Verdi Berlin-Brandenburg : Drei Männer bewerben sich um Nachfolge von Stumpenhusen

Die größte Gewerkschaft der Region bekommt erstmals einen Vorsitzenden. Susanne Stumpenhusen hört auf, sie führte die Gewerkschaft seit 2001.

Das war’s dann. Seit der Verdi-Gründung 2001 leitete Susanne Stumpenhusen den Landesbezirk Berlin-Brandenburg. Am Freitag wird der Nachfolger gewählt.
Das war’s dann. Seit der Verdi-Gründung 2001 leitete Susanne Stumpenhusen den Landesbezirk Berlin-Brandenburg. Am Freitag wird der...Foto: imago/Seeliger

Wer kann das schon von sich sagen? „Ich bin immer gerne aufgestanden und zur Arbeit gegangen“, blickt die 64-jährige Susanne Stumpenhusen auf ihr Funktionärsleben zurück. Vorläufiger Höhepunkt war 1998, als sie Chefin der Berliner ÖTV wurde, nachdem der damalige Vorsitzende Kurt Lange in den Bewag-Vorstand gewechselt war.

2001 dann, nach der Fusion der ÖTV mit vier kleineren Organisationen zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, wurde Stumpenhusen Vorsitzende des Verdi-Landesbezirks Berlin-Brandenburg. Jetzt ist Schluss. Am kommenden Freitag wählen 120 Delegierte der Landesbezirkskonferenz einen neuen Chef. Drei Männer bewerben sich um das Spitzenamt. Für die Stellvertretung sind zwei Frauen gesetzt in der Gewerkschaft, die mehrheitlich von Frauen getragen wird.

Viel mehr Mitglieder als die IG Metall

Mit knapp 160.000 Mitgliedern, davon 115.000 in Berlin und 45.000 in Brandenburg, ist Verdi mit Abstand die größte Gewerkschaft in der Region. Die IG Metall, die bundesweit deutlich größer ist, kommt in Berlin-Brandenburg nur auf knapp 65.000 Mitglieder.

Berlin war und ist eben eine Stadt des öffentlichen Dienstes und gleichzeitig ein Wirtschaftsstandort, in dem die Industrie und mithin die Industriegewerkschaften teilungsbedingt geringes Gewicht haben. Wenn anderswo in der Republik Industriegewerkschafter Einfluss in Aufsichtsräten großer Unternehmen haben, so findet man in Berlin vor allem Verdi-Vertreter in den Gremien landeseigener Betriebe, des RBB oder der Universitäten.

Tarifflucht vor allem in Brandenburg

Stumpenhusen ist mit sich im Reinen. In ihrer Zeit hat Verdi hier in der Region rund ein Fünftel der Mitglieder verloren – das ist viel, liegt jedoch unter dem Bundesdurchschnitt. Auf dem flachen brandenburgischen Land macht der Gewerkschaft die Tarifflucht zu schaffen, beispielsweise gibt es kein Krankenhaus in Brandenburg, in dem die Beschäftigten nach Tarif bezahlt werden. Und in Berlin drückte der Sparkurs unter Klaus Wowereit und Thilo Sarrazin erheblich auf Stimmung und Mitgliederzahl.

Als Verdi- Chef Frank Bsirske und Wowereit 2003 einen Kompromiss aushandelten, der den Beschäftigten im öffentlichen Dienst eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich brachte, gab es viel Ärger wegen der Gehaltseinbußen um rund zehn Prozent. Stapelweise habe sie damals Post bekommen, erinnert sich Stumpenhusen. „Sehr viele haben uns das übelgenommen, Tausende sind ausgetreten.“

Überall fehlt Personal

Es gab nicht nur weniger Geld, sondern die Arbeitnehmer mussten sich für die Arbeitsplatzsicherheit – der Senat verzichtete auf betriebsbedingte Kündigungen – auf Versetzungen einlassen. „Wenn jemand von Spandau nach Charlottenburg versetzt wurde, kam das manchen vor wie eine Menschenrechtsverletzung“, erinnert sich Stumpenhusen.

Heute wird an allen Ecken und Enden Personal gesucht. Berlin ist in die Tarifgemeinschaft der Länder zurückgekehrt und zahlt teilweise 1000 Euro über Tarif, um Fachkräfte zu locken. Verdi geht es wieder besser. Vor allen in Kitas und Krankenhäusern gibt es neue Mitglieder. „Wenn wir einen jungen Gewerkschaftssekretär in eine Krankenpflegeschule schicken, dann kommt der mit 30 Mitgliedern wieder raus“, sagt Stumpenhusen.

Bei jungen Leuten unter 35 Jahren komme die Gewerkschaft gut an und bei den alten ab 55 habe man ebenfalls ordentlich Mitglieder. Dürftig vertreten sind in der Mitgliederstatistik die 35- bis 50-Jährigen. „Wir müssen noch viel mehr auf die Leute zugehen“, gibt Stumpenhusen ihrem Nachfolger mit.

Frank Wolf soll Bezirkschef werden - jedenfalls wünscht sich das der Bezirksvorstand.
Frank Wolf soll Bezirkschef werden - jedenfalls wünscht sich das der Bezirksvorstand.Foto: promo

Frank Wolf ist Favorit

Könnte der Landesbezirksvorstand entscheiden, dann wird am Freitag Frank Wolf gewählt. Der Bankkaufmann, 1962 in Neukölln geboren, ist der Kandidat der bisherigen Führung. Grundsolide und etwas langweilig, wie man das landläufig von Bankkaufleuten erwartet, tritt auch Wolf auf. Es ist hauptamtlicher Gewerkschafter seit 1991, damals noch in Reihen der Gewerkschaft HBV (Handel, Banken, Versicherungen) und in den vergangenen Jahren Leiter des Fachbereichs Finanzdienstleistungen.

Gefährlich werden kann Wolf der BSR-Personalrat Rolf Wiegand. Der Industriekaufmann kann gut reden und wird versuchen, die 120 Delegierten von sich zu überzeugen mit naheliegenden Themen: den Strukturwandel begleiten und dabei immer wieder gegen prekäre Beschäftigung agitieren, Einfluss nehmen auf die Politik und dabei „Brandenburg stärker beachten“, wie Wiegand sagt.

Verdi hat 230 Mitarbeiter in der Region

Das meint der dritte Kandidat auch. Andreas Splanemann (60) ist als Sprecher des Landesbezirks relativ bekannt in der Stadt, weil er die Warnstreiks in Kitas, an Flughäfen oder bei der BVG erklären muss. Chancen auf den Chefsessel räumt ihm kaum jemand ein, obwohl er sich selbst als den politischsten Kandidaten einschätzt. Dass der Chef der größten Gewerkschaft einen funktionierenden Draht in beide Landesregierungen legen muss, ist selbstverständlich.

Doch in der vielfältigen Verdi geht es auch ums Moderieren und Integrieren, zumal sich die Struktur verändert, die Fachbereiche reduziert und die Mitgliederbetreuung verbessert werden soll. In den kommenden Jahren findet also das statt, was die Verdi- Funktionäre – in Berlin-Brandenburg sind das immerhin 230 Hauptamtliche – besonders gut können: Sich mit sich selbst beschäftigen.

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