Reaktion auf Stromüberschuss in Sekundenschnelle

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Virtuelle Kraftwerke : Die Zusammenschalter
Ein Mann arbeitet an einer Biogasanlage. Kraftwerke wie dieses vernetzt Next.
Ein Mann arbeitet an einer Biogasanlage. Kraftwerke wie dieses vernetzt Next.Foto: ZB/Jan Woitas/dpa

Das gilt auch für die GPRS-Mobilfunkverbindungen zwischen der Next Box beim Stromerzeuger und den Servern. Sie sind über einen VPN-Tunnel verschlüsselt, die Daten dürfen nicht über das öffentliche Netz gehen. Jede Next Box hat zwei SIM-Karten, eine von der Deutschen Telekom, eine von Telefónica. So ist jederzeit eine Verbindung gewährleistet. Die Boxen werden bei Next selbst mit den Parametern für den einzelnen Kunden bespielt und dann verschickt. Den Einbau übernehmen Leute vom Hersteller der Erneuerbaren-Anlage oder Wartungspersonal vor Ort.

Die Boxen werden bei sehr unterschiedlichen Kunden eingebaut: Da ist die Trinkwasseraufbereitung am Bodensee, die fünf Millionen Menschen in Süddeutschland versorgt und ihren Strom von Next immer dann bezieht, wenn er besonders günstig ist. Da ist der Biogasproduzent Peter Hecht aus Franken, der seinen Rohstoff nur dann einsetzt, wenn Strom knapp ist. Er sagt: „Biogas ist als Speicher effizienter als jede Batterie.“ Oder Gerd Clasen, Betriebsleiter von KBB Biogas im niedersächsischen Kirchlinteln. Er bietet seit 2013 auch die besonders lukrative Sekundärregelleistung am Strommarkt an, die innerhalb von fünf Minuten zur Verfügung stehen muss. Als Next die Reserve zum ersten Mal abrief, bekam Clasen eine SMS, als er bei Kaffee und Kuchen saß. Er konnte live zuschauen, wie sein Blockheizkraftwerk von Köln aus vollautomatisch runter- und hochgefahren wurde.

Bernhard Timmer, technischer Leiter der LWL-Kliniken in Dortmund, bietet seine Notstromaggregate am Regelenergiemarkt an. Die Dieseltanks sind so groß, dass sie bis zu 35 Stunden Stromausfall überbrücken können. „Da fallen einzelne Regelenergieabrufe von 15 Minuten kaum ins Gewicht“, sagt Timmer. Die Next-Zentrale hat generell auch immer Daten in Echtzeit über den Füllstand der Tanks. Ist so wenig Diesel da, dass die Notversorgung des Krankenhauses gefährdet wäre, wird das Aggregat von Next gar nicht zugeschaltet.

„Gemeinsam sind wir Megawatt“ war einer der ersten Werbesprüche der Kölner, die stolz darauf sind, ein Kraftwerk ohne eigenes Kraftwerk zu sein. Heute heißt der Spruch „Gemeinsam sind wir Gigawatt“. Das Wachstum schlägt sich auch in Geld nieder: Der letzte veröffentlichte Umsatz von 2015 betrug 273 Millionen Euro, der erwartete für 2017 liegt bei 400 Millionen Euro. Seit 2013 schreibt Next schwarze Zahlen, stemmt Investitionen vorwiegend aus Eigenmitteln. Teilhaber der GmbH sind neben Sämisch und Schwill der High-Tech-Gründerfonds HTGF, der Hamburger Fonds Neuhaus Partners und seit Mai 2017 der niederländische Erneuerbaren-Konzern Eneco, der 34 Prozent an Next hält. „Eneco will bei uns vom Geschäftsmodell und der Technologie lernen“, sagt Aengenvoort.

Expansion ins europäische Ausland

Für Next ist aber nicht von Schaden, einen starken Partner an der Seite zu haben. In der Branche herrscht ein extrem harter Wettbewerb. Seit 2012 ist der Abruf an Regelleistung deutlich gesunken. „Und Flexibilität ist am Markt so wenig wert wie noch nie“, beklagt Aengenvoort. So muss Next über Expansion Skaleneffekte heben, weil der Gewinn pro Kilowattstunde so niedrig ist. Zu dieser Strategie gehört auch, dass Next mittlerweile in den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Italien, Polen und der Schweiz aktiv ist.

Dort laufen die Geschäfte nach Aengenvoorts Darstellung ziemlich problemlos. Die Behörden stünden dem neuartigen Geschäftsmodell zum Teil aufgeschlossener gegenüber als in Deutschland. Überhaupt haben sie bei Next Sorge, dass die Bundesrepublik ihre Vorreiterrolle bei der Energiewende verspielt. So könnten zum Beispiel heute Bilanzkreisverantwortliche Preise für die Verrechnung der abgerufenen Mengen der Regelenergie aus Notstromaggregaten festlegen, die das Geschäft völlig unintereressant machen. Eine Forderung der Kölner ist auch, die Entgelte für die Stromnetze zu dynamisieren. Damit sollten diejenigen Nutzer belohnt werden, die sich netzdienlich verhalten, bei Überschüssen im Netz also viel Strom abnehmen und umgekehrt. Das ganz große Thema ist aber der Kohleausstieg. Dabei will Aengenvoort ein Missverständnis aus der Welt schaffen: „Wir profitieren nicht von höheren Strompreisen, aber von mehr Bedarf nach Flexibilität.“

Was Next und die Erneuerbaren gemeinsam leisten, zeigt Systemingenieur Paul Weingart im virtuellen Kraftwerk. Ein Netzbetreiber gibt die Anweisung, schnell überschüssigen Strom aus dem System zu nehmen. Der Next-Algorithmus entscheidet in Sekunden, welche Anlage im Pool wie reagiert. Die Power-to-Gas-Anlage von Greenpeace Energy und Stadtwerk Haßfurth zieht sofort mehr Strom und produziert daraus Gas. „Die Anlage schafft einen Riesenhub in neun Sekunden“, sagt Weingart. Er muss nicht eingreifen, nur auf den Bildschirm schauen. Ein bisschen staunt er immer noch.

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