Virus führt zu Einbußen : Mehrheit aller Kleinunternehmen in China bleibt geschlossen

Zehn Millionen Unternehmen sind besonders von der Krise betroffen. Viele können schon lang keine Löhne mehr bezahlen. Peking befürchtet Unruhen.

Ning Wang
Ein Mitarbeiter inspiziert das Lager in einer Fabrikhalle eines Futtermittelherstellers.
Ein Mitarbeiter inspiziert das Lager in einer Fabrikhalle eines Futtermittelherstellers.Foto: Yang Qing/XinHua/dpa

Die Stimmung bei den privaten kleinen und mittelgroßen Industriebetrieben in China ist auf ein Rekordtief gefallen. Das Coronavirus hat dazu geführt, dass Unternehmen seit Ende Januar geschlossen sind und erst sehr schleppend wieder in die Betriebsabläufe zurückfinden. Der vom Wirtschaftsmagazin Caixin erhobene Index fiel im Februar um 10,8 Punkte auf nur noch 40,3 und damit auf den tiefsten Stand seit 2004.

Analysten hatten für den Februar nur mit einem Rückgang von fünf Zählern gerechnet.

Seit mehr als zwei Wochen fordert Peking die Unternehmen des Landes auf, ihre Geschäftstätigkeit wieder aufzunehmen. Doch der stellvertretende Minister für Industrie- und Informationstechnologie, Zhang Kejian, musste einräumen, dass nur 5,4 Millionen der über 18 Millionen kleineren Unternehmen wieder arbeiten.

Die strikten örtlichen Regularien der Provinzregierungen mit kaum zu erfüllenden Auflagen behindern die Firmen. Das betrifft die Bereitstellung von Arbeitsschutzmitteln, Atemmasken und Schutzanzügen.

Die verantwortlichen Behörden haben erklärt, dass kleine und mittelständischen Betriebe in der am stärksten vom Virus betroffenen Region Hubei für drei Monate bis Ende Mai von Steuerzahlungen befreit sind. Auch Chinas Zentralbank hat schon mehr als einmal Maßnahmen ergriffen, um den, durch den Ausbruch des Coronavirus geschwächten, Motor der zweitgrößten Volkswirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Die Banken sitzen auf faulen Krediten

Vor allem bei mittelständischen Unternehmen ist die Gefahr besonders groß, nicht mehr über genügend Bargeldreserven für die laufenden Geschäfte zu verfügen. Etwa ein Drittel von 1000 befragten Unternehmen gaben laut einer Studie an, zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Krankheit noch über Bargeld für einen Monat verfügt zu haben. Das Geld ist also schon lange ausgegeben. Vielerorts haben inzwischen Arbeitgeber ihre Angestellten entlassen müssen, da sie keine Löhne mehr bezahlen konnten.

Um die kleineren Firmen zu entlasten, sind die Geschäftsbanken Chinas angehalten, auslaufende Kredite zu verlängern, oder neue zu vergeben. Allerdings droht hier die nächste Gefahr, die von Peking vor der Krise noch massiv bekämpft worden war: Die meist staatlichen Finanzinstitutionen und Banken sammeln seit Jahren faule Kredite in ihren Büchern an, die nun bald bedrohlich werden könnten.

So verweist die US-Ratingagentur Standard & Poor’s darauf, dass sich bis Ende des Jahres der Anteil der faulen Kredite von derzeit 1,9 auf sechs Prozent erhöhen könnte.

Peking kombiniert nun eine Reihe von Maßnahmen, um vor allem den privaten Mittelstand zu stützen. Auch über die Provinz Hubei hinaus dürfen Betriebe nun ihre Stromrechnungen später begleichen. Weitere Subventionen in Form von Steuer- und Gebührenerlassungen sollen ihnen Entlastungen verschaffen.

Peking will Unruhen vermeiden

Im Vordergrund steht dabei, den Unmut in der Bevölkerung in den Griff zu bekommen und die soziale Stabilität zu gewährleisten. Denn mit Verlusten von Arbeitsplätzen drohen auch Proteste und Aufstände der betroffenen Arbeitnehmer. Subventionen haben sich als ein bewährtes Mittel erwiesen, die Gemüter der Bürger zu beruhigen.

Peking versucht dabei nicht nach dem Gießkannen-Prinzip einfach Geld auszuschütten. Stattdessen werden gezielt Kredite an bestimmte Unternehmen vergeben. Drei Kriterien sind dabei ausschlaggebend. Zum einen sollen Branchen, die an den Folgen des Coronavirus besonders leiden, auch besondere Hilfen bekommen. Dazu gehören unter anderem die Hotel- und Tourismusbranche, die Gastronomie und auch der Einzelhandel.

Zweitens sollen Regionen, die besonders unter den Folgen leiden, ausfindig gemacht werden, um im dritten Schritt in den jeweiligen Branchen die systemisch wichtigen Unternehmen ausfindig zu machen und gezielt zu unterstützen. Alle diese Maßnahmen zielen vorrangig auf kleinere Unternehmen.

In der vergangenen Woche haben die in China ansässigen ausländischen Unternehmen darüber geklagt, dass sie unter den Folgen des Coronavirus und des dadurch erzeugten Stillstands der chinesischen Konjunktur genauso leiden wie die heimischen Firmen. So gibt jedes zweite Unternehmen an, dass der Umsatz im ersten Halbjahr voraussichtlich zweistellig einbrechen wird.

Nur die Hälfte der ausländischen Firmen rechnet damit, das Geschäftsziel 2020 zu erreichen.

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