Vererben und Stiften : Mit dem Vermögen Gutes tun

Reichtum kann ein machtvolles Werkzeug sein, um soziale Veränderungen zu bewirken. Tipps für Menschen, die gemeinnützige Organisationen fördern wollen

Ise Bosch
Geben macht glücklich. Privilegien sind nicht fair verteilt, sagt Ise Bosch. Doch wer sie genießt, kann sie nutzen, um anderen mehr Macht zu geben.
Geben macht glücklich. Privilegien sind nicht fair verteilt, sagt Ise Bosch. Doch wer sie genießt, kann sie nutzen, um anderen...Foto: Choreograph/Getty Images/iStockphoto

Freiheit aushalten!“ steht auf einem Schild, das ich vor einigen Jahren geschenkt bekam. Ich habe es an meinem Garagentor angebracht, wo sonst „Ausfahrt freihalten!“ hängen würde. Viele Leute, die mich besuchen, beziehen sich darauf und freuen sich daran.

Wenn man mehr Geld hat, als man zum Leben braucht, gibt das eine große Freiheit, und es verleiht die Macht, Dinge positiv zu verändern. Privater Reichtum kann ein Werkzeug sein – das klingt sehr schlicht, aber wenn man bedenkt, wie unsere Gesellschaft Reichtum vergöttert, dann ist diese Nutzung von Geld innovativ und anders. Es geht mir um die unternehmerische Sicht darauf, was privates Vermögen bewirken kann.

Ich behandle Geld weniger als Statussymbol und mehr als Werkzeug. Ich vergesse nicht die Tatsache, dass Privilegien nicht fair verteilt und daher gesellschaftlich problematisch sind. Privilegien und Diskriminierung sind zwei Seiten einer Medaille. Die Privilegien der einen bringen es mit sich, dass andere ausgeschlossen werden. Ich erlebe Privilegien als eine Art große Eintrittskarte, als Zugang zu machtvollen Personen und Orten. Ich wünsche mir, dass Menschen mit viel und mit wenig Macht besser zusammenarbeiten. Deshalb sage ich Ja zu der Macht, die für mich erreichbar ist – aber ich sage Nein zur Ausgrenzung anderer.

Ein Vermächtnis ist ein guter Anfang

Wer viel Vermögen gibt – so viel, dass es persönlich und in die Welt hinein etwas verändert – bricht damit immerhin schon mit dem kapitalistischen Credo, dass Kapital immer weiter akkumulieren müsse. Die politische Lösung liegt im Miteinander, und das bedeutet auch, zu teilen. Das Geld, über das ich verfügen kann, ist innerhalb des kapitalistischen Systems zusammengekommen. Ich kann es nutzen oder nicht. Gar nichts tun ist auch keine Lösung. So verstehe ich die Verantwortung, die mit Reichtum einhergeht.

Ise Bosch wirbt für Vertrauen beim Fördern: "Meine Partner*innen sitzen am Lenkrad, ich fahre mit."
Ise Bosch wirbt für Vertrauen beim Fördern: "Meine Partner*innen sitzen am Lenkrad, ich fahre mit."Foto: Lucas Wahl/Kollektiv25

Ich rate dazu, mit einem Vermächtnis anzufangen. Das richtet den Blick auf die langfristigen Ziele. Entscheiden Sie, wieviel Ihres Vermögens in gemeinnützige Zwecke fließen soll. Dann schließt sich die Überlegung an, einiges davon schon zu Lebzeiten zu tun; das macht mehr Freude.

Halten Sie die Augen offen, wo gute Arbeit möglich ist, nur die Mittel fehlen. Wählen Sie Zwecke, die Ihnen persönlich am Herzen liegen, bei denen Sie lange bleiben wollen und wo Sie sich gut auskennen. Mein Thema ist durch meine Lebensgeschichte zu mir gekommen – und wir alle haben unsere Lebensgeschichte. Die Wahl Ihrer Zwecke wird auf Ihrer politischen Analyse beruhen, und wo Sie als Person stehen.

