5600 neue Verdi-Mitglieder bei der Post, 20 000 sollen es bei den Betreuern sein

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Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske : Der ewige Vorsitzende
Verdi-Chef Frank Bsirske verfolgt am 28.05.2015 von der Bühne auf dem Römerberg in Frankfurt am Main aus eine Kundgebung mit mehr als 15.000 Demonstranten.
Verdi-Chef Frank Bsirske verfolgt am 28.05.2015 von der Bühne auf dem Römerberg in Frankfurt am Main aus eine Kundgebung mit mehr...Foto: Boris Roessler/dpa

Der Vorsitzende selbst präsentiert seine eigene Erfolgsrechnung: Ganz oben steht der gesetzliche Mindestlohn, für den Bsirske mehr als ein Jahrzehnt getrommelt hat und der in diesem Jahr eingeführt wurde. Und er wird die Trendwende bei der Mitgliederentwicklung betonen. Der Konflikt bei der Post hat angeblich 5600 neue Mitglieder gebracht, und in den Kitas waren es sogar mehr als 20 000. „Die Mitgliederentwicklung im Sozial- und Erziehungsdienst lag über den Erwartungen“, sagt Werneke. Obwohl die Forderungen nicht umgesetzt wurden, „haben wir keinen Anstieg der Austritte im Nachgang zu diesen Tarifrunden“, betont der Kassenwart. Und es deute nichts darauf hin, „das wir unter die zwei Millionen-Mitglieder-Grenze rutschen“. Ob nach Ablauf der Austrittsfristen tatsächlich die Mitgliederzahl stabil bleibt, wird sich 2016 zeigen.

Verdi ist schwer zu steuern, teuer und weniger durchschlagskräftig als andere Gewerkschaften

Tatsächlich hat sich Verdi, 2001 als vereinte Dienstleistungsgewerkschaft durch den Zusammenschluss von ÖTV, HBV, IG Medien, Postgewerkschaft und DAG entstanden, vor allem quantitativ verändert: Es gibt heute rund 800 000 Mitglieder weniger als damals. Der Schwund hat auch strukturelle Ursachen. Im Einzelhandel stehen zum Beispiel die Namen Schlecker und Praktiker für Pleiten und massenhaften Arbeitsplatzabbau; Privatisierungen haben dem öffentlichen Dienst, der Telekom und der Post zu schaffen gemacht, die goldenen Jahre in der Finanzbranche sind vorbei, und in Wachstumsbranchen wie der Pflege bekommt Verdi auch deshalb kein Bein an die Erde, weil die keine gewerkschaftliche Tradition haben. Richtig ist aber auch: Der enorme Zuwachs an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung in den vergangenen Jahren fand vor allem im Dienstleistungsbereich statt. Und offensichtlich bekommt Verdi diese Leute nicht annähernd organisiert.

Der Verdi-Chef hat es schwerer als seine Kollegen an der Spitze der Industriegewerkschaften, die vergleichsweise homogene Branchen organisieren und dort sowie in einzelnen Konzernen (VW, Daimler, BASF) über eine Durchschlagskraft verfügen, von der Bsirske nur träumen kann. Dazu hat er es mit einer überaus komplizierten und teuren Struktur zu tun, mit Landesbezirken und Fachbereichen, die Verdi zu einem schwer steuerbaren Laden machen. Die IG Metall hat 250 000 Mitglieder mehr als Verdi, aber mit 2400 Beschäftigten gut 1000 Leute weniger auf dem Gehaltszettel als Verdi. Und weit und breit gibt es keine zweite Gewerkschaft, die sich 14 Vorstandsmitglieder gönnt. Die IG Metall kommt mit der Hälfte aus.

Kein Kronprinz in Sicht

Verdi ist eine Art Dachverband für 13 kleine Gewerkschaften/Fachbereiche, die von Bildung über Handel und Finanzdienstleistung bis zu Verkehr und Entsorgung alle möglichen Dienstleistungsbereiche abdecken. Der politische Einfluss und die Sichtbarkeit von Verdi ist selbstverständlich größer als einst bei der ÖTV und den anderen vier Gründungsorganisationen. Aber das hängt eben auch zusammen mit der überragenden Figur Frank Bsirske. Der hat es indes nicht vermocht, in den vergangenen Jahren einen potenziellen Nachfolger neben sich groß werden zu lassen und der verflochtenen Gewerkschaft eine schlankere und schlagkräftigere Struktur zu verpassen. Stattdessen hat er sich mit den Kollegen in den Industriegewerkschaften angelegt, indem er in deren Organisationsbereichen wilderte. Krawall statt Konzept. Aber wo ist die Strategie? Was hat er noch vor? Diese Fragen sollte Bsirske in Leipzig beantworten können.

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