Gemeinsam fördern macht mehr Spaß

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Vererben und Stiften : Mit dem Vermögen Gutes tun
Ise Bosch

Ich vertraue grundsätzlich darauf, dass unsere Förderpartner und -partnerinnen wissen, was in welcher Reihenfolge getan werden muss. Wir einigen uns darauf, wofür genau das Geld ist, wir haben aber keine strikten Regularien, wie es eingesetzt werden muss. Das ermöglicht Flexibilität und den Spielraum, auf unerwartete Situationen oder Entwicklungen zu reagieren und Gelegenheiten zu ergreifen. In der Zusammenarbeit sitzen die Partner und Partnerinnen am Lenkrad, ich fahre mit. Und ich nutze meinen Zugang zu machtvollen Räumen, um denen, die üblicherweise ausgeschlossen sind, dort eine Stimme zu geben.

Wenn wir eine Philanthropie wollen, die nicht nur eine Transaktion ist, sondern eine Transformation, dann brauchen wir die Lösungen der Betroffenen. Die Hälfte des Geldes vergibt Dreilinden im sogenannten Regranting: Wir fördern andere Stiftungen, die einen engen Kontakt zu den geförderten Communities haben. Sie erhalten das Geld und verteilen es weiter. Bei diesen Stiftungen entscheiden die über das Geld, die selbst Teil der Communities sind. So wird Macht weitergegeben. Die Astraea Foundation in New York hat zum Beispiel mit Dreilinden ein globales Förderprogramm für lesbische und bisexuelle Frauen, Schwule, trans* und inter Personen aufgelegt. Der International Fund besteht nun seit 20 Jahren und konnte annähernd 19 Millionen US-Dollar an über 500 Gruppen in 99 Ländern vergeben.

Die Philanthropie wie ich sie verstehe, stellt die Machtverhältnisse hierarchisch organisierter Stiftungen in Frage, die Menschen Lösungen diktieren. Sie vermeidet auch die Kurzsichtigkeit des „Philanthro-Kapitalismus“, der schnell maximale Erfolge sehen will und sich deshalb nur dort engagiert, wo die Laterne hinscheint. Transformative Philanthropie setzt Privilegien und Geld dafür ein, Machtstrukturen zu verändern. Das geht nicht ohne eine eigene Veränderung. Zu geben bedeutet immer auch, sich auf eine eigene Lernerfahrung einzulassen.

Ich lerne dazu und begegne wunderbaren Menschen

Entscheiden Sie also frühzeitig, mit welchen Menschen gemeinsam Sie diese Erfahrungen machen wollen! Freude machen auch Kreise, wo gemeinsam gegeben wird. „filia. die frauenstiftung“, die ich mitgegründet habe, ist so ein Modell einer Gemeinschaftsstiftung. Wenn die Zusammenarbeit gut werden soll, ist es wichtig, das Machtgefälle bewusst wahrzunehmen. Dabei ist es hilfreich, die Sache immer wieder von der anderen Seite her zu denken und auch nachzufragen, wie es den anderen geht.

Wenn auf der horizontalen Ebene gegeben wird, entsteht daraus eine besondere Art von Macht, eine Macht gemeinsam mit anderen. Wenn ich hingegen als Gebende bestimmte Bedingungen an eine Förderung knüpfe, dann kommt die vertikale Machtausübung ins Spiel, Macht über andere. Wenn wir Bedingungen gemeinsam herausarbeiten und festlegen, ermutigt das beide Seiten, besser zu arbeiten. Die Gebenden geben bewusst Macht ab; die Verantwortlichkeit steigt, und zwar auf beiden Seiten. Wir gewinnen oder verlieren gemeinsam.

Es macht mich schon glücklich, wenn etwas gelingt – wobei das fast nie nur an mir liegt. Insgesamt weiß ich, dass ich etwas Sinnvolles mache. Es bleibt auch deshalb erfüllend, weil ich meinen eigenen Horizont erweitern kann. Und ich begegne wunderbaren Menschen!

Viele meiner Arbeitsweisen funktionieren für die Förderung aller menschenrechtlichen Anliegen und auch anderer Themen. Prüfen Sie, was für Sie passt. Und gehen Sie dann Ihren eigenen Weg.

Unsere Gastautorin Ise Bosch ist studierte Musikerin, Gründerin und überzeugte Philanthropin. Seit Jahren setzt sie sich weltweit für sozialen Wandel ein, besonders für Menschenrechte, Frauen und sexuelle Minderheiten. In Deutschland gründete sie die gemeinnützige Gesellschaft Dreilinden, die die Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt fördert. Im Mai 2018 erhielt Ise Bosch den Deutschen Stifterinnenpreis. Ihr neues Buch „Geben mit Vertrauen: Wie Philanthropie transformativ wird“ ist bei Dreilinden erschienen (mit Claudia Bollwinkel und Justus Eisfeld, 144 Seiten, 20 Euro).

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