Fördern Sie ohne Eile, aber mit Ausdauer

Dann, innerhalb Ihrer Thematik, verengen Sie die Auswahl auf Aspekte, von denen Sie denken, dass Sie mit Ihren Ressourcen etwas Entscheidendes bewirken können. Anschließend finden Sie heraus, wer die besten Einrichtungen oder Gruppen sind, die dazu arbeiten. Wählen Sie einige dieser Organisationen aus und lernen Sie sie kennen. Hören Sie ihnen genau zu, und bleiben Sie bei denen, die Ihnen am besten gefallen. Fördern Sie verschiedene Lösungsansätze und Herangehensweisen – viele Wege führen zum Ziel. Wenn Sie das einige Zeit machen, besteht eine gute Chance, dass Sie Erfolge mitfeiern können!

Mein grundlegender Tipp für private Gebende: Fördern Sie ohne Eile. Fangen Sie mit kleineren Summen an, arbeiten Sie Jahr für Jahr – und wenn es gut läuft, geben Sie größere Summen. Bleiben Sie dabei. Ungebundene mehrjährige Förderung gibt Organisationen die nötige Stabilität, um langfristigen strukturellen Wandel zu erreichen. Es werden nachhaltige Strukturen aufgebaut, die Organisationen können eigene Prioritäten setzen. Meine Organisation Dreilinden vergibt 90 Prozent der Förderungen mehrjährig. Diese Strategie hat Erfolg: 86 Prozent der Förderpartner berichten, dass diese Förderung zu einer Stärkung geführt hat, die noch immer spürbar ist.

Ich bin außerdem überzeugt, dass die Zusammenarbeit besser wird, wenn ich persönlich sicherstelle, dass die Bürokratie so gering wie möglich bleibt. Sowas ist Chefsache, sonst klappt es nicht.

Wenn ich ein Projekt fördere, bleibe ich thematisch in Bereichen, in denen ich mich schon recht gut auskenne. Dann setze ich mich hin und analysiere das Risiko. Ich setze den Fokus auf die langfristigen Ziele; so fällt es mir leichter, Risiken einzugehen. In der Philanthropie ist die Rendite der Investition das Erreichen der gemeinnützigen Ziele. Ohne das Eingehen von Risiken geht das nicht. Die private Philanthropie ist in der Lage, die größten Risiken zu schultern, und sollte das meines Erachtens auch tun – Freiheit aushalten.

Die Art, wie Sie geben, ist genauso entscheidend wie die Summen

Ich frage mich: Was würde geschehen, wenn ich jetzt hier nicht fördere? Wenn ich über eine größere Förderung entscheide, nehme ich immer eine grobe Schätzung zweier Faktoren vor. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Initiative erfolgreich ist? Und wie groß ist die Wirkung, falls wir erfolgreich sind? Sehr oft komme ich zu der Beurteilung, dass beide Faktoren umgekehrt korrelieren: Ein Erfolg scheint immerhin möglich, ist in meinen Augen aber nicht sehr wahrscheinlich. Wenn es jedoch funktioniert, wird der Effekt sehr groß sein. Oder andersherum: Die Ziele erreichen wir wahrscheinlich, aber die Wirkung wäre nicht sehr stark. Ich suche eine gute Mischung dieser Erfolgsrisiken in meinem Förderportfolio.

Meine gemeinnützige Gesellschaft Dreilinden ist oft die erste Geldgeberin für eine neue Idee. Über 80 Prozent unserer Förderpartnerinnen sagen, dass sie mit unserer Unterstützung Pionierarbeit geleistet haben.

Die Art, wie Sie geben, ist genauso entscheidend wie die Summen. „Es geht darum, die Qualität des Geldes zu verändern“, sagte Neville Gabriel von „The Other Foundation“ in Südafrika, mit der ich seit vielen Jahren zusammenarbeite. Wir haben mittlerweile Daten dazu, welche Wirkung Fördern auf der Basis von Vertrauen entfaltet. So werden integre Organisationen aufgebaut, die effektive Strategien haben, weil ihr Wissen sich aus gelebter Erfahrung speist.

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