhindert dies bisher. Am Dienstag sagte der Geschäftsführer der Vattenfall- Atomsparte, Bruno Thomauske, die Sicherheitskultur in Deutschland sei „ganz anders als in Schweden“. Hier gebe es eine stärkere amtliche Aufsicht.

